#85 – Egalitarian School – Von einem Lehrerstreik und zwei Seiten einer Geschichte

Die erste Woche in der Egalitarian School war emotional nicht nur anstrengend aufgrund der kleinen bösartigen Zwerge. Das ewig lange Meeting, aufgrund dessen ich in der Babyclass fast meine Nerven verloren hatte, hatte einen bestimmten Grund: Die Lehrerinnen und Lehrer haben für den letzten Monat nur den halben Gehalt bekommen. Ich fürchte im falschen Film zu sein… Schon wieder eine Katastrophen-Schule? Muss ich nochmal meine Sachen packen und mir ein anderes Plätzchen suchen?

Zurückhaltung

Als ich von der Tatsache des halben Gehalts erfahre, läuten meine Alarmglocken. Mit Ungerechtigkeit und Geldthemen kann ich in letzter Zeit noch schlechter umgehen als sonst… Da zwei Wochen Ferien waren, in denen die Lehrerinnen und Lehrer nicht gearbeitet haben, wurde für diese Zeit Gehalt ausbezahlt. Soweit die erste Information, die ich erhalte. Durch meine bisherigen Erlebnisse, ist mein Nervenkostüm solche Themen betreffend eher dünn. Ich gehe sofort vom schlechtesten Fall aus. Fürchte wieder in einer Katastrophen-Schule gelandet zu sein. Und dass die Zuständigen doch nicht so in Ordnung sind, wie ich dachte. Habe sofort das Gefühl über’s Ohr gehaut worden zu sein – wie man das sprichwörtlich bei uns sagt. Ich ergreife innerlich sofort Partei für die Lehrerinnen und Lehrer. Derzeit weiß ich aber offiziell noch nichts von dieser Sache und muss mich in Zurückhaltung üben. Angeblich wird es noch ausgezahlt…

Lehrerstreik

Als am nächsten Tag feststeht, dass doch nichts mehr ausbezahlt wird, beschließen die Lehrerinnen und Lehrer zu streiken. Nach dem Porridge um 10 Uhr sind nur noch der Head Teacher, eine Lehrerin und ich da… Mit 100 Kindern. Unterrichtet wird daher bis Mittags mal nicht. Ich bin auf 180. Rede jetzt auch mit dem Head Teacher, der mir die Situation offiziell erklärt. Ich erhalte zwar keine neuen Informationen, bin mir aber jetzt sicher, dass ich abends mit Peter und Frederik, dem Schulmanager, sprechen werde. Ich rege mich sogar so auf, dass ich in Erwägung ziehe die Schule zu verlassen. Für so eine Organisation möchte ich nicht arbeiten! Vernünftig wie ich bin werde ich mir aber natürlich die andere Seite der Geschichte – die der Schulleitung – anhören. Ob es dafür einen plausiblen Grund gibt?!

Der Streik ist inzwischen bis zur Schulleitung durchgedrungen. Zum Mittagessen erhalten wir die Information, dass die Auszahlung nun stattfindet. Die Lehrerinnen und Lehrer kommen zurück. Das Gespräch wird abends trotzdem stattfinden, nehme ich mir fest vor.

Die zweite Seite der Geschichte

Weil ich mir als die neue Anja ja kein Blatt mehr vor den Mund nehme, spreche ich den Verlauf des Tages direkt beim Abendessen an. Meine Laune ist auch unverkennbar – Peter und Frederik merken, dass ich „not amused“ bin. Wir führen über ca. 1,5 Stunden eine wirklich spannende und ehrliche Diskussion über ihre Sicht der Dinge und gesetzliche Unterschiede zwischen Europa/Österreich und Tansania.

Was ersteres betrifft: Offensichtlich war mit den Lehrerinnen und Lehrern für die Ferien ausgemacht, dass sie kein Gehalt bekommen, aber in der Schule Nachhilfe geben dürfen und das den Eltern extra verrechnen. Die Eltern haben für diese zwei Wochen auch kein Schulgeld bezahlt. Die vollen Gehälter zu bezahlen ist daher einerseits nicht vereinbart und andererseits finanziell schwierig. Auf die Frage, ob das vertraglich schriftlich vereinbart ist, wird verneint. Angeblich wussten alle Lehrerinnen und Lehrer davon und es wurde mündlich mitgeteilt. Meine Wut legt sich damit und etwas Verständnis kommt auf. Learning: Jede Geschichte hat auch eine zweite Seite.

Aussage gehen Aussage

Die Lehrerinnen und Lehrer wiederum sagen, dass sie durch die Nachhilfe niemals auch nur annähernd so viel einnehmen können wie sie Gehalt bekommen würden. Sie können so ihre Lebenserhaltungskosten nicht decken. Sie mussten also ein Zeichen setzen.

Die Schulleitung wiederum ist enttäuscht, dass Meetings während der Schulzeit abgehalten werden und einfach gestreikt wird. Die, die wirklich darunter leiden sind nämlich die Kinder – denn sie werden nicht unterrichtet. Und in Folge werden sich die Eltern beschweren. …. Die Lehrer haben somit ihr Ziel erreicht und auf sich aufmerksam gemacht.

Ich realisiere, dass ich mich auf keine Seite stellen kann und möchte, da ich auch nicht beurteilen kann was im Voraus tatsächlich wirklich vereinbart wurde, beide Seiten zu einem gewissen Grad verstehen kann. Und ebenso für gewisse getätigte Aussagen gar kein Verständnis aufbringen kann.

Peter und Frederik empfehle ich – auch wenn es einen Headteacher gibt – ab und an, oder zumindest für so wichtige Diskussionen alle an einen Tisch zu holen und darüber zu sprechen. Nicht, dass ich glaube, dass es wirklich durchgesetzt wird – aber es ist das einzige, das ich zur Klärung beitragen kann.

Balsam für die Seele

Dass ich einen guten Beitrag geleistet habe, bestätigt mir Frederik. Am Ende meines Aufenthalts bedankt er sich für die guten Gespräche, die vielen Fragen, die ich gestellt habe und die manchmal konstruktive Kritik. Das ist Balsam für die Seele. Ich bin stolz (!) und zufrieden. … Und glücklich, dass ich frühzeitig und überstürzt abgerauscht bin.

Merke das Fazit dieses Erlebnisses: Jede Geschichte hat mehr als eine Seite.

Ein Kommentar zu „#85 – Egalitarian School – Von einem Lehrerstreik und zwei Seiten einer Geschichte

  1. Anja das ist eine so tolle Seite an dir, das du kein Gespräch scheust und ehrlich deine Meinung sagst und auch hinterfragst:) Ich glaube Frederik wird nicht so oft ein Mädchen das das ehrlich anspricht , untergekommen sein:):) du bist spitze:)

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