#73 – Kindergarten of Joy – Vom Leben in einer anderen Welt

Von Stonetown / Sansibar fliege ich nach Dar es Salaam – aufs Festland in Tansania, wo ich zwei Nächte bleibe (aber nichts Besonderes entdecke – daher kein Beitrag dazu…). Am 31.08.2019 düse ich um 04:30 Uhr morgens mit dem Taxi zum Busbahnhof, um meine Reise nach Mafinga, im Landesinneren, und zum Kindergarden of Joy anzutreten. Dort angekommen finde ich gefühlt 500 Busse vor und eine Horde Menschen, die wild durcheinander rennt. Es werden mir Bustickets und das Tragen meiner Tasche angeboten, an meinem Ärmel gezupft, auf mich eingeredet. Ich bin froh, als ich beim richtigen Bus ankomme, Albert – der Eigentümer des Kindergartens – mich in Empfang nimmt und schon ein Busticket für mich besorgt hat.

Eine zweite Volunteer, Lara aus Slowenien, ist mit dabei. Eigentlich ist Albert hier um sie abzuholen, ich habe nur zufällig den selben Tag gewählt und wir können gemeinsam fahren. Im Nachhinein betrachtet wirklich ein Segen. Andernfalls hätte ich mir schwer getan den richtigen Bus zu finden. Um 6 Uhr geht die Fahrt los und wir brettern ca. 12 Stunden ins Landesinnere von Tansania. Die ersten zwei Stunden rüttelt es so schlimm, dass ich fürchte ein Schütteltraum davonzutragen, danach wird es zu meiner Erleichterung besser.

Bei der Bushaltestelle in Mafinga werden wir von einem Taxi abgeholt und zum Kindergarten gebracht. Über staubige, mit Schlaglöchern übersäte Erdstraßen geht es etwas abseits des Zentrums. Vor dem Tor treffen wir auf zwei weitere Volunteers: Anna, auch aus Österreich, und Ira, aus Finnland. Sie klettern gerade mit ihren Einkäufen vom Markt über das Tor, weil sie den Schlüssel nicht finden können. Die beiden sind mir auf Anhieb sympathisch – und da weiß ich noch gar nicht, dass meine Zeit hier um ein Vielfaches bereichern werden.

Mein neues Zuhause für die nächsten Wochen

Wir finden den Schlüssel und die Mädls zeigen mir das Haus. Wir wohnen direkt im Kindergarten mit Esther, einer der Lehrerinnen. Anna und Ira teilen sich ein Zimmer und ich werde vorerst eines alleine haben. Es liegt eine alte Matratze am Boden und an der Wand hängt ein kleines Regal. Obwohl der Boden schmutzig und das Zimmer sehr einfach ist – ich fühle mich auf Anhieb wohl. Solche Orte gibt es einfach…

Auch die Badezimmer-Situation ist – sagen wir: einfach. Seit zwei Wochen gibt es kein fließendes Wasser mehr im Haus. Auch der Brunnen im Hof ist ausgefallen. Wir müssen aus dem Kübel duschen, mit einem Becher das WC spülen, über dem WC duschen und Zähne putzen, weil zu allem Überfluss auch noch der Abfluss verstopft ist (was für ein Wortspiel…). Doch auch diese Tatsache bringt mich nicht aus dem Konzept. Meine Vision von Volunteering in Afrika war exakt diese Art von Leben.

Save water!

Nachdem ich mich eingerichtet habe, geht es in die Küche. Sauberkeit bekommt hier eine ganz neue Bedeutung. Es wird über Feuer gekocht – der Ruß ist im ganzen Raum nicht zu übersehen. Ich bin noch immer entspannt und mein Herz hüpft, weil ich genieße, dass es so „urig“ ist.

Dann gibt es Abendessen. Wenig afrikanisch: Spaghetti mit Tomatensauce. Da es im Kindergarten jeden Tag zu Mittag Ugali (ähnlich Polenta) mit Bohnen gibt, freuen sich die Mädls über Abwechslung. Inzwischen ist es echt kalt geworden. Wir sitzen auf den kleinen Kinderstühlen und -tischen in der Küche zusammengenuschelt und essen mit buntem Kinderbesteck von bunten Kindertellern. Trotz der Kälte wird danach im Freien mit kaltem „nicht ganz sauberem“ Wasser in Kübeln mit eher dürftigen alten Fetzen abgewaschen. Auch das bringt mich nicht aus der Fassung.

Sehr schnell lerne ich: Das Wasser ist kostbar! Alle zwei Tage müssen wir derzeit vom Nachbarn Wasser holen. Dann werden zehn Kübeln á 20 Liter auf dem Kopf durch die Hintertüre des Kindergartens balanciert. Als das Wasser in den weißen Kübel plätschert bemerke ich, dass es alles andere als klar ist. Eher sagen wir… hellbraun? Gelb? Naja – wird eh abgekocht…

Ich lerne hier mit wirklich wenig Wasser auszukommen. Seltener duschen. Wenns grad übrig ist auch mit dem Wasser duschen, in dem vorher der Reis gewaschen wurde. Noch seltener Haare waschen. Es beim Geschirrspülen nicht so genau nehmen. Hände waschen – was ist das? Die Wäsche für sauber befinden, sobald das Wasser nicht mehr „ganz so dunkel“ ist. … Und siehe da: nach zwei Wochen lebe ich immer noch. Sogar ohne jegliche Magen-Darm-Beschwerden (ich klopfe hiermit auf den Kinderschreibtisch aus Holz, auf dem mein Laptop vor mir steht…) und über meinen Körpergeruch hat sich auch noch niemand beschwert.

Geduld ist eine Tugend

Zwecks des nicht fließenden Wassers erinnern wir Albert fast täglich, dass noch immer niemand da war. Der Installateur kommt in den nächsten zwei Tagen. Seit einer Woche. Inzwischen ist eine zweite Woche vergangen und – halleluja – gestern war er da. Was für ein Segen, dass er auch gleich die verstopften Toiletten gereinigt hat (keine weiteren Infos dazu…). „Funktioniert das Wasser dann heute wieder?“, wollen wir von Esther wissen. „Vielleicht.“, ist die Antwort. „Also wie jetzt? Vielleicht? Oder funktioniert es?“, wir sind verwirrt. – „Es funktioniert.“, ernten wir mit einem Schulterzucken. Heute, mehr als 24 Stunden später, fließt hier noch immer nichts und ich muss mit dem Kübel zum Nachbarn gehen.

Auch bei jeglichen anderen Verabredungen (Fahrt morgens zur Arbeit, Weg in die Stadt zum Einkaufen usw.) wird es mit der Zeit nicht so ernst genommen. Kann sein, dass jemand zehn Minuten zu spät kommt. Können aber drei Stunden Verspätung sein. Die Hälfte der Zeit werde ich hier mit Warten verbringen. Werde ich mich daran jemals gewöhnen?

Oder doch Entschleunigung?

Nach dem Abwasch mache ich mich auf die Suche nach meiner Zahnbürste. Plötzlich: Zack. Licht aus. Auch ständig Strom zu haben ist hier alles andere als selbstverständlich. Gut, dass ich meine Stirnlampe dabei habe.

Schlussendlich kuschle ich mich in meinen Schlafsack. Es hat ganz schön abgekühlt und meine Nasenspitze ist eiskalt. Ich ziehe ihn mir bis zum Kinn. Für morgen muss ich mir keinen Wecker stellen – mein erster Tag im Kindergarten ist ein Sonntag. Wir werden im Laufe des Vormittags (afrikanische Zeitangabe) einen Ausflug mit Albert machen und ich bin schon gespannt. (Da weiß ich noch nicht, dass er uns nie abholen wird, weil er zu müde für einen Ausflug ist. Der gemütliche Sonntag im Kindergarten ist auch ok total ok, aber nochmal die Frage: Werde ich mich an die Unzuverlässigkeit gewöhnen können?)

Beim Einschlafen muss ich schmunzeln. Die einfache Lebensweise und das Zusammenleben mit den Locals ist genau das was ich mir erhofft hatte. Wenn ich hier nicht zu Entschleunigen lerne – wo dann? … Und dann bleibt da auch noch die Vorfreude auf die Kinder am Montag. Wie das wohl werden wird?


Hier geht’s zu den anderen Berichten aus dem Kindergarden of Joy

#74 – Kindergarten of Joy – Von Abschlusstests, Luftballons und Gesichtsmalerein
#75 – Kindergarten of Joy – Ab auf die Baustelle
#76 – Kindergarten of Joy – Von Farbe, Pinsel und kreativen Meisterwerken
#77 – Kindergarten of Joy – Von einem „ganz normalen“ Schultag
#78 – Kindergarten of Joy – Von A wie das Amen im Gebet bis K wie Kleid schneidern lassen
#79 – Kindergarten of Joy – Von M wie Morgenläufe bis Z wie Zahn ziehen lassen
#80 – Kindergarten of Joy – Mein Fazit
#81 – Kindergarten of Joy – Meine Lieblingsfotos

17 Kommentare zu „#73 – Kindergarten of Joy – Vom Leben in einer anderen Welt

  1. Ich empfehle mal meinem Sohn sich einen Blog anzuschauen. Er war selbst vor ein paar Monaten in Tansania und Sansibar ! Hier ein paar Links wenn du Lust hast mal reinzuschauen. Er war zwar nicht auf dem Kilimanscharo hat aber auch vergleichbare Beiträge zu deinem hier !!!! Alles Gute weiterhin

    https://kuhnograph-blog.com/2019/03/21/african-road-stories/

    https://kuhnograph-blog.com/2019/04/12/the-key-to-the-future/

    https://kuhnograph-blog.com/2019/04/25/faces-of-zanzibar/

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    1. Hab mich schon kurz reingeblickt – vielen Dank für den Tipp! Soooo wunderschöne Fotos!!! Und echt super geschrieben. 🙂

      Wenn ich zurückkomme muss ich mich unbedingt auch etwas mit Fotografie beschäftigen. In diesem Punkt hinkt der Blog noch ganz schön hinterher… 😉

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  2. Hallo Mädchen !
    Unglaublich, was du in diesem Jahr alles erlebst. Einfaches Leben…. ok, aber Unzuverlässigkeit ist schon schwierig wegzustecken. Halte durch.
    Ich wünsch dir schöne Erlebnisse mit den Kindern und deinen „Kollegen“.
    Deine Mama

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    1. Da hast du Recht, Mama! Vielleicht lerne ich ein bisschen entspannter zu werden… 😉 Und zum Glück passt ja der Rest soweit. 🙂
      Bald geht es ohnehin schon wieder weiter!
      Viele Bussis aus Mafinga

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  3. Anja du machst so viele wunderschöne Bilder das dir glaub ich Elfi fast keine neuen Tipps geben kann:) Ja mit Unzuverlässigkeit ist schwer umzugehen. Aber vielleicht empfinden nur wir es so und in Afrika gehört es zum normalen Leben dazu:)??? Ich glaube es ist total schön diese Erfahrungen zu machen wie Menschen auf dieser Welt leben. Anja ich wünsche dir noch allesalles Gute auf deiner Reise und freu mich aber auch schon wenn du daheim bist und in den nächsten Jahren und zuhause Erfahrungen sammelst:):) Viel Freude noch:)

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  4. Liebe Anja,

    danke für den so so so so guten Artikel!
    Danke für das Gedanken abschweifen lassen und kurz bei dir in Afrika sein!

    Immer und immer wieder aufs Neue bin ich dir dankbar dafür, dass du die Erfahrungen machst und uns und mich so teilhaben lässt. Das finde ich sehr praktisch, unkompliziert und vor allem gemütlich (für mich …)!

    Ich wünsch dir noch eine gute restliche Zeit im Kindergarten und schick dir ein großes Bussi.

    Belli

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  5. Hey Anja!

    Ich hab jetzt wieder nur ein paar Einträge geschafft, der Rest muss warten 🙈 aber nach dem 1. Eintrag vom Kindergarten of Joy bin ich auf jeden Fall schon meeeeeeega gespannt auf die restlichen Beiträge *vorfreude* echt beeindruckend, unter diesen Bedingungen mehrere Wochen zu leben … auch wenn die Leute unten es nicht anders kennen, du kennst es sehr wohl und das is echt ein Hammerschritt raus aus der Komfortzone – RESPEKT 🙂

    GLG Bernie

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    1. Du bist lieb! 🙂
      Wenn ich im Dezember wieder zurück in Wien bin, gibts vielleicht eh länger nichts zu Lesen. Da kannst du entspannt 2020 alles nachholen. 😉

      Klingt komisch, aber ich habe mich soooo wohl gefühlt dort! Ein schmutziges Hotel in Indien war grauslich und unangenehm. Das Leben mit den Locals ist authentisch und gemütlich.

      LG Anja

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