#69 – Von der Herausforderung auf mich selbst stolz zu sein

Das Thema ist nicht neu für mich. Selten habe ich es bisher geschafft auf mich selbst stolz zu sein. Ganz egal, ob es sich da um schulische, berufliche, sportliche oder sonstige Angelegenheiten handelt. Ob ich ein Billy-Regal alleine zusammenbauen kann, eine gute Note auf meine Bachelor- oder Masterarbeit bekomme oder einen Lauf bestreite, den ich mir selbst nie zugetraut hätte. Ich fand das zwar irgendwie immer schon komisch, aber als ich am Kilimanjaro auf 5.895m keine Spur von Stolz empfinde, bin ich nun richtig von mir selbst genervt und muss das hier mal loswerden…

Enttäuschung statt Stolz

Wie ihr in den letzten Beiträgen lesen konntet: Die Kilimanjaro-Besteigung ist für mich durchaus herausfordernd. Trotzdem zieh’ ich’s durch. Stehe um 07:40 Uhr da oben am Gipfel. Komplett fertig. Die Chancen standen tatsächlich 50:50, ob ich da jemals ankommen werde. Es sind die mitunter schlimmsten Stunden meines Lebens. Ich gehe körperlich und emotional an meine Grenzen. Und dann steh ich da auf 5.895m und warte auf DAS Gefühl. Stolz. Wo ist es? Ich spüre in mich hinein. Halte inne. Höre. Schaue. Fühle. Da ist nix. Da kommt nix. … Und diesmal nervt es mich echt. Da tu’ ich mir sonstwas an und kann nicht einmal nach so einer Aktion stolz sein?! Stattdessen frage ich mich warum ich eigentlich in so schlechter Verfassung bin. Den ganzen Weg gestöhnt und gejammert habe. Und ärgere mich, dass Idi meinen Rucksack getragen hat. Das hätte ich tatsächlich alleine schaffen müssen. Und so lange haben wir gebraucht! Wir hätten eigentlich, wie die meisten, zum Sonnenaufgang ankommen wollen. Das war wohl nix.

Wiederholungstat

Das wiederum erinnert mich daran, dass es so eine Situation schon einmal gab. Es waren die ebenso schlimmsten Stunden meines Lebens: Getting Tough the Race. Niemals (!!!) hätte ich mir vorstellen können einen Dirtrun im Winter mit Wasserberührung zu machen. Und plötzlich stehe ich im Dezember 2018 in Rudolstadt am Start. Mit Neopren-Haube und -Handschuhen bewaffnet. Ein paar Stunden später spüre ich weder meine Finger noch Zehen, muss in einem Freibad (nein – es war nicht beheizt…) durch acht Baumstämme durchtauchen und lasse mich von Stefan auf dem letzten Kilometer unter Tränen über jedes Hindernis schupfen, weil ich keine Kraft mehr habe mich irgendwo raufzuziehen oder mein Bein wirklich hoch zu heben. Gerade über die Ziellinie gerobbt beginnt schon der Ärger aufzusteigen: Ich könnte mich ohrfeigen dafür so viel gejammert und geweint zu haben. Und dass ich es ohne Stefan wohl nicht geschafft hätte. Von Stolz etwas gemacht zu haben, das ich mir selbst nie zugetraut hätte, keine Spur.

Auch beim Frauenlauf 2018, bei dem ich die 10km unter 49 Minuten laufe, denke ich danach: „Na hättest schon noch a bisserl draufdrücken können…“ und über die sieben Minuten über den zwei Stunden beim Halbmarathon in Wien könnte ich schreien und weinen.

Da fehlt ein Punkt auf die 100…

Die Herausforderung beschränkt sich allerdings nicht nur auf sportliche Situationen.
Bei einer meiner Bachelor-Arbeiten erreiche ich 99 von 100 Punkten und frage mich wo ich wohl den einen Punkt liegen gelassen habe. Nach der mündlichen Abschlussprüfung weine ich eine Stunde bitterlich, weil ich „nur“ bestanden habe – ohne Auszeichnung. Auch nach dem Masterabschluss – nach fünf Jahren berufsbegleitendem Studium – zwar froh, dass es vorbei ist, aber keine Spur von Stolz.

Woran liegt das?

Tja… Wenn ich das wüsste, hätte ich wohl schon versucht etwas daran zu ändern. Denn tatsächlich: Langsam nervt es mich selbst. Es ist ja nicht so, dass ich nicht sehe was ich leiste. Ich poste etwas oder schreibe darüber. Ich bekomme auch von außen viel Feedback. Lob. Anerkennung. Von meinen Eltern, meinen Freunden, meinem Partner. Auch von Fremden – vor allem durch diesen Blog – die mich gar nicht kennen. Niemand muss das tun. Also offenbar ist es doch eine tolle Leistung. Die Herausforderung ist in diesem Fall das Lob annehmen zu können. Das klappt in so gut wie keinem Fall. Ganz egal von wem. Und ganz egal was es betrifft. Und das finale Ziel wäre es diesen Stolz zu empfinden. In meinem Innersten zu spüren. Irgendwie schwer zu beschreiben, aber vielleicht wisst ihr was ich meine?!

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Was eben schon Hoffnung macht, ist dass ich es ganz rational gesehen in der einen oder anderen Situation einsehe, dass ich gar nicht so übel bin. Oder Gutes leiste. Und mir vor Augen halte, dass ich das besonders finden würde, würde das jemand anderer machen.

Und je mehr ich mich damit beschäftige und darüber nachdenke: Ein gaaaaaanz kleines bisschen beginne ich Stolz in meiner kleinen Zehe rechts zu spüren, als ich die Beiträge zum Kilimanjaro schreibe und die Fotos hochlade. Und ein gaaaaaaaanz kleines bisschen mehr spüre ich es, als ich so viele liebe Rückmeldungen bekomme.

Und nach und nach fallen mir dann doch auch ein paar wenige Situationen ein, in denen ich stolz war. Beispielsweise das Trifecta-Wochenende in Oberndorf: Alle drei Distanzen des Spartan Race an einem Wochenende. Das hätte ich mir 2018 nicht zugetraut – schon gar nicht ganz alleine. Aber ich schaffe es dreimal ins Ziel und in gar nicht mal so schlechter Zeit… Tausend Dank an dieser Stelle nochmal meiner lieben Freundin Kathi, die total spontan als Support an meiner Seite war. Das werd’ ich dir nie vergessen!

Oder als ich zum ersten Mal auf dem elementics Gelände die hohe Wand alleine raufgekomme. Nachdem ich gefühlt 200 Mal dagegen gelaufen bin.

Es kommt also doch vor, dass ich es ein Fünkchen annehmen kann. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Siehe da!

Der ultimative Hoffnungsschimmer begleitet mich allerdings die letzten zwei Wochen. Ich bin in Sansibar. Lerne etwas Neues. Ich stelle mich gut an. Bekomme Lob. Habe so viel Spaß. Und plötzlich stelle ich abends fest: Heute gönne ich mir einen frischen Fisch und ein Glas Wein. Denn ich bin stolz auf mich.

… Was ich da Neues gelernt habe? Das gibt’s im nächsten Beitrag. Jetzt lasse ich mir erstmal den Fisch schmecken. 🙂

2 Kommentare zu „#69 – Von der Herausforderung auf mich selbst stolz zu sein

  1. 🙂 Prost und Mahlzeit!!! Bin sicher – du wirst auch lernen stolz auf dich zu sein! Finde deine Blog´s so spannend – wie du dich mit den verschiedensten Themen auseinander setzt – und noch dazu sehr, sehr persönlich! Deswegen solltest du auch stolz auf dich sein!! Du gibst sehr viel von dir dabei!!!! GLG – freu mich auf dich!

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