#77 – Kindergarten of Joy – Von einem „ganz normalen“ Schultag

Es geht wieder los! Die Ferien sind vorbei und am 16.09. lebt auch der Kindergarden of Joy in Mafinga / Tansania wieder auf. Viele Schulen hier sind Kindergarten und Schule für die Jüngsten in einem. Auch im Kindergarden of Joy gibt es eine Baby-, Middle- und Upper Class. Ich helfe mit den anderen Volunteers hauptsächlich Esther, der Lehrerin, in der Baby Class und unterstütze wo auch immer es gerade passt. Und heute nehme ich euch einen Tag mit…

07:00 Uhr – Karibu / Willkommen

Alle Türen und das Eingangs-Tor werden geöffnet. Im Klassenraum der Baby-Class stellen wir die Tische und Stühle auf. Alles ist bereit für den heutigen Schultag. Noch ist es ruhig – aber nicht mehr lange. In den nächsten Minuten kommen die ersten Kinder. Und innerhalb von ein paar Minuten hängen bereits drei an mir dran. Berührungsängste gibt es hier nicht.

08:00 Uhr – eskalation

Bis jetzt haben sich die Hand voll Kinder halbwegs still miteinander beschäftigt. Spielsachen oder – wie bei uns – eine „Bastelecke“, „Puppenecke“ etc. gibt es hier, wie im letzten Beitrag bereits erwähnt, nicht. Daher wird es rasch laut, sobald sich die Kinder häufen. Spätestens jetzt bin ich wach! Sie ziehen sich gegenseitig am Pulli, spielen fangen, kugeln am Boden herum, … Nur ein paar malen in Ruhe weiter. Für die ersten Stunden sind nämlich nicht nur die Kinder aus der Daycare (Baby Class alias Kindergarten) im Raum, sondern auch jene der Middle und der Upper Class. 80 Kinder sind registriert. Etwas mehr als 70 sind täglich hier. Da kann es schonmal lauter werden…

08:15 Uhr – Shake your booty!

Die tägliche Aufstellung aller Kinder findet draußen statt. Die Lehrerin fragt: „How are you todaaaay?“ Die Kinder antworten: „I am fiiiiiine!“

Es gibt ein gemeinsames Aufsagen von Buchstaben, Zahlen und Texten. Manchmal sprechen die Lehrerinnen vor und die Kinder wiederholen. Oft übernehmen aber auch zwei Kinder die Führung. Anschließend kommen immer andere Kinder kommen nach vorne und erzählen was ihnen gerade durch den Kopf geht. Ob es eine Geschichte oder eine kurze Vorstellung ist, ist dabei ganz egal.

Und natürlich wird auch gesungen und getanzt. „Fly like a Butterfly. Fly – fly – fly. Jump like a Maasai. Jump – jump – jump. …“ Mir gefällt am besten das Lied mit dem Refrain „Shake your booty, booty. Shake your booty booty.“, in dem die Kinder ihre Hüften schwingen.

09:00 Uhr – concentration

Jetzt sind alle aufgewärmt und der Unterricht kann losgehen. Aus den Türen der Middle- und Upper Class hallen die Kinderstimmen über das ganze Gelände: „Capital letter A, Small letter a. Capital letter B, Small letter b. …“ Oft wirkt es etwas chaotisch und unorganisiert. Die Kinder antworten auch eher in einem Schreien als in einem Sprechen. Den Unterricht habe ich noch nicht ganz durchblickt, was natürlich daran gelegen hat, dass ich ihm nicht beigewohnt habe… 😉

Bei den Babies war ich allerdings näher dran und konnte Verschiedenes beobachten. Es wird gemeinsam das englische Alphabet, Swahili oder die englischen Zahlen durchgegangen. Da müssen dann auch die Kinder mal ran: Eines spricht vor und die Schar spricht nach.

Oder Esther zeichnet im Art (alias Zeichen-) Unterricht Formen auf die Tafel und es muss nachgezeichnet werden. Zum Üben werden immer drei Kinder zur Seite geholt, die in ihren Heften üben müssen.

Ich helfe die Aufgaben in die Hefte vorzuschreiben und Esther, ein kleiner Sonnenschein und eine der Jüngsten, sitzt geduldig auf meiner Schoß und beobachtet alles. Noch ist sie zu jung, aber in ein paar Jahren hat auch sie eigenes Übungsheft.

Wenn ich gerade nicht in der Klasse helfe, beschäftige ich mich mit den Kleinsten im Garten, lese oder schreibe. … Oder eine Kombination aus diesen Dingen. 😉

10:30 Uhr – Oh Lord, bless our Porridge!

Zeit sich zu stärken! Alle Kinder nehmen am Boden Platz. Es gibt Porridge in Tassen und wir Volunteers helfen beim Verteilen. Porridge hier gleicht einem Haferschleim wie man ihn am liebsten nicht so gerne mag, doch die Kinder lieben es! Aber bevor wir den schlürfen dürfen, wird gebetet. Die Kinder wollen gehört werden und brüllen: „Oh Lord! Bless our Porridge! Amen!“

Nachdem die Tasse ausgeschleckt ist, bringen alle Kinder brav die Tassen zum Brunnen. Wir Volunteers beginnen abzuwaschen. 70 Tassen in einer Schüssel mit kaltem Wasser. Ohne Waschmittel. Unsere österreichischen Kindergartenpädagoginnen und Eltern klatschen spätestens hier vermutlich die Hände über dem Kopf zusammen… 😉

Anschließend gehen wieder alle in ihre Klassen und wir Volunteers helfen, sofern es etwas zu helfen gibt. Ansonsten widmen wir uns wieder dem Babysitten der Allerkleinsten oder unseren eigenen Dingen.

12:00 Uhr – Ab ins Freie

Zeit für ein bisschen frische Luft, Sonne auf der Haut und Bewegung. Es geht in den Garten! Die Kinder spielen mit den Bällen, kraxeln auf den Spielgeräten (auch hier würde es so manchem Magistrat die Haare aufstellen…) und jagen sich gegenseitig. Das mit dem gemeinsam Spielen muss hier teilweise noch gelernt werden. Viele machen den Eindruck Angst zu haben zu kurz zu kommen und teilen den Ball nur ungern. Ab und zu fließen Tränen. Aber die sind in der Regel schnell getrocknet. Wenn gerade keine Lehrerin zur Stelle ist, auch von einem Klassenkameraden. Ganz oft blickt man aber in lachenden Gesichter und strahlenden Augen.

13:00 Uhr – Lunchtime

Zu Mittag gibt es Ugali (ähnlich Polenta ohne jeglichen Geschmack…) mit Bohnen (die besten, die ich je gegessen habe). Jeden Tag. Davor wird aber noch in der Reihe angestanden und die Hände gewaschen (auch das mit „Stand in a line!“ muss hier noch geübt werden…). Wir Volunteers helfen bei der Essensausgabe. Wer fertig gegessen hat, bringt seinen Teller wieder zum Brunnen. Und wir Volunteers waschen ab. Diesmal sogar mit Seife. 😉

Beim Händewaschen nach dem Essen wird meine (nicht vorhandene) Geduld auf die Probe gestellt. Das Wasser ist rar und die Kinder sind Traummännlein und -weiblein. Ich versuche ihnen rasch zu helfen die Bohnen von den kleinen Händen, dem Mund – und manchmal auch der Stirn oder dem Pullover – zu waschen.

14:00 Uhr – Lalelu

Ab zum Mittagsschlaf. Inzwischen wurden Strohmatten und darauf Matratzen im Klassenraum der Baby-Class aufgelegt. Die Kinder ziehen ihre Schuhe aus und liegen wie die Sardinen in der Büchse auf dem Boden. Die Kleinsten schlafen im Gitterbett in einem anderen Raum. Auch uns Volunteers fallen schon die Augen zu und wir ziehen uns in unsere Zimmer zurück. So viel Action macht nach ein paar Stunden schon müde…

15:00 Uhr – Welcome again!

Die ersten Kinder werden abgeholt. Viele bleiben länger. Solange wir Energie und Muße haben, spielen wir mit, gehen aber dann auch einkaufen und erledigen unsere eigenen Dinge.

Nach dem Kochen und Abendessen mit Esther fallen wir früh ins Bett – denn morgen um 06:45 Uhr klingelt ja wieder der Wecker…


HIER GEHT’S ZU DEN ANDEREN BERICHTEN AUS DEM KINDERGARDEN OF JOY

#73 – Kindergarten of Joy – Vom Leben in einer anderen Welt
#74 – Kindergarten of Joy – Von Abschlusstests, Luftballons und Gesichtsmalerein
#75 – Kindergarten of Joy – Ab auf die Baustelle
#76 – Kindergarten of Joy – Von Farbe, Pinsel und kreativen Meisterwerken
#78 – Kindergarten of Joy – Von A wie das Amen im Gebet bis K wie Kleid schneidern lassen
#79 – Kindergarten of Joy – Von M wie Morgenläufe bis Z wie Zahn ziehen lassen
#80 – Kindergarten of Joy – Mein Fazit
#81 – Kindergarten of Joy – Meine Lieblingsfotos

13 Kommentare zu „#77 – Kindergarten of Joy – Von einem „ganz normalen“ Schultag

  1. Liebe Anja,

    da beschäftigen uns zu Zeit die gleichen Themen, nur in unterschiedlichen Welten. Komplett unterschiedlichen Welten.
    Wohei sehr wohl gewisse Ähnlichkeiten im Tagesablauf zu erkennen sind.

    Ich werde meiner „Großen“ morgen die Fotos zeigen, die mich dermaßen berühren – das kannst du dir nicht vorstellen.

    Ich gerate bei solchen Themen eher leicht in die Mitleidsschiene, aber man sieht auf deinen sooo tollen Fotos so schön, wie glücklich die Kinder in dem Kindergarten sind!

    Ich hab gestern den halben Vormittag mit der „Kleinen“ beim Reifen wechseln verbracht (anderes Thema) und sie hat sich die ganze Zeit so zufrieden mit den Kieselsteinen am Boden beschäftigt.
    Man sieht also – grundsätzlich brauchen Kinder nicht diese Unmengen an Spielsachen (glaube auch, dass ein zu viel an solchen Unterhaltungsdingen schlecht ist – sehr schlecht sogar. Die beste Vorbereitung auf die Wegwerfgesellschaft!), sondern in erster Linie Zeit, viel Liebe, Aufmerksamkeit (wobei ich hier finde, dass diese „Überbetüdelung“ auch nicht sein muss weil Kinder so kreativ sind und sich wirklich gut auch mal selber beschäftigen können und auch sollen – nicht nur die Großen brauchen Möglichkeit zum Rückzug) und ein achtsamer Umgang mit ihnen.

    Ach. Ich merke gerade, ich könnte hier noch viel mehr schreiben über meine Ideen zum Thema Kinder. Ist ja momentan auch meine liebste Beschäftigung, mir darüber Gedanken zu machen und diese in den Alltag mit meinen Kindern einzubauen.

    Ich liebe deine neuen Frisur. So eine schöne junge Frau!

    Großes Bussi, alles Gute für die Weiterreise!

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Belli,
      ich kann mich nur wiederholen, wenn ich sage: Starte doch einen Mama-Blog. 😉
      Aber du hast Recht: Das Thema ist endlos. Und es ist wichtig eine gute Balance zwischen Selbstbeschäftigung und Beschäftigung von außen zu finden (abgesehen von Handys & Co…). Deine kleine Große hat es jedenfalls heraus mit Kieselsteinen und wenn ich an den letzten Spielplatzbesuch denke!

      Eine feste Umarmung!

      Liken

  2. Guten Morgen Anja, haben die Kinder eine Schuluniform an? Anja müssen die Eltern etwas bezahlen das die Kinder in den Kindergarten gehen dürfen und können sich alle Eltern das leisten? Man sieht es ist viel Arbeit drumherum, wer macht das wenn es keine Volunteurs gibt? Es sind wunderschöne Bilder!!!!!! Anja möchte dir ganz liebe Grüße senden:)

    Liken

    1. Liebe Erika!
      So viele Fragen – ich freue mich riesig!!! 🙂
      Ja, die Kinder haben eine Schuluniform an. Das ist hier insgesamt so üblich. Am Freitag tragen alle den gleichen Jogginganzug. Ein entzückendes Bild! 🙂
      Die Eltern müssen grundsätzlich einen finanziellen Beitrag leisten. Habe auch soeben genauer nachgefragt und eine sehr afrikanische (und daher nicht ganz klare) Antwort bekommen. Zusammengefasst: Je nach finanzieller Situation der Familie muss weniger bzw. mehr gezahlt werden.
      Wenn keine Volunteers vor Ort sind, müssen das die Lehrerin bzw. mit Unterstützung der Köchin selbst machen. Ich glaube aber, dass es selten Zeiten gibt, in denen gar keine Volunteers da sind.
      Ganz liebe Grüße Anja

      Liken

  3. Das ist mit 70 Kindern turbulent, aber ich finde es so schön, dass du und einige anderen dabei seid und helft 👏🏼👏🏼👏🏼👏🏼die Kleinen lachen auch so süß . Schlafen alle brav zu Mittag ???😅 die liegen da alle so brav 😊 abwaschen ohne irgendwelche Mittel – die Umwelt wird geschont 😁 liebe Grüße und viel Spaß & viel Kraft und viel viel Freude !!!! Anna

    Gefällt 1 Person

    1. Ja du hast Recht – und dieses Lachen gibt einem so viel zurück!
      Naja… Schlafen mehr oder weniger. Aber sie müssen liegen – da sind die Lehrerinnen streng. 😉
      … Und dass die Umwelt geschont wird finde ich einen schönen Gedanken – so hab ich das noch gar nicht gesehen! 😉
      Ganz liebe Grüße Anja

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.