#86 – Egalitarian School – Part of the team

Nach der ersten – emotional eher anstrengenden Woche – in der Egalitarian School werde ich in Woche zwei der ersten Klasse der Primary School zugeteilt. Es sind wieder 16 Kinder in der Klasse – diesmal zwischen sechs und acht Jahren. Um die Spannung gleich vorweg zu nehmen: Ich werde auch hier sehr gefordert, habe aber eine bessere Verbindung zu den Kids, sehe täglich viele lachende Gesichter, fühle mich dann auch von Tag zu Tag mehr als Teil des Lehrerteams und groove mich in das gesamte Leben hier in Viwege so richtig ein.

Gleich am ersten Tag möchte Sir Menase, der Lehrer der Klasse, mir das Ruder übergeben. Er denkt ich bin auch in Europa Lehrerin. „Ähm… Nein bin ich nicht. Ich habe noch nie zuvor unterrichtet… Ich wäre echt dankbar, wenn ich den ersten Tag mal zuschauen dürfte wie du das machst.“, kläre ich ihn mit einem vorsichtigen Lächeln auf. Glücklicherweise hat er Verständnis. 😉

An Tag zwei wage ich mich dann schon einmal an die Mathematik-Einheit. Wir lernen zweistellige Zahlen zu addieren. Das bekomme ich gerade noch hin.

Ende der Schonfrist

Ab Mittwoch ist meine Schonfrist vorbei und ich übernehme den ganzen Tag, während Sir Menase mir zur Seite steht und nur eingreift, wenn ich nicht mehr weiter weiß. Ich wähle jeweils vier Fächer aus den folgenden: Mathematik, Schreiben, Lesen, Zeichnen und Gesundheit & Umwelt.

Die Kinder dürfen in der Schule ausschließlich Englisch reden. Das ist einerseits gut, weil sie so rasch lernen zu kommunizieren. Andererseits schwierig, weil sie nur die Hälfte von dem verstehen was ich ihnen versuche zu erklären. Ich wende daher alle mir zur Verfügung stehenden Mittel an die englischen Worte auch per Zeichnen und Pantomime zu erklären.

Ein Tag in der Egalitarian School

Ich versuche mich also an die afrikanische Art zu unterrichten anzulehnen und bringe zugleich mein eigenes System hinein. … Was blöderweise sehr viel Zeit erfordert und ich mit den Einheiten (je 40 Minuten) ziemlich ins Schleudern komme. Für diese eine Woche werden da die Augen zugedrückt. So verfliegen die Tage – auch durch den straffen Zeitplan und die Tatsache, dass ich ganztags in der Schule bin und der Zeitplan straff ist.

07:30 Uhr assembly vor der Schule

08:00 Uhr Unterrichtsbeginn in den Klassen

10:00 Uhr Porridge

Alle Kinder versammeln sich in einer Klasse. Gegessen wird am
Boden, da der Speisesaal aufgrund von Geldmangel bisher noch nicht fertiggestellt werden konnte.

10:45 Uhr Der Unterricht geht weiter

13:30 Uhr Mittagessen

16:30 Uhr assembly vor der Schule

16:45 Uhr Ab nach Hause

Zuckerbrot und Peitsche

Wie auch in der Babyclass sind die Leistungsunterschiede im Unterricht enorm. Einige Kinder verstehen alles, können auf Englisch fragen, antworten und lesen, schreiben schön und fast fehlerfrei. Andere verstehen kein einziges Wort und sind vom Lesen können weit entfernt. Das bringt mich regelmäßig zur Verzweiflung. Ich möchte schließlich die Guten fördern und fordern. Und die Schlechten mitnehmen und ihnen auch etwas beibringen. So fühlt sich also das Lehrerdasein an. Kein leichtes Unterfangen…

Zumindest habe ich aber soweit einen guten Draht zu ihnen und Sir Menase meint, dass die Kinder meinen Unterricht mögen. Ich lerne ihnen auch, dass man nicht „Ruuuubbeeer! Ruuuubbeeer!“, schreit, wenn man einen Radiergummi benötigt. Man geht zu seinem Schulkollegen und fragt: „Can I borrow your rubber please.“ Ich bin stolz, dass sie sich das tatsächlich angewöhnen.

Besonders beliebt sind meine eingeführten Sternchen, die es für fehlerfreie Hausübungen gibt. Rasch wird nach der Rückgabe des Hefts die Seite aufgeblättert und die Augen erstrahlen, wenn da ein „bigi bigi star“ zu sehen ist. 

Allerdings: Von Tag zu Tag merken die Kids aber auch, dass es von mir keine Schläge gibt (wie das sonst so die Regel ist), wenn die Hausübung nicht gemacht ist oder sie laut sind. Das wird ausgenutzt und immer weniger auf mich gehört. Da kommt es schonmal vor, dass ich so laut brülle, dass mir abends der Hals weh tut und mich die Kinder verdutzt ansehen.

Part of the team

Von Tag zu Tag lebe ich mich so mehr in das Leben in Viwege ein. Ein Alltag entwickelt sich. Ich gehe um 07:15 Uhr zur Schule, unterrichte, gehe um 16:45 Uhr wieder nach Hause. Auf dem Weg kaufe ich ein und probiere mich an meinen bisher erlernten Swahili-Kenntnissen. Die Menschen im Dorf scheinen mich inzwischen zu kennen und ich bin schon nach etwas mehr als einer Woche richtig in meinem neuen Zuhause angekommen.

Auch das Lehrerteam nimmt mich mit offenen Armen auf, ich bin bei Besprechungen und Meetings dabei. Außerdem haben sie sich abgewöhnt mich – wie in den ersten Tagen – wie eine Besucherin und einen Gast zu behandeln. Ich bin jetzt Teil des Teams und Lehrerin wie jede andere von ihnen.

Umso schwerer ist der Abschied Mitte Oktober, nach nur zweieinhalb Wochen, die sich wie Monate anfühlen. Nachdem jeder und jede ein paar Worte gesagt hat, bekomme ich sogar ein Kanga (Tuch) als Abschiedsgeschenk überreicht, für das alle Lehrerinnen und Lehrer zusammengelegt haben. Ich werde es in Ehren halten! … Und kann es beim Heimgehen auch gleich als Regenschutz nutzen. 😉

Auch ich habe eine Überraschung für alle Kids und Lehrer dabei. Wie hell die Kinderaugen geleuchtet haben, erzähle ich allerdings im nächsten Beitrag.

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