#82 – Samaritan Volunteer Project / Ein Satz mit X: „Das war wohl nix.“

Nachdem ich den Kindergarten of Joy zwar echt lieben gelernt habe – mich aber doch die Unzuverlässigkeit und die Wichtigkeit unseres Geldes zu sehr geärgert haben – entscheide ich mich noch eine andere Schule in Tansania kennenzulernen. Via workaway.info stoße ich auf Samaritan Volunteers, eine Schule in Chamanzi/Dar es Salaam. Die Idee ist meine letzten 3,5 Wochen in Tansania dort zu verbringen. Aber – wiedermal – kommt es ungeplant anders und ich reise nach einer Woche weiter. Frei nach dem Motto: Ein Satz mit X, das wahr wohl nix.

Der erste Eindruck

Am Samstag komme ich abends nach meiner 12-stündigen Busfahrt aus Mafinga per Uber in Chamanzi an. War schonmal gar nicht so einfach zu finden, da mal wieder unzählige verwinkelte sandige Schlagloch-Straßen von der Hauptstraße entfernt – aber ich hab’s geschafft.

Ich wohne bei Emanuel und seiner Familie – er ist Lehrer und für das Volunteering verantwortlich. Das Haus hat eine Küche, ein Wohnzimmer und 5 Schlafzimmer. Alles gefliest, wir gehen ohne Schuhe – es ist so sauber! Ich kann es nicht fassen…

Als ich mein Zimmer sehe fallen mir fast die Augen aus dem Kopf. Auch hier: Alles gefliest, alles sauber. Ein eigenes Zimmer! Ein Bett! Zwar kein fließendes Wasser im Haus, aber sogar ein eigenes Bad! … Und schlagartig wird mir bewusst wie ich die letzten drei Wochen gewohnt habe. Nicht falsch verstehen – ich hab mich ja echt wohl gefühlt und es war eine der bereicherndsten Erfahrungen meines Lebens im Kindergarten of Joy. Aber hey – meine Gammelmatraze auf dem dreckigen Boden ist sowas von KEIN Vergleich zu diesem Zimmer. Der erste Eindruck haut mich fast aus den Socken (denn Schuhe habe ich ja keine an…).

Das Kleingedruckte oder: Der zweite Eindruck

Dazu muss man sagen: Ich zahle EUR 5 pro Nacht für die Unterkunft. Auf workaway.info steht dazu nichts. Erst als ich mit Emanuel per WhatsApp kommuniziere und wir uns Details zu meiner Ankunft ausmachen erfahre ich das. Ein komisches Gefühl beschleicht mich noch bevor ich dort bin… Da ich den Gastgebern aber ja nicht auf der Tasche liegen will und Emanuel meint, dass auch „Charity“ für die Schule in dem Beitrag enthalten ist, sage ich deshalb nicht ab.

Aber auch vor Ort will mir das komische Gefühl nicht von der Seite weichen (Stichwort: Höre auf dein Bauchgefühl!).

Die Nächte sind furchtbar: Es ist extrem laut und ich schlafe kaum. Mein Fenster geht zum Hof hinaus wo mitten in der Nacht das klemmende Tor mehrmals auf- und zugemacht wird. Es wird um 4 Uhr morgens laut diskutiert und telefoniert. Die Musik mit Megabass geht bis spät Abends und ab Früh morgens (es wohnen auch Freunde von Emanuel im Haus). Und die kleine Britney (1-jährige Tochter von Emanuel) ist auch nicht immer glücklich und tut das natürlich altersgerecht kund – wenn ihr wisst was ich meine… Nicht das sauberste Zimmer ist es wert eine schlaflose Nacht nach der nächsten auszustehen.

Kurz: Der zweite Eindruck ist nicht der beste und ich beginne schon an Tag 2 mich nach einem anderen Volunteering-Platz umzusehen.

Ab in die Schule

Die Hoffnung besteht, dass wenigstens die Schule nett ist und ich hier meinen Beitrag leisten kann. Ich soll am Vormittag drei Stunden in der Nursery School (bei den Kleinsten) aushelfen.

Leider bin ich auch hier enttäuscht… Es gibt eine Lehrerin und eine Assistenzlehrerin. Letztere beschäftigt sich die ganze Zeit mit ihrem eigenen Baby (wickeln, baden, füttern,…) – ich sehe sie kein einziges Mal arbeiten. Erstere macht den Unterricht mit den Kindern, ich schaue zu. Einmal darf ich morgens das ABC anleiten, aber das war’s dann auch. Ich helfe ihr – wie im Kindergarten of Joy – Aufgaben in die Hefte zu schreiben und den Babies beim Schreiben. Ein wenig ernüchternd. Zumal sich die Frage aufdrängt wozu ich hier voluntiere. Ich werde das Gefühl nicht los, dass Emanuel sein Zimmer vermieten möchte und als „Deckmantel“ das Arbeiten in der Schule nutzt. Nur so eine Hypothese…

Emanuel selbst kommt ab und zu vorbei, setzt sich in einem Stuhl hinten in die Klasse und beobachtet. Als ich ihn frage, warum eigentlich er nicht unterrichtet, wenn die Lehrerin doch Unterstützung braucht und er offenbar nicht arbeitet (die neue Anja nimmt sich kein Blatt mehr vor den Mund…), sagt er, dass er sich schwer tut die Kleinen zu unterrichten. AHA. Die Hilfe muss ja sehr dringend benötigt sein…

Der Nachmittagsunterricht

Nach den drei Stunden am Vormittag habe ich vier Stunden frei. Meistens schreibe ich in dieser Zeit, gehe eine Runde im Ort oder mache ein Nickerchen. Um 16:00 Uhr geht es dann nochmal in die Schule zum Nachmittagsunterricht. Kinder aus Chamanzi können freiwillig kommen und werden kostenfrei unterrichtet. Die Idee finde ich spitze! Zumal Emanuel mir erklärt, dass in öffentlichen (kostenfreien) Schulen so viele Kinder in einer Klasse sind, dass kaum unterrichtet werden kann und die Kinder nichts lernen.

Doch auch hier gibt es meiner Meinung nach einen Haken: Ich weiß nicht was die Kinder können, was sie zuletzt gelernt haben. Es gibt viele verschiedene Leistungsstufen. Es kommen nicht alle Kinder jeden Tag. Wiederholen (bspw. haben wir begonnen die Uhr zu lernen) ist daher kaum möglich und eigentlich müsste man täglich von vorne beginnen.

Darüber wirkt Emanuel etwas überrascht auf mich, dass ich keine Erfahrung im Unterrichten habe. Mir war nicht bewusst, dass ich die mitbringen sollte und gefragt wurde ich auch nicht.

Was ich aber sogar ohne Erfahrung hinbekomme, ist malen mit den Kleinsten. 😉

Freitag ist Sport- & Spieletag

In der Nursery-School…

… und im Nachmittagsunterricht

All about money again?

Zurück zur Sache mit dem Geld…

Drei Tage nach meiner Ankunft ersucht Emanuel mich um die Zahlung. Ich sollte im Voraus für die 3,5 Wochen den Gesamtbetrag zahlen. Als ich erkläre, dass ich nur eine Woche zahlen werde und mir erstmal ansehen will, wie ich das Projekt finde und ich mich fühle, ist er total verärgert: „Es ist aber bei uns so, dass im Voraus der gesamte Aufenthalt bezahlt wird.“ Ich bleibe hartnäckig: „Das kommt für mich nicht in Frage. Ich bezahle Woche für Woche.“ „Ach… Wirst du nicht 3,5 Wochen bleiben?“, ist Emanuel überrascht. „Natürlich würde ich gerne! Aber ich möchte mir erst einen Eindruck verschaffen.“ Damit ist das Gespräch für uns beide beendet und mein Eindruck schlussendlich bestätigt.

Meine Entscheidung die Schule zu verlassen treffe ich am Mittwoch. Theresa, eine zweite Volunteer, muss nämlich USD 10/Nacht für das Zimmer bezahlen und stellt Emanuel zur Rede. Sie diskutieren 1,5 Stunden und er ist nicht gewillt ihr auch nur einen Cent zurückzugeben. Er probiert es mit (irrwitzigen) Ausreden zu argumentieren und schießt sich damit für mich komplett ins Aus. Dass ich frühzeitig abreise kommentiert er nicht.

Die absolute Krönung liefert die Lehrerin dann am Donnerstag (wohlgemerkt: wir kennen uns erst 4 Tage und haben nur das Nötigste miteinander gesprochen, da sie nur wenig Englisch spricht…). Sie steckt mir einen Zettel zu auf dem sie mich bittet ihr Gehalt zu zahlen oder dafür zu sorgen, dass es gezahlt wird, da sie die letzten zwei Monate nicht bezahlt wurde. Ich weiß nicht, ob ich verwirrt oder verärgert sein soll und spreche mit Emanuel darüber. Er bestätigt, dass sie nicht bezahlt wurde und ich frage mich warum?! Wenn doch auch Charity in meinen EUR 5/Tag enthalten sind und ich bereits TSH 90.000 bezahlt habe und Theresa ihre Miete von USD 10/Tag für einen ganzen Monat im Voraus bezahlt hat.

Die Verwirrung halbwegs verdaut („Na ich bin ja eh nur noch einen Tag da…“) wagt sie es mir am Freitag Nachmittag noch einen Zettel durch die Assistenzlehrerin zu geben. Sie schreibt nun, dass ihre Mutter krank ist und sie das Geld dringend braucht. Das wirft mich final fast aus den Latschen…

Tansanische Gastfreundschaft

Zwischen all diesen negativen Eindrücken gibt es aber auch eine positive Erfahrung: Wir werden von Abdul’s Mama (er ist ein Freund und Nachbar von Emanuel und hilft auch ab und zu im Nachmittagsunterricht aus) zum Abendessen eingeladen. Wir sitzen gemütlich am Boden und es wurde groß aufgekocht. Nach dem leckeren Essen zeigen die Kinder uns ihre Tanzkünste und shaken zu typisch tansanischer Musik. Theresa und ich genießen die – zur Abwechslung mal – wirklich gute Stimmung.

Fazit

Emanuel fragt mich an meinem Abreisetag nach Feedback (was mich positiv überrascht) und ich bin ehrlich: Ich habe das Gefühl mein Geld ist hier wichtiger als mein Wissen und meine Womanpower. Seinerseits kein Kommentar dazu… Was die positive Überraschung in Luft auflöst.

Theresa ist noch immer dort und hatte inzwischen hohes Fieber und sich einen Virus eingefangen (zum Glück ist sie jetzt wieder fit!). Emanuel hat sie nicht ins Krankenhaus begleitet, sondern sie mit einem Freund geschickt, der nicht gut Englisch spricht und war auch für eine Übersetzung der Diagnose nicht telefonisch erreichbar. Aus meiner Sicht für einen Host ein absolutes No-Go. Ich denke ich muss nicht viel hinzufügen…

Ich werte die Woche als weitere Erfahrung auf meiner Reise durch dieses Jahr, würde aber jeder und jedem davon abraten sich dort niederzulassen.

Und nun?

Dank workaway.info und Peter, der mich ganz kurzfristig bei sich und in seiner Schule aufgenommen hat, kann ich nach einer Woche weiterreisen. (Dem Himmel sei Dank, dass ich mich nicht drängen habe lassen die 3,5 Wochen zu bezahlen!).

Das ist inzwischen auch schon wieder eine Woche her – bin aber leider nicht zum Schreiben gekommen. Mit 4-5 Stunden Arbeit pro Tag ist hier nichts… Ich bin von 07:30-16:45 Uhr in der Schule und am Ende des Tages total erledigt (die neue Anja ist auch nichts mehr gewohnt… =P). Abgesehen davon, dass die Kinder in der Babyclass der Horror sind und ich emotional durchgeschüttelt werde, habe ich auch hier ein Erlebnis zum Thema „Finanzen“. Aber dazu im nächsten Beitrag…

3 Kommentare zu „#82 – Samaritan Volunteer Project / Ein Satz mit X: „Das war wohl nix.“

  1. Liebe Socke !
    Es ist toll, wie du die verschiedenen Situationen, Anforderungen, Ortswechsel, Gegebenheiten vor Ort und die Kommunikation mit den Kontaktpersonen meisterst.
    Laß dich nicht unterkriegen!!!!
    Bussi Mama

    Gefällt 1 Person

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