#75 – Kindergarten of Joy – Ab auf die Baustelle

Die Ferien haben also begonnen! Die Kinder haben im September fast zwei Wochen frei. Nach den ersten beiden Tagen, sehe ich sie erst am 16.09. wieder. Damit uns nicht langweilig wird, während es im Kindergarten nicht mehr von laufenden Zwergen wimmelt, helfen wir beim Bau von neuen Klassenräumen. Der Kindergarten, in dem wir derzeit wohnen, muss mit Dezember geräumt werden – er ist nur gemietet. Albert hat mit seinem Team und Spenden einen Grund gekauft und baut seit mehr als zwei Jahren neue Klassenräume auf. Hier müssen Sand geschleppt, Wasser geschöpft und Ziegelsteine aufgelegt werden…

Auf halber Strecke

Wir sind mit Albert für Mittwoch 07:30 Uhr zur Abfahrt verabredet. Da ich neu und extrem motiviert bin, bin ich um 07:30 Uhr am Eingang bereit. Die Mädls haben sich schon mehr an die „afrikanische Zeit“ gewöhnt und sind da etwas entspannter. Um 07:40 Uhr fährt allerdings tatsächlich schon sein Auto vor und Albert fragt uns, ob wir wirklich arbeiten gehen wollen. Ich verstehe die Frage nicht, sage natürlich ja und steige ein.

Auf halber Strecke bleibt Albert stehen. Er fragt uns nochmal, ob wir wirklich heute Arbeiten wollen. Es scheint so schön die Sonne. Wir können auch frei haben. Langsam frage ich mich, ob wir hier überhaupt gebraucht werden?! Ich erkläre, dass ich natürlich hier bin, um zu arbeiten und frage, ob meine Hilfe nicht gebraucht wird?! „Doch natürlich… Aber ihr seid ja auch zum Reisen und nicht nur zum Arbeiten hier.“ – „Wenn ich herumreisen will, tue ich das. Ich bin hier Volunteer und mit dem Wissen hergekommen, dass ich fünf Stunden täglich arbeite. Ich will einen Beitrag leisten.“ – „Ok. Ok.“ Na dann aber los!

Bucket Carry

Auf der Baustelle angekommen, wird uns erklärt was zu tun ist: Für den Grund des Gebäudes muss das Fundament mit Sand gefüllt werden. Anders als wir das kennen, kommt hier nicht ein LKW mit einer Wagenladung und kippt einmal seinen Hänger aus. Tage-, Wochen- (oder sogar Monate-….?) lang wird Sandkübel für Sandkübel befüllt, getragen, ausgeleert, befüllt, getragen, ausgeleert,…

Wir treffen auf die zwei Frauen, die diese Arbeit hier machen und tagtäglich von Früh bis spät die großen bis oben hin gefüllten Kübel (20L) tragen. Eine ist schwanger (wie wir nach einigen Tagen feststellen – durch die Kugel unter ihrem Gewand und die vielen Pausen ist das nicht zu leugnen; als wir zu hören bekommen, dass es hier ganz normal ist ein Kind zu verlieren, bleibt uns kurz die Luft weg) und eine hat ihr kleines Kind dabei, das den ganzen Tag alleine in der Erde sitzt, mit Steinen und Ästen spielt und wartet, dass Mama fertig wird.

Wir schnappen uns Kübel und marschieren los. Sofort erinnere ich mich an meine Spartan Races im vergangenen Jahr. „Bucket Carry“ ist bei jedem Lauf dabei und gerade wünsche ich mir meine Vereinsmitglieder aus der union dirtrun.company her. Im Nullkommanix wäre die Grube befüllt… So anstrengend das Schleppen auch ist – so sehr kann ich mir hier auspowern. Ich bin voll in meinem Element.

Mzungu nguvu

Die beiden Frauen amüsieren sich über uns. Sie beobachten uns beim Arbeiten, reden und lachen. Wir sind irritiert. Können uns aber nicht mit ihnen unterhalten. Wir verstehen kein Swahili. Sie kein Englisch. Ich vermute es ist die Art wie wir die Kübel tragen. Vor unserem Körper oder in einer Hand. Hier werden sie normalerweise auf dem Kopf getragen. … Das will ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen – ab auf den Kopf damit! Und das klappt herrlich gut! Die ersten Wege sind noch etwas wackelig, aber mit der Zeit hab ich’s raus. „Mzungu nguvu!“ – „Starke Weiße!“, nennen sie mich ab jetzt. 🙂 Nach ungefähr vier Stunden habe ich ca. 9 km zurückgelegt und 50-60 Kübel (im Mitzählen bin ich nicht so gut, aber es sind 12-15 Kübel pro Stunde…) getragen.

Den Rest der Woche verbringen wir damit täglich unsere vier Stunden den Sand zu tragen. Die Frauen arbeiten von Tag zu Tag weniger und sehen uns beim Kübeltragen zu. Halb verständnisvoll, halb verärgert leisten wir unseren Dienst.

Neue Woche, neue Aufgaben

In der drauffolgenden Woche fahren wir erst am Dienstag wieder zur Baustelle, da wir Montag noch einen Rast- und Haushaltstag einlegen und versuchen die Küche etwas vom Ruß zu befreien (was mehr oder weniger erfolgreich ist…).

Am Dienstag beginnen wir wieder mit der Sandarbeit. Die Frauen kommen, setzen sich in einen der Klassenräume während wir arbeiten. An dieser Stelle hat mein Verständnis seine Grenzen erreicht. Ich helfe und unterstütze liebend gerne – aber die Arbeit alleine machen möchte ich nicht… Den anderen geht es gleich.

Wir suchen uns eine neue Aufgabe und wechseln zum Holzhaus. Die Fertigstellung der zukünftigen Unterkünfte für die Volunteers ist ohnehin das Dringlichste auf der ganzen Baustelle, wissen wir von Albert. Während die Arbeiter die Räume aus Holz bauen, legen wir den Boden mit Ziegelsteinen aus. Aber nicht, das ihr glaubt die sind hier rechteckig… Vielleicht waren sie das mal. Jetzt haben sie alle unterschiedliche Farbe, Höhe, Breite, Länge. Einige sind ausgebrochen. Während Fabian die Steine zum Fenster hereingibt, versuchen wir anderen das Puzzle zu finalisieren. Wir sind stolz, als zwei Räume fertig und vollständig sind.

Eine Woche später schickt mir Albert ein paar Update-Fotos. Die Arbeiten sind schnell vorangeschritten! Ein lustiges und schönes Gefühl zu wissen, dass wir die Ziegelsteine unter dem Beton gelegt und so einen Beitrag geleistet haben.

Das ist dann auch unser letzter Tag auf der Baustelle. Mittwoch kaufen wir ein und bereiten alles für das Abschiedsabendessen für Ira und Wilhelm vor (Glaubt mir – das dauert hier tatsächlich einen ganzen Tag: Fußweg zum Markt in die Stadt – Einkaufen an gefühlt 100 verschiedenen Ständen und Geschäften, die natürlich in der Stadt verstreut sind – Suche nach einem Tuktuk zurück – Kochen über Feuer an zwei Feuerstellen für 10 Personen…). Am Donnerstag gönnen wir uns einen Ruhetag und am Freitag gibt es wieder eine neue Aufgabe, bei dir unserer Kreativität freien Lauf lassen können… Was das wohl sein könnte…?


HIER GEHT’S ZU DEN ANDEREN BERICHTEN AUS DEM KINDERGARDEN OF JOY

#73 – Kindergarten of Joy – Vom Leben in einer anderen Welt
#74 – Kindergarten of Joy – Von Abschlusstests, Luftballons und Gesichtsmalerein
#76 – Kindergarten of Joy – Von Farbe, Pinsel und kreativen Meisterwerken
#77 – Kindergarten of Joy – Von einem „ganz normalen“ Schultag
#78 – Kindergarten of Joy – Von A wie das Amen im Gebet bis K wie Kleid schneidern lassen
#79 – Kindergarten of Joy – Von M wie Morgenläufe bis Z wie Zahn ziehen lassen
#80 – Kindergarten of Joy – Mein Fazit
#81 – Kindergarten of Joy – Meine Lieblingsfotos

13 Kommentare zu „#75 – Kindergarten of Joy – Ab auf die Baustelle

  1. Liebe Anja, es ist Wahnsinn, was Du alles erlebst und siehst und tust – das kann Dir keiner mehr nehmen und ist für den Rest Deines Lebens in Dir . Ganz ganz tolle Entscheidung von Dir, dieses Jahr für Dich zu nehmen …. Bussi, pass auf auf Dich

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    1. Vielen Dank für die lieben Worte, Doris! Ja – heuer tut sich einiges. 🙂 Und vor allem hier in Afrika probiere ich alles aus, was es auszuprobieren und von den Einheimischen zu lernen gibt. 🙂

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  2. Hallo Mädchen!
    Es ist unglaublich, was du alles erlebst und machst. Und ich bewundere dich , wie du dich auf alle neuen Situationen und Anforderungen einstellst und sie bewältigst.
    Ich glaube, dieses Jahr war das Beste , was dir passieren konnte und es wird dir ein Leben lang in Erinnerung bleiben.
    Für den nächsten Schritt alles Liebe und Gute, deine Mama

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    1. Danke Mama!!! Wenn ich mir ab und zu ein paar Minuten Zeit nehme, realisiere ich auch erst was ich da alles so erlebe. Ansonsten kommt es mir so „normal“ vor…
      Viele Bussis aus Mafinga

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  3. Liebe Anja:) Weißt du warum die Frauen immer weniger gearbeitet haben? Wäre doch schön gewesen wenn sie mit euch gemeinsam weiter gemacht hätten. Anja hast du das Tuch auf dem Kopf gebunden? oder ist das ein fertiges Tuch? Wenn ich richtig gesehen habe begleiten dich deine Schuhe schon sehr lange Zeit heuer, sie hätten auch schon viel zu erzählen:):) Anja danke das du uns teilhaben lässt an diesen unglaublichen Erlebnissen:) ich möchte dir weiterhin allesalles Gute wünschen Erika

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    1. Liebe Erika!
      Nein, weiß ich leider nicht… Wir konnten uns ja leider kaum verständigen.
      Auf dem Kopf habe ich zwei Tücher. Eines als „Druckschutz“ und eines als „Befestigung“. 😉 Die richtige Wickeltechnik habe ich erst gestern gelernt. Mit meinem Knödel-Zopf aber auch etwas situationserschwerend. 😉
      Jaaaa – du hast richtig gesehen! So aufmerksam! Dir entgeht nichts… 🙂 Die Schuhe begleiten mich durch dieses Jahr und werden voraussichtlich am Ende da bleiben wo ich zuletzt bin. 😉
      Ganz liebe Grüße aus Tansania, liebe Erika!

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