#68 – Kilimanjaro behind the scenes / Über die Dinge, die einem niemand vorher sagt

Zugegebenermaßen… Ich habe mich im Grunde fast gar nicht informiert. Habe nur mit drei Bekannten, die ihn bereits bestiegen haben, gesprochen – hauptsächlich darüber was ich alles einpacken muss, damit ich nicht am Kältetod sterbe. Nadja, Ulli und Dominik informieren sich im Voraus aber ausgiebig. Und zusammen stellen wir fest: Es gibt einige Dinge, über die einem niemand etwas sagt. Kurzfristig frage auch ich mich: Soll ich echt darüber schreiben wie es ist nachts in einen Müllbeutel zu pinkeln oder sich tagelang nicht zu waschen? Und dann fällt mir wieder ein: Keine Tabus bei unplanbar.com. Reallifeblog ist Reallifeblog.

Als zusammenfassenden Begriff würde ich für dieses Thema wahrscheinlich „Entwürdigung“ wählen. Ich bin nicht sicher, ob es zu 100 Prozent zutreffend ist, aber ein anderes fällt mir gerade auch nicht ein. Und ich denke zu einem gewissen Grad trifft es ganz gut zu. Egal, ob es darum geht sich so elend zu fühlen, dass man nur noch weinen kann. Ob es darum geht sich acht Tage nicht zu Duschen, in der Nacht in einen Müllbeutel zu pinkeln oder mit seiner nächtlichen Kotzerei das halbe Zeltlager weckt. Menschlich fühlt man sich schon recht bald nicht mehr.

Ich mache niemandem einen Vorwurf daraus mir nichts gesagt zu haben. Vielleicht ist es wie bei einer Geburt – da vergisst man ja angeblich auch die Schmerzen und empfindet nur noch Liebe. Nach nunmehr 12 Tagen spüre ich die Schmerzen noch sehr deutlich und bringe daher das Kleingedruckte zu Papier – sollte ich es jemals vergessen.

Die Kälte

Ok… Dass es auf der Höhe kalt ist, ist kein Geheimnis. Dass ich schon im ersten Camp mit Thermoleggings und -pulli schlafe hatte ich allerdings nicht erwartet. Daher: Lieber mit kälteren Temperaturen rechnen und mehr einpacken als dann zu frieren. Wir alle kennen nämlich das Gefühl, wenn einem „die Kälte in den Knochen steckt“. Zuhause würde ich mich dann auf eine warme Badewanne oder Dusche freuen. Ist am Kilimanjaro leider nicht… Man liegt dann stattdessen in vielen Schichten Kleidung alleine in seinem Zelt und hofft auf Sonne am nächsten Tag.

Ziemlich unkul fand ich auch, dass ich trotz drei Paar Handschuhen bei der Gipfelbesteigung meine Fingerspitzen nicht mehr fühlen konnte. Das Kribbeln in den Spitzen der Mittelfinger habe ich auch heute – 12 Tage nach diesem „Erlebnis“ – noch.

Die Sonne

Man kann es einem halt auch nicht Recht machen… Ganz im Gegensatz zur Kälte freut man sich wie wahnsinnig, wenn die Sonne scheint. Welche Stärke die da oben am Berg haben kann ist aber bitte nicht zu unterschätzen! Brandblasen auf der Nase, brennende Wangen und komplett aufgesprungene, blutige Lippen können die Folge sein.

Die Toilettenanlagen

Ich war nicht groß erschüttert, da ich ja zuvor über vier Monate in Indien unterwegs war und dort durchaus unangenehme Toilettenanlagen kennengelernt habe. Trotzdem kann man nicht leugnen, dass der Geruch auf den Steh-/Plumpsklos alias „Löcher im Boden in einer Holzbude“ einem auch schonmal den Atem verschlagen und die Tränen in die Augen treiben kann (tatsächlich passiert…). Alles rundherum angepinkelt, voll mit Kot an allen Ecken und Enden und – je höher man kommt – auch mit Erbrochenem. Der Beweis, dass ich nicht die einzige mit Höhenkrankheit bin.

Ausnahmen bestätigen bekanntlich aber die Regel. Wenn man dann mal ein verfliestes, sauberes WC vorfindet – wie auf dem Titelbild – traut man seinen Augen kaum.

alternativen zu den Toilettenanlagen

Die einzige Alternative zu den Toilettenanlagen ist sich einen Stein oder Busch zu suchen. Auf dem Weg von einem Camp zum anderen bleibt einem auch nichts anderes übrig. WC’s gibt es unterwegs nicht. Verträgt man also die Medikamente gegen die Höhenkrankheit nicht und leidet an unermesslichem Durchfall, hofft man rechtzeitig einen geeigneten Ort zu finden. Sowohl große Steine als auch große Büsche sind allerdings nicht überall zu finden. Oder es ist so steil, dass kein Stein groß genug sein kann den nackten Po von oben zu bedecken.

Glücklicherweise geht es allen ähnlich und neugierige Blicke gibt es daher nicht. Eher geht man mit gesenktem oder weggedrehtem Kopf am Geschäfterldigendem vorbei.

Wenn es etwas Positives daran gibt, dann dass ich zuvor noch nie auf einer Toilette mit solch einer Aussicht war.

nächtlicher klogang

Jetzt kommen wir der Entwürdigungssache langsam näher… Auf der Packliste einer Freundin lese ich einen Tag vor Abflug „Easy Pee“ (= Pinkeltrichter für Frauen) und finde kurzfristig eine andere Freundin, die mir ein ungebrauchtes abtreten kann. Noch kann ich mir nicht vorstellen es zu nutzen. Bald aber stelle ich fest, dass es die einzige Alternative dazu ist bei Minusgraden in meinem Zustand mitten in der Nacht aus dem Zelt zu krabbeln, im Dunklen zwischen unzähligen Zelten den Weg eine der manchmal echt weit entfernten Toilettenlagen (siehe oben) zu finden und dann zu hoffen mich wieder aufwärmen zu können.

Ich bin alleine im Zelt. Theoretisch muss niemand jemals etwas von dieser Aktion erfahren. Trotzdem verlangt es mir eine Portion Überwindung ab dieses Ding zu verwenden. In der ersten Nacht ist es dann aber so dringend und draußen so unheimlich dunkel, dass ich als einzige Möglichkeit einen Müllbeutel in Betracht ziehe. Ja, ich habe mit Hilfe von Easy Pee in einen Müllbeutel gepinkelt. Bei der Entsorgung am nächsten Tag sterbe ich fast vor Scham. Die weiteren Tage bekomme ich eine Schüssel zu Verfügung gestellt, die ich auch tatsächlich das eine oder andere Mal nutze.

Und wisst ihr was…? Irgendwann hört das mit dem Scham auch auf.

Fehlende Körperpflege

Womit wir auch schon beim nächsten Thema sind. Gleich vorweg: Duschen ist nicht. Warum ich überhaupt ein Haarshampoo eingepackt habe, frage ich mich heute noch. Sprich: Acht Tage nicht Haare gewaschen. Die Mütze am letzten Tag trage ich also nicht ausschließlich wegen der Kälte. Mittlerweile juckt mich schon die ganze Kopfhaut und ich frage mich, ob ich inzwischen Läuse habe. Igitt…

Also statt der Duschen, bekommt man täglich eine Schüssel mit warmem Wasser zum Waschen zur Verfügung gestellt. Wäre das im Zelt nicht so eine Patzerei und wäre es nicht so ARSCHKALT, würde ich sie auch ausgiebiger nutzen. Stattdessen gibt es ab und an eine Katzenwäsche. Öfter aber verzichte ich einfach, wische mir mit einem Feuchttuch einmal übers Gesicht und die Achseln (in dieser Reihenfolge und nicht anders rum…) und das war’s. Wie gesagt – ab einem gewissen Zeitpunkt ist einem das alles egal…

Zu wenig Wechselkleidung

In Kombination mit „zu wenig Kleidung für acht Tage“ bekommt das Wort „Körpergeruch“ eine ganz neue Bedeutung. Da eine von zwei Wanderhosen ab Tag zwei waschelnass ist, habe ich für die übrigen sechs Tage nur noch eine zur Verfügung. Auch bei den Shirts muss ich sparen. Drei langärmelige habe ich mit. Eines ist ebenso waschelnass ab Tag zwei, eines muss für den Gipfeltag trocken bleiben. Ich habe also drei Tage in Folge das selbe Gewand an. Tag und Nacht. Ohne es auch nur eine Minute auszuziehen.

Höhenkrankheit

Bis man es nicht am eigenen Leib erlebt hat, ist es schwer sich vorzustellen was die Höhe im Körper auslösen kann. Kann denn das so schlimm sein?! – Oh ja, es kann. War ich an Tag eins noch davon überzeugt die Medikamente „proforma“ zu kaufen, war ich ein paar Tage später überglücklich sie nehmen zu können.

Man stelle sich vor man hat den Rausch seines Lebens. Mindestens fünf Tequilashots zu viel. Kaum geschlafen. Ganze Nacht gekotzt. Und muss am Morgen einen Berg besteigen. So in etwa fühlt es sich an. Von schweren Beinen über Atemnot bis hin zu Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und Appetitlosigkeit ist alles dabei. Ganz egal wie langsam man geht und wie oft man sich übergibt – Besserung? Fehlanzeige.

Das gemeine an der Sache: Es trifft nicht jeden. Und es trifft nicht jeden, den es trifft, im selben Ausmaß. Die einen spüren gar nichts und die anderen liegen darnieder. Es kann sich auch von Tag zu Tag oder gar Stunde zu Stunde ändern. Wie ein Überraschungsei: Man weiß nie was einen erwartet.

Übelkeit und Übelkeit

Manchmal ist die Übelkeit einfach nur Übelkeit. Man kann sich gar nicht übergeben. Damit wird man sie aber auch nicht los und das Gefühl bessert sich nicht im Geringste. Und manchmal muss man sich übergeben. Jetzt. Sofort. Beim Tee auf den letzten 200hm vor dem Gipfel, der kaum getrunken wieder retour kommt. Beim Ankommen im Camp einfach mal kurz umgedreht. Oder mitten in der Nacht gerade noch aus dem Zelt raus das halbe Camp aufweckend. Oder im Zelt in einen Müllbeutel. Alles zum Glück nicht mir passiert, aber live gesehen und gehört.

Medikamente gegen Höhenkrankheit und ihre Folgen

Zum Glück ist aber auf die Medikamente Verlass. Sie wirken. Zumindest bei mir. Und zumindest für ein paar Tage. Jedoch: Keine Leistung ohne Gegenleistung. Die Folge der Tabletten ist extrem starker Durchfall. Wer es kennt nichts mehr in Magen und Darm zu haben und trotzdem ständig aufs WC zu müssen weiß: Da kommt nur noch Wasser.

Und wer es auch kennt weiß, dass es beim Thema Durchfall manchmal um Sekunden geht ein WC aufzusuchen. Wenn sich diese außer Reichweite befinden und auch kein Stein oder Busch in der Nähe sind, kommt es schonmal vor, dass es in die Hose geht. Glücklicherweise auch nicht mir passiert, aber durchaus vorgekommen.

(kein) Schamgefühl

Und so kommt es, dass man zu viert unterwegs ist. Sich davor noch nie zuvor gesehen hat. Und spätestens an Tag drei das Schamgefühl komplett verloren hat. Man redet über seine Übelkeit und seinen Stuhlgang, übergibt sich vor den anderen, weint und ächzt. Dinge bei denen man in Wahrheit vor Scham sterben würde. Die aber unter diesen Umständen einfach total egal sind.

Schlussworte

Nach acht Tagen Kilimanjaro kommt man also ungeduscht, verschwitzt, stinkig, mit extrem fettigen Haaren, juckender Kopfhaut, schmutzigem Gewand, Brandblasen auf der Nase, Husten, Schnupfen und müden Beinen am Ausgang an und fragt sich: Warum hat mir das eigentlich niemand gesagt?! Und warum habe ich mir das bitte angetan?!

Ein paar Stunden später liegt man geduscht, in frischem Gewand im Hotelbett, hat gerade mit den Liebsten telefoniert, schaut sich das Gipfelfoto an und weiß: Ah… Da war doch was.

Hier geht’s zu den anderen Beiträgen zur Kilimanjaro-Besteigung:
#65 – Mein Weg auf den Kilimanjaro / Tag 1-3
#66 – Mein Weg auf den Kilimanjaro / Tag 4-6
#67 – Mein Weg auf den Kilimanjaro / Tag 7-8 Summit Day / inkl. Routenbeschreibung und Packliste

5 Kommentare zu „#68 – Kilimanjaro behind the scenes / Über die Dinge, die einem niemand vorher sagt

  1. Hier kommt jetzt ein Smile mit Hände vor den Augen, falls ich mal jemanden kenne der auf den Kilimanjaro gehen will, erzähle ich ihm gleich, bitte lies den Blog von Anja:)
    Wirklich unter die Haut gehend geschrieben und erlebt, sprachlos bin ich!
    alles liebe Erika

    Gefällt 1 Person

  2. also ich habe ja meinen Respekt zum Ausdruck gebracht und tue dies hier nochmals !
    Man muss die Beträge lesen um zu verstehen was du hier geleistet hast. Hier geht man definitiv ohne wenn und aber an seine Grenzen sowohl körperlich als auch emotional !

    Was ich aber nicht so ganz verstehe sind die ersten Sätze deines Beitrages ! Anscheinend hast du dich nicht ganz so ausführlich informiert und das finde ich ganz ehrlich ein bisschen leichtsinnig. Klar kann man nicht bis ins kleinste Detail alles planen und ausfindig machen aber die allgemeinen Gegebenheiten sollte man bei solch einer Tour schon kennen. Es ist trotz allen Strapazen alles gut gegangen aber wer hilft einem dort oben im Notfall ? Es muss doch einen Plan geben wenn jemand so krank wird dass gar nichts mehr geht !!! Umdrehen ok ist eine Sache aber wer geht mit ? Es handelt sich hier ja nicht um ein paar lächerliche Stunden Abstieg !
    Ich denke planen ist das eine aber wie dein Körper auf sowas reagiert weiß vermutlich keiner !
    Ich kann mich nur anschließen und jedem empfehlen der diese Tour plant sich deine Beiträge reinzuziehen um vielleicht dann auch zu entscheiden, kann ich das und vor allem will ich das !!!!!
    Nochmals alles alles Gute

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Manni!
      Du hast absolut Recht: Es war definitiv leichtsinnig. Und wie man so schön sagt: Aus Fehlern lernt man. Immer ist “ungeplant” eben auch nicht gut.
      Im Falle eines Notfalls gibt es tw. Strassen bzw. Helikopterlandeplätze. Bis dorthin wird man von mind. 1 Guide begleitet. Daher hatten wir zu 4t auch 1 Guide und 2 Assistant Guides. Habe mich daher auch – trotz jeden noch so fragwürdigen Zustands – immer sicher und gut aufgehoben gefühlt.
      Ganz liebe Grüße
      Anja

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