Adventkalender 2019 / Türchen Nr. 22

Zum 4. Adventsonntag vorm Adventkranz, mit einer Tasse Tee in den Händen und Wollsocken auf den Füßen – wieder eine Weihnachtsgeschichte. Und von der Sache mit den Christbäumen.

Ich, die Silbertanne.
Berlin, nachmittags um drei

Seit sechtzehntausendsiebhundertneunzig Tagen stehe ich am selben Platz. Sechsundvierzig Jahre sind das. Bewegt habe ich mich kaum, höchstens ein paar Dehnübungen im Sturm. Von mir kann man nicht behaupten, ich sei ungeduldig, rastlos oder gar fahrig. Seit sechsundvierzig Jahren sehe ich hier auf einem Feld in Berlin Grunewald und warte, dass ich wachse und endlich groß bin. Ach, übrigens, ich bin eine Silbertanne. Du darfst mich Alfred nennen.

Die Zeit vergeht in Zeitlupe, wie’s mir scheint. Manchmal döse ich ein und habe dann keine Ahnung, was ich alles verschlafen habe. Ich orientiere mich an den Jahreszeiten. Der Frühling bringt Frische, der Sommer den heißen Wind, der Herbst den Duft der Veränderung, und im Winter fliegt das Christkind vorbei. Es ist ein ewiger Kreislauf. Ein Zyklus, wie die Menschen sagen, die ihre Saat auf den Feldern anbauen, Erdäpfel, Kukuruz, Paradeiser und was-weiß-ich. Es sind Bauern mit grauen Hüten, die alles ernten. Einige Zeit später rieselt der Schnee auf die Erde, als hätten die Engel Schuppen. Ich kann nicht behaupten, dass ich Schnee besonders mag. Er macht mich so schwermütig. Wenn er schmilzt, im Frühjahr, fühle ich mich um vieles leichter.

Wenn du jetzt glaubst, ich lungere da nur herum, irrst du dich. Ich bin schon einer, der sich seiner Wurzeln besinnt. Meine Geschwister und ich, wir sind eine kleine Gruppe von Einzelgängern. Ihr nennt so was Wald. Bäume, musst du wissen, sind stolze Lebewesen. Manche Menschen haben das vergessen. Sie gehen mit der Natur um, als würde sie jemand anderem gehören, jemandem, der ihnen egal ist. Sie behandeln die Natur, wie sie Orangen essen. Sie pressen sie aus, trinken den süßen Saft und schmeißen die Schale weg. Wir Bäume aber, und das möchte ich bitte betonen, wir sind lebenswichtig für die Menschen. Wie andere Pflanzen können wir zaubern. Wir wandeln giftige Luft in gute Luft um. Danken tut uns das so gut wie niemand. Du kannst sagen, mein Gott, Alfred, bist du aber wieder schlecht drauf heute, mieselsüchtig geradezu. Ich sag dir ein, mein junger Freund: Bäume sind keine Clowns. Sie machen keine Faxen. Silbertannen schon gar nicht. Wir sind elegante Wesen, mächtige Kerle, keine Sesselfurzer. Manche von uns werden fünfhundert Jahre alt.

Ah, da kommt ein Kind. Rote Mütze, weißer Parka, Schuhe aus Fell. Lieb, die Kleine. ich mag zum Beispiel keine Rehe. Die beißen mir oft seitlich in die Rinde, das kitzelt und ist lästig, sag‘ ich dir. Aber als Baum kannst du dich ja nicht wehren.

Krähen rasten sich gern aus auf mir. Sie kommen angeflogen und legen eine Pause ein, als wär ich eine Jausenstation. Na ja, eigentlich wollte ich dir was über Weihnachten erzählen.

Für uns Bäume ist das so eine Sache. Es ist schon eine schöne Aussicht, wenn die Menschen uns in ein hübsches Gewand stecken, so mit Girlanden, Watte und Lametta, in Blau, Rot, Silber oder Gold, mit Kerzen auf den Kasten und einem Weihnachsstern obenauf, als Krönung. Ich mein‘, das ist schon was für einen Baum, wenn er ein Christbaum sein darf. Insbesondere wenn ihn die Kinder am Heiligen Abend sehen, wenn ihre Augen vor Freude glänzen und wenn sie sagen: Oh, Mami, der ist aber schön. Als Baum ist man da schon stolz. Da funkelt sogar eine Silbertanne wie ich. Aber nachher, daran denken die Wenigsten, nachher sind wir tot. Deshalb leben wir Leiber ohne die Aussicht auf Abwechslung und hoffen, dass uns niemand absägt im Dezember.

Es ist noch nicht so lange her, da dürften die Menschen ein bisschen darüber nachgedacht haben. Jedenfalls hat sich da eine Möglichkeit aufgetan, die uns allen helfen könnte. Uns, damit wir Christbäume sein können, ohne zu sterben. Und den Menschen, weil wir weiter für sie Luft Umzaubern können. Man uns ja einfach mit den Wurzeln ausgraben. Und nachher wieder eingraben. An einem anderen Platz, von dem aus man die Welt einmal ganz anders sieht. Seither freue ich mich wieder auf Weihnachten.

Warte kurz, dort vorn, sehe ich gerade, bleibt ein großes Auto stehen, ich glaube, sie nennen es einen Kombi. Ein man steigt aus und schaut sich um. Die Kleine von vorher winkt ihm. Der Mann trägt Handschuhe. Er zeigt auf mich. Er holt eine Schaufel aus dem Kofferraum. Vielleicht habe ich ja Glück.

(vgl. 24 Fenster. Der Adventkalener zum Lesen. Ein Märchenbuch von Andrea Feuriger & Thomas Köpf mit Illustrationen von Arthur Bodenstein; edition active beauty dm; S. 50-52)


… Und das Angebot des lebenden Christbaums gibt es tatsächlich!

Greentree vermietet lebende Bäume inklusive Lieferung und Abholung. Für heuer sind sie leider schon ausverkauft – aber 2020 werde ich das ins Auge fassen (Stefan, du weißt schonmal Bescheid!). Den Tipp habe ich von einer Freundin bekommen, die bestätigt, dass das alles super geklappt hat!

Abgesehen davon, dass man dem Baum und der Umwelt was Gutes tut – man hat auch nicht diese lästigen Nadeln im ganzen Haus rumliegen, wenn der Baum langsam stirbt und vertrocknet… Ist also eine Überlegung wert – was meint ihr?

2 Kommentare zu „Adventkalender 2019 / Türchen Nr. 22

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