Adventkalender 2019 / Türchen Nr. 15

Eine Weihnachtsgeschichte für den 3. Adventsonntag.

Manchmal braucht man gar nicht zu sehr zu rütteln, wenn der Himmel einstürzen soll. Eine einzige ungeschickte Bewegung genügt dann, und er bricht über uns zusammen. Später – nach dem wir ihn wieder aufgerichtet und notdürftig geflickt haben – könnten wir fast darüber lächeln. Wir könnten es tun! Doch wir lassen es schließlich, weil wir die Erinnerung nicht Weglächeln können. Wenn eine Puppe zerbricht, geht einem Kinde die Welt unter. (Freilich nur vorübergehend.)

Bei Steinthal und Frau kam es so: Sie waren ein halbes Jahr verheiratet, bewohnten irgendwo zwei Zimmer und gingen beide ins Büro. Er war Buchhalter im Kaufhaus Goldmann. Sie befaßte sich in einer Filiale der Deutschen Bank mit Kontoauszügen. So hätten sie ganz anständig leben können, wenn sie nicht das für heute recht anspruchsvolle Bedürfnis gehabt hätten, eigene Möbel zu besitzen. So hatten sie nach ihrem in den Bayrischen Alpen verbrachte vierzehntägigen Hochzeitsurlaub damit begonnen, ihre zwei leergemieteten Zimmer hübsch und behaglich einzurichten. Mit dem traurigen Resultat, daß sie seitdem Monat für Monat an den Tapezierer Gerstmann fünfzig Mark, an den Malermeister Fritsche zwanzig Mark, an die Möbelfirma Hecht siebzig Mark und an ein Gardinengeschäft in der Seitengasse dreißig Mark abzuzahlen hatten. Hundertsiebzig Mark im Monat!

So kam es, daß sie von einem Spaziergang durch die Altstadt an einem Dezemberabend sehr herabgeströmt nach Hause zurückkehrten. Und so kam es, daß die junge Frau, am Fester stehend, sagte: „Weißt du … ich glaube, wir werden uns nichts zu Weihnachten schenken können.“
„Es ist zwar das erste Weihnachten seit unserer Hochzeit“, meinte er bedrückt und wußte nicht weiter.
„Das hilft alles nichts. Wir holen es im nächsten Jahre nach.“
„Gut.“, sagte Steinthal.
„Versprich mir, daß du kein einziges Geschenk kaufen wirst!“
„Aber nur, wenn du dasselbe versprichst …“
„Selbstverständlich.“ Steinthal und Frau waren sich einig.

Wenn er nun vom Büro aus abends durch die Geschäftsstraßen lief, wagte er kaum, in die Schaufenster zu sehen, und die blieb er auch nur einen Augenblick vor ihnen stehen. Er konnte ihr nichts schenken. Und außerdem, er durfte es ja nicht einmal.

Einen kleinen Christbaum hatten sie natürlich gekauft. Ein bißchen Schokolade und ein paar Fäden Silberhaar hingen auch daran. Doch als sie dann am Heiligen Abend auf dem kleinen grünen Sofa saßen, das noch nicht ganz bezahlt war, fühlte er sich elend und bemitleidenswert. Sie zündete das halbe Dutzend Kerzen an, das, wie der Krämer beschworen hatte, nicht tropfen würde. Er schaute betrübt lächelnd zu, führ ihr verlegen streichelnd über den Rücken und sagte: „Du hättest doch einen reichen Mann nehmen sollen. Es ist schon wahr, wir haben unsere Möbel … Satt gegessen haben wir uns ja wohl auch … Aber trotzdem, ich hätte dir so gern irgend etwas Hübsches geschenkt. In der Seestraße, bei Blusen-Pracht, lachen so schöne …“ Da war sie aber schon ins Nebenzimmer gelaufen, und er saß allein. „Alter Esel“, meinte er zu sich selbst, „nun sitzt sie nebenan auf dem Bett und heult.“

Plötzlich fühlte er ihre Hände vor seinen Augen. Ein Schreck durchfuhr ihn. Und sein Herz begann laut zu klopfen.

„Du darfst mir nicht böse sein“, hörte er sie sprechen. „Du darfst nicht böse sein, aber ich brachte es nicht übers Herz.“
Dann löste sie ihre Hände von seinem Gesicht. Vor ihm, auf dem Tisch, lag eine grün und schwarz gestreifte Krawatte, und daneben glitzerten, in einer kleinen samten ausstaffierten Schachtel, zwei schöne Manschettenknöpfe …

Es waren unheimliche Minuten. Er brachte kein Wort heraus. Ihr Gesicht, das eben noch vergnügt getan hatte, verzog sich Zug um Zug, bis es ganz ängstlich und verzweifelt aussah.

Er erhob sich, legte die Geschenke beiseite, dasselbe sie vom Tisch fielen, und holte Hut und Mantel. Als er angezogen zurückkam, saß sie auf dem (noch nicht völlig bezahlten) Teppich, suchte die Manschettenknöpfe zusammen und schluchzte.

Beide waren so unglücklich! Er, weil er sein Wort gehalten, und sie, weil sie ihm etwas zu Weihnachten geschenkt hatte. Sie wußten sich keinen Rat. Sie kamen nicht auf den Gedanken, einander Vorwürfe zu machen. Denn jeder wußte vom anderen: er hat es gut gemeint.

Sie waren nur hoffnungslos traurig. So traurig, wie eigentlich nur Kinder sein können. Es ist schon so: der Himmel war eingestürzt Alles war zertrümmert.

So blieb es lange … Er stand in Hut und Mantel an der Tür. Sie saß auf dem Teppich und weite die neue Krawatte naß.

Später wagte sie es, den Kopf ein wenig zu heben, und fragte flüsternd: „Bist du mir sehr böse?“
Da kniete er in Hut und Mantel neben ihr nieder und sagte beinahe lächelnd: „Nein.“

Und dann begannen sie, den Himmel wieder aufzurichten.

Das war eine sehr traurige und zugleich sehr glücklich machende Weihnachtsbeschäftigung.

(vgl. Erich Kästner, Interview mit dem Weihnachtsmann. Kindergeschichten für Erwachsene, 2005, S. 5-8)

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