#92 – Samaritan Volunteers / Ein Krimi auf wahrer Begebenheit

Das Kapitel Tansania und vor allem das Kapitel Samaritan Volunteers (ihr erinnert euch… die Schule, bei der ich nach einer Woche die Flucht ergriffen habe) war zwar irgendwie schon längst abgeschlossen, nachdem ich bei Peter und Astrida untergekommen bin und inzwischen sogar schon das Land verlassen habe. … Nachträglich muss ich aber noch eine Geschichte mit euch teilen, weil sie einfach ZU unglaublich ist. Denn eine Woche nachdem ich bei Samaritan Volunteers abgereist bin, entdecke ich um 6:30 Uhr morgens fünf Anrufe und einige Nachrichten von Theresa auf meinem Display und bin plötzlich hellwach…

Von Theresa habe ich euch in meinem letzten Blogartikel schon berichtet – eine ganz liebe deutsche Volontärin bei Samaritan Volunteers. Auch nachdem ich nach einer Woche fluchtartig abreise, bleiben wir in Kontakt. Sie selbst wäre zwar gerne zeitgleich mit mir gegangen, hatte aber schon einen Monat im Voraus bezahlt und sich vorgenommen Emanuel das Geld nicht zu schenken. Inzwischen ist auch Simon dazugekommen, ein weiterer Volontär aus Schweden.

Samstag, 06:30 Uhr und hellwach

Am Sonntag, 29.09.2019, eine Woche nachdem ich Emanuels Haus verlassen habe, wache ich um 06:30 Uhr morgens auf, blicke verschlafen auf mein Handy… und sitze plötzlich aufrecht im Bett. Theresa hat seit 02:30 Uhr fünf Mal versucht mich zu erreichen und mir WhatsApp-Nachrichten geschickt. Es ist alles eskaliert, sie müssen weg und wollen zu mir kommen. Mein Herz rast. Ich rufe zurück. Mehrmals. Niemand hebt ab. Mein Herz gibt noch etwas Gas. Was kann passiert sein? Was ist seit dem passiert? Wo ist sie? Geht es ihr gut? Warum habe ich bloß mein Handy auf lautlos geschalten? … Und dann sagt mir WhatsApp: „Theresa schreibt…“ Zumindest ein Funken an Erleichterung.

Eskalation

Als ich allerdings lese WAS sie schreibt, bin ich gleich nicht mehr erleichtert. Simon und sie haben sich zusammen in ihrem Zimmer eingeschlossen, weil sie Angst vor Emanuel haben. Daher kann sie auch nicht telefonieren. Langsam, nach und nach, schreibt sie mir grob was passiert ist und ich kann nicht glauben was ich lese: Emanuel ist im Alkoholrausch durchgedreht und hat einen Freund, der ebenfalls im selben Haus wohnt, mit einem Messer bedroht. Abends gab es dann einen großen Streit zwischen ihm und seiner Frau. Er hat sogar versucht sie zu würgen! Simon ist dazwischen gegangen, was bei Emanuel für noch mehr Wut statt Einsicht gesorgt hat. Alles Geschirr und sehr viel Einrichtung sind zu Bruch gegangen, die Wohnung muss fürchterlich ausgesehen haben… Er soll all unser Geld für die Miete in Alkohol investiert haben. Für die Schule ist nichts übrig geblieben… Und es soll nicht das erste Mal sein, dass so etwas vorkommt. Seine Frau hat sehr viele Narben – eine riesige davon mitten im Gesicht. Das soll er gewesen sein. Ich fasse es nicht! Das liest sich alles wie ein Krimi und ich fühle mich als wäre ich in einem Film gefangen. Nach dieser nächtlichen Eskalation sind Theresa und Simon dann mit all ihrem Hab und Gut in ein Zimmer geflüchtet. Soviel zur Kurzform der Vorgeschichte…

Planlosigkeit

Während wir da so hin und herschreiben, ich auf dem Laufenden gehalten werde und wir versuchen eine Lösung zu finden, spreche ich mit Peter, meinem Gastgeber, ob Theresa hierherkommen und für ein bis zwei Nächte bleiben kann. Er willigt sofort ein und bietet auch an ein Taxi zu schicken, das sie abholen könnte. Außerdem stellt er in den Raum, ob es nicht vernünftig wäre die Polizei zu rufen. Die beiden schließen Letzteres sofort aus.

Es vergehen zwei Stunden der Planlosigkeit und das gemeinsame Wälzen vieler Fragen per WhatsApp. Wie zum Geier sollen sie aus dem Zimmer kommen? Mit all ihrem Gepäck? Wird die Eingangstür offen sein? Wird das Tor offen sein? Theresa hat sich schon mit dem Gedanken angefreundet ihr Gepäck im Haus zu lassen und nur mit dem Allerwichtigsten zu gehen. Gefühlt befinden sich die beiden in einer Geiselnahme. Plötzlich berichtet sie, dass er durchs Haus geht und an alle Türen klopft. Panik steigt hoch. Nicht nur bei ihr. Auch bei mir. Ich merke, dass sie wirklich große Angst hat. Zum Glück ist sie nicht alleine… Emanuel fragt nur nach Simon. Die beiden verhalten sich ruhig, sagen keinen Ton.

Es ist ruhig im Haus. Plötzlich entscheiden sie: Sie gehen zur Hauptstraße und bestellen von dort ein Uber. Ich beginne zu beten, dass der Weg dorthin problemlos klappt. Plötzlich keine Reaktion mehr. Zwanzig Minuten lang. Ich starre auf den Display meines Handys. Nichts. Sind sie jetzt tatsächlich schon losgegangen? War Emanuel da? Hat er sich einfach gehen lassen? Gab es Diskussion? Vielleicht Streit? Können sie überhaupt das Haus verlassen? Geht es ihnen gut?

Erlösung … oder so

Und dann: Die erlösende Nachricht: „Wir sind draußen.“ Ich springe auf! Juhu!

… Aber die Erlösung hält leider nicht sehr lange an. Sie sind bereits auf der Hauptstraße und bestellen ein Uber. Leider ist der Weg für den Uber-Fahrer zu weit und er storniert die Fahrt. Frustration. Was nun? Ein zweiter Versuch mit Uber? Oder doch lieber ein Taxi von der Straße? Mit dem Bus ist es jedenfalls zu weit… Wie vom Himmel geschickt werden die beiden von einem Einheimischen angesprochen. Er bietet ihnen an sie privat zu mir zu bringen. Offenbar sieht er ihnen die Verzweiflung an… Zumal sie ja auch die Nacht durchgemacht haben und total erledigt sein müssen. Theresa schreibt, dass er sein Auto holt. Ich bin beruhigt und lasse mich wieder ins Sofa fallen…

Das war noch nicht alles

Erleichtert bin ich aber nur bis Theresa mir plötzlich schreibt: „Er ist da! Ich hab Angst!“ Ich bin komplett außer mir und will wissen wo er ist und was er tut. Theresa antwortet nicht. Mir steht der Schweiß auf der Stirn… Später erzählt sie mir, dass er seelenruhig gefragt hat wo sie denn hinfahren und warum sie denn gehen? Sie fragen ihn, ob er sich nicht an die letzte Nacht erinnern kann. Doch kann er schon, aber was denn so schlimm sei? Die beiden sind sprachlos… Und in diesem Moment kommt glücklicherweise das Auto, das sie zu mir bringt.

Wiedersehen

Während die beiden im Auto sitzen, räume und putze ich in meinem Zimmer, das ich für die nächsten Nächte eventuell mit Theresa teilen werde und laufe zum Markt um Frühstück zu besorgen.

Eine Stunde später sind sie endlich da und wir sind so glücklich uns umarmen zu können. Unter diesen Umständen habe ich mir ein Wiedersehen mit Theresa beim Abschied vor einer Woche definitiv nicht vorgestellt…

Bei Chapati, Mandasi, Erdnussbutter, Obst und Mangosaft erzählen sie mir die ganze Geschichte von Beginn bis Ende und ich kann aufs Neue nicht fassen was da letzte Nacht passiert ist. Kein Film. Keine Serie. Keine Story von irgendwem der irgendwas mal irgendwo erlebt hat. Eine wahre Geschichte von jemandem, der mir gegenübersitzt und der der Schreck noch tief in den Knochen sitzt.

Ende gut, alles gut

Schlussendlich bleibt Simon eine Nacht in einem Zimmer, das schnell für ihn hergerichtet wird, und Theresa zwei Nächte bei mir im Zimmer. Peter und Astrida, meine Gastgeber, haben die beiden mit offenen Armen aufgenommen und ihnen das Gefühl vermittelt, dass sie sich sicher und Zuhause fühlen können. Nach so einem Erlebnis ist es unbezahlbar zu wissen, was für gute Seelen es in Tansania gibt.

P.S.:

Ich habe Theresa diesen Artikel natürlich zur „Freigabe“ geschickt – ich will ja nicht über sie berichten ohne dass sie etwas davon weiß und schon gar keine Unwahrheiten erzählen. Sie sagt: „Klingt irgendwie harmloser als es tatsächlich war, aber passt für mich!“ … Ihr könnt euch also vorstellen was da wirklich abgegangen ist… Wenn es sich noch ergibt – vielleicht kann ich früher oder später noch eine „Theresa-Version“ nachreichen.

10 Kommentare zu „#92 – Samaritan Volunteers / Ein Krimi auf wahrer Begebenheit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.