#84 – Egalitarian School – Karma? Oder auch: Von 4-Jährigen zum Weinen gebracht

Die erste Woche in der Egalitarian School verbringe ich in der Babyclass. An der Seite von Madame Mwanahamisi helfe ich 16 Zwerge im Alter von ca. vier bis maximal sechs Jahren zu unterrichten. Ganz anders als im Kindergarten von Joy finde ich leider keinen Zugang zu den Kids… Was mir die ersten fünf Tage nicht besonders einfach macht. Und mich schlussendlich zur Verzweiflung bringt.

Im Kindergarten of Joy wird ständig und viel gelacht. Die Kinder kennen kaum Berührungsängste, wollen kuscheln und spielen. In der Babyclass der Egalitarian School lächelt kaum ein Zwerg zurück – auch wenn ich mein hübschestes oder lustigstes Grinsen auspacke… Alle sind sehr verhalten. Ich frage mich, ob es an der einfach strikteren und strengeren Erziehungsweise und der einfach komplett anders geführten Schule liegt?!

Der erste Tag

Am Montag halte ich mich noch sehr im Hintergrund, helfe mal hier und mal da etwas zu verbessern oder Hausübungen in die Hefte zu schreiben. Vielleicht tauen sie ja noch auf… Die Kinder hören total brav auf Madame Mwanahamisi. Es ist so schön ruhig in der Klasse. Das wiederum ist ein Segen im Gegensatz zu den bisher besuchten Schulen. Bei den Übungen haben die Kinder so die Möglichkeit sich wirklich zu konzentrieren. Wir folgen dem tatsächlich vorhandenen Stundenplan: Erst eine Stunde Zahlen lernen, danach Buchstaben schreiben. Später gibt es noch eine Stunde Zeichnen. Die Leistungsunterschiede sind sehr unterschiedlich. Von „Formen alleine zeichnen können“ bis „Keine punktierte Linie nachziehen können ist alles dabei…

Den restlichen Tag verbringen wir mit Frühstück / Porridge, Schlafen, Singen und Mittagessen. Um 16:30 Uhr ist der erste Tag geschafft.

Ab ins kalte Wasser

Am Dienstag komme ich etwas mehr aus meiner Komfortzone und versuche die Lehrerin mehr zu unterstützen. Als sie die Klasse säubert beschließe ich mit den Kindern draußen ein paar Übungen zu machen. Wir strecken uns, schütteln uns, gehen wie Pinguine, Enten und hüpfen wie Frösche. Ich merke, dass die Zwerge unendlich viel Energie haben, extrem laut sind und mir ungern zuhören, mich auch nicht wirklich als Lehrerin akzeptieren. Das Folgen funktioniert ganz offensichtlich nur bei Madame Mwanahamisi. Ganz schön anstrengend…

Verzweiflung

Das steigert sich dann am Mittwoch noch. Morgens erfahre ich, dass die Lehrerinnen und Lehrer ein Meeting haben werden und ich alleine mit den Kindern in der Klasse sein werde. Das klingt einfacher, als es dann schlussendlich ist. Die Kinder hören wieder kaum auf mich. Von meinen Bitten – uns später Befehlen – ruhig zu sein, sind sie wenig bis gar nicht beeindruckt. Die Aufmerksamkeitsspanne ist gleich Null.

Das Tüpfelchen auf dem i ist Ernest. Der kleine Mann nimmt mich ziemlich auf die Schaufel. Er veräppelt mich, hetzt die anderen Kinder auf, lenkt sie ab. Und bringt mich damit zum Kochen. Wäre ich eine tansanische Lehrerin, würde ich jetzt zu meinem Stecken greifen und den Kindern ein paar Schläge verpassen. Nachdem mir in meiner Verzweiflung nichts anderes einfällt, lasse ich Ernest auf- und mit Blick zur Wand stehen. Wie könnte es anders sein: Er dreht sich um, macht Grimassen, bringt die anderen zum Lachen. Und mich zum Verzweifeln. Umso größer ist die Erleichterung, als Madame Mwanahamisi aus dem Meeting zurückkommt.

Kein Ausweg

Am Donnerstag verlässt die Lehrerin nochmal nur für 15 Minuten die Klasse. Obwohl ich mich wirklich fürchte dasselbe Spiel von Mittwoch wieder zu spielen, stelle ich mich der Herausforderung und passe auf die 16 Kinder erneut alleine auf. Ich kann nicht glauben, dass das möglich ist, aber die Kinder sind noch lauter, unaufmerksamer, frecher. Ich versuche wirklich mein bestes sie zu unterrichten – vergeblich!

Meine letzte Idee: Da die Kinder unausgelastet wirken, versuche ich mich an Körperübungen. Ich bitte die Kinder aufzustehen und einen Kreis zu bilden. Alleine das funktioniert sowas von GAR NICHT. Ich werde veräppelt, nachgemacht, ignoriert. Und sie bringen es nicht zusammen einen Kreis zu bilden. Aufgrund der Lautstärke habe ich das Gefühl mein Kopf platzt jede Sekunde. Die Verzweiflung steigt in mir auf. Egal wie nett ich bin. Egal wie streng. Egal wie laut ich schreie. Ich finde keinen Zugang. Ich bin am Ende mit meinen Ideen. Habe absolut keine Ahnung was ich tun soll. Ich lasse die Kinder wieder hinsetzen und beschließe unter diesen Umständen niemanden mehr in irgendeiner Form zu unterrichten. Schade um meine Energie… Mir wird meine absolute Hilflosigkeit bewusst. Das Gefühl der Machtlosigkeit steigt in mir auf. Und dann die Tränen. Ich gehe aus der Klasse. Und lasse sie laufen. Was für ein befreiendes Gefühl. Zugleich kann ich nicht fassen, dass mich ein Haufen 4-Jähriger zum Weinen bringt…

Karma?

Als ich da so vor der Klasse stehe frage ich mich: Wie böse, garstig, verletzend Kinder eigentlich sein können. … Und plötzlich fällt mir ein, dass ich auch nicht immer ein braver Sonnenschein war in meinem Leben, schon gar keinen Heiligenschein trage. Und so war ich mitbeteiligt daran einer ganz jungen Lehrerin in der Unterstufe das Unterrichten in unserer Klasse zur Hölle zu machen. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber ich weiß, dass wir auch gnadenlos ungerecht zu ihr waren. Wie konnte ich das nur tun? Jetzt wo ich am eigenen Leib spüre, fühle ich mich schuldig und schlecht. Es tut mir wahnsinnig leid, was ich ihr damit angetan habe. Möglicherweise ist das die Retourkutsche? Karma?

Jetzt tue ich mir selbst nicht mehr leid. Ich empfinde diese Erfahrung, die ich gerade gemacht habe als total berechtigt. Da muss ich jetzt durch. Das ist mir tatsächlich eine Lehre.

Madame Mwanahamisi reißt mich aus meinen Gedanken. Sie wischt mir die Tränen von den Wagen und fragt was passiert ist. Ich berichte ihr. Sie versucht mich zu trösten: Das sind Kinder… Die meinen das nicht persönlich oder böse. Und sie verspricht mich nicht mehr mit dem Zwergenhaufen alleine zu lassen. „Na das wird gut sein…“, denke ich mir. Wie ich das noch eine Woche mit denen aushalten soll frage ich mich nämlich schon.

6 Kommentare zu „#84 – Egalitarian School – Karma? Oder auch: Von 4-Jährigen zum Weinen gebracht

  1. Da bin ich sprachlos… und mir fällt nur ein „gut das man im Leben nicht alles weiß was zurückkommt“ und „Hut ab wie du es reflektiert hast“!!! Du bist einfach spitze!!!:)

    Gefällt 1 Person

  2. Diese Geschichte kommt mir bekannt vor. Ich habe immer versucht mich bei Gruppentherapien mit Kindern zu drücken, weil es mir ähnlich ergangen ist. Die wollten einfach nicht machen, was ich vorgegeben habe und ich hatte keinen Plan wie ich die Situation verbessern konnte.
    Aber meine Socke: Du machst das toll. Wie viel du in diesem Jahr schon reflektiert hast, machen andere in ihrem ganzen Leben nicht.
    Bussi Mama

    Gefällt 1 Person

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