#67 – Mein Weg auf den Kilimanjaro / Tag 7-8 Summit Day / inkl. Routenbeschreibung und Packliste

Um 22:00 Uhr läutet mein Wecker. Es ist arschkalt und ich bin echt nervös. Weil ich nicht weiß in welchem Zustand ich zurück ins Camp kommen werde, packe ich alle Sachen zusammen, während ich mir eine Schicht nach der anderen Anlege – und immer noch nicht sicher bin, ob das vielleicht zu viel ist?! Oder doch zu wenig? Ich verfalle in totalen Stress, was mich komplett außer Atem bringt und ich schlussendlich nach Luft ringend fix und foxi im Essenszelt stehe. Dazu ist mir wieder megaschlecht und mein Durchfall findet kein Ende. Die gute Laune, Motivation und Zuversicht von vor ein paar Stunden sind wie weggeblasen.

Tag 7 – Summit Day … äh Night

Ich habe glücklicherweise noch ein bisschen Zeit mich zu beruhigen, während Omari mit Dominik spricht. Er fühlt sich nach wie vor nicht bereit den Gipfel zu besteigen, nachdem er seit seiner Kotzorgie kaum gegessen hat und entscheidet schlussendlich im Camp zu bleiben. Es wird also eine Mädls-Runde aus Nadja, Ulli und mir mit zwei Guides. Mit Stirnlampen bewaffnet und bis oben hin eingepackt starten wir um Mitternacht etwas verspätet und von Beginn an geht es steil bergauf. Immerhin müssen wir heute mehr als tausend Höhenmeter zurücklegen und die Luft wird immer dünner.

Das mit dem Beruhigen hat nicht sonderlich gut geklappt. Als wir starten bin ich immer noch außer Atem und meine Beine fühlen sich an, als hätte man mir Gewichtsmanschetten umgeschnallt. Ich schnaufe und ächze, schiebe Panik. Nach kurzer Zeit trete ich schon aus und übergebe mich. Na das beginnt ja hervorragend. Omari nimmt mir meine Mütze vom Kopf, die Schals vom Hals und öffnet meine Jacke. Puh… Schon besser. Idi, unser Assistant Guide, nimmt meinen Rucksack. Auch wenn mir das gar nicht recht ist. Aber keine Zeit für lange Pausen und schon gar keine Energie für Diskussionen. Ich gehe ab jetzt direkt hinter Omari und versuche ruhig zu atmen.

Fragen über Fragen

Und dann gehen wir. Und gehen. Und gehen. Und gehen. Ich sehe nichts außer den Teil des Bodens, den unsere Stirnlampen beleuchten. Wenn ich nach oben oder unten sehe, kann ich ein paar leuchtende Punkte erkennen – die Stirnlampen der anderen Gruppen. Und dann beginnen meine Gedanken zu kreisen. WIE soll ich das aushalten? Sechs bis sieben Stunden lang? Drei Stunden würde ich schaffen. Aber sieben? Durchgehend? In diesem Zustand? Will ich das überhaupt? Warum mache ich das eigentlich? Wozu? Was bringt mich dazu meinen Körper so zu quälen? Und es ist etwas komplett anderes als bei den Läufen. Ich merke, dass mir die Motivation fehlt. Dass ich anzweifle, ob ich es schaffen werde. Und noch schlimmer – ob ich es überhaupt schaffen WILL. Ich höre Idi schnaufen. Er trägt jetzt zwei Rucksäcke. Der Arme! Und ich bin schuld. In meinem Leben bin ich noch nicht so langsam gegangen. Und habe mich dabei so elend gefühlt. Und in dem Tempo bin ich zu schwach meinen Rucksack selbst zu tragen? Und nochmal: Noch sechs bis sieben Stunden? Echt jetzt…?

Ich weiß nicht was mich dazu bringt, aber ich gehe und gehe und gehe. Im Nachhinein erzählt mir Omari, dass er nicht ausgeschlossen hat, dass ich umdrehe, da ich die ganze Zeit so leidend gestöhnt und geächzt habe. Er hat sich offenbar wirklich Sorgen gemacht. Während der Besteigung lässt er mich das aber nicht spüren. Er spricht mir gut zu. Lobt mich. Klopft mir auf die Schulter. Versucht mich zu motivieren weiterzugehen. Pole pole. Langsam langsam. „Mache ganz kleine Schritte. Atme tief.“ Das hilft tatsächlich. Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin… Wir machen ständig Pausen. Vorgesehen ist maximal alle 40 Minuten eine Pause. Manchmal müssen wir nach 10 Minuten wieder stehen bleiben. Mit ansteigender Höhe geht es auch Ulli und Nadja schlechter. In einer der Pausen setze ich mich auf einen Stein. Omari fragt, ob ich müde bin. „Himmel! Ja – ich war in meinem ganzen Leben noch nie so müde wie jetzt.“ – „Dann macht mal die Augen zu.“ Und ich schlafe… Dass der Stein eiskalt ist mir egal. Auch dass mir die kalte Luft um die Nase weht. Und im Grunde wäre es mir auch egal, wenn sie mich hier einfach sitzen lassen würden. Nach 10 Minuten werde ich geweckt, raffe mich auf und setze wieder einen Schritt vor den anderen.

Stellas Point / 5.756m

Aus den sechs bis sieben Stunden rechne ich aufgrund der vielen Pausen inzwischen mit acht. Was die Sache im Kopf nicht leichter macht… Wenigstens behalte ich für den Rest des Weges alles in mir. Und so kommt es, dass es gegen fünf Uhr beginnt hell zu werden. Das ist wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zugleich. Tatsächlich bessert sich die Stimmung und ich wache langsam auf. Bevor es die letzten 200hm zu Stellas Point geht, gibt es Tee mit viel Zucker für uns. Ich habe seit dem Abendessen nichts gegessen und auch den Tee zu trinken ist eine Qual. Ulli geht es nicht anders – ihr Tee findet den direkten Weg zurück aus dem Magen auf den Boden. Angeblich sind die letzten 200hm vor Stellas Point sind die Schlimmsten. Ich kann nicht besonders viel Unterschied merken, da die gesamte Nacht schon die reinste Folter ist.

Um 06:30 Uhr kommen wir dann endlich bei Stellas Point an. Die Sonne geht auf. Der Ausblick ist der reinste Hammer. Ich kann nicht fassen, dass ich es bis hierher geschafft habe. Auch wenn wir um die Uhrzeit eigentlich schon längst am Gipfel sein wollten. Von hier ist es noch ca. eine Stunde zum Uhuru Peak. Wir machen eine kurze Pause für Fotos und einen Snack, bevor wir den Endspurt antreten.

Uhuru Peak / 5.895m

Weiterhin pole pole. Langsam langsam. Ich trotte hinter den anderen her und verliere immer wieder den Anschluss. Meine Energiereserven sind aufgebraucht. Auch wenn ich weiß, dass es gleich geschafft ist – flott geht heute nichts mehr.

Um 07:40 Uhr erreichen wir TATSÄCHLICH Uhuru Peak und ich kann es nicht fassen. Wir haben es geschafft. Es ist vollbracht. Wir sind am Gipfel. Am höchsten Punkt Afrikas. Mehr als sieben Stunden Wanderung liegen hinter uns. Stunden, die nicht zu vergehen schienen. Und jetzt vorbei sind. Ich wollte umdrehen. Aber ich habe es durchgezogen. Ich bin oben angekommen. So richtig realisieren kann ich das zu dem Zeitpunkt allerdings nicht…

Nachdem ich versuche mich in der Realität wieder zu finden, sollte es recht flott gehen. Die Höhe bekommt so gut wie niemandem hier oben… In dem Fall: Was für ein Glück, dass wir so spät dran sind. Wir sind unter den letzten und müssen nicht so lange fürs Fotomachen anstehen. 20 Minuten, ein paar Fotos, einen Snack und ein Video später machen wir uns auf den Rückweg. Ich bedanke mich gefühlt hundert Mal bei Omari und Idi. Omari, der an mich geglaubt hat – mehr als ich es selbst getan habe – und Idi, der den ganzen Weg meinen Rucksack, zusätzlich zu Nadjas, getragen hat. Die beiden haben einen erheblichen Beitrag zu meinem Erfolg geleistet.

Get down, get down

Mein lieber bester Freund Michi sagt mehrmals in seinen Videos: „Wenn man ganz oben angelangt ist, gibt es nur noch den Weg nach unten.“, oder so ähnlich… Und so ist es auch am Uhuru Peak. Mit leeren Energiereserven und müden Beinen bleibt uns nichts anderes übrig, als den Rückweg anzutreten. Drei Stunden gehen wir den steilen Schotterweg zurück ins Camp.

Dort angekommen bekommen wir eine kleine Flasche Cola und Mittagessen. Aufgrund von Appetitlosigkeit verzichte ich aber auf Letzteres und verzupfe mich stattdessen für eine Stunde in meinen Schlafsack. … Denn danach geht es NOCHMAL vier Stunden weiter nach unten. Ich frage mich allen Ernstes, ob es notwendig ist an einem Tag 15 Stunden zu gehen?! Aber jammern bringt bekanntlich nichts und nach meinem Powernap setze ich weiterhin einen Fuß vor den anderen. Der Trost ist schließlich, dass damit für den letzten Tag nur noch drei Stunden bis zum Ende der Tour und der Fahrt ins Hotel bleiben.

Im Mweka Camp auf 3.100m angekommen gibt es Abendessen (Hühnchen mit Pommes – YUMMI!!!). Omari setzt sich zu uns, holt Feedback zur Tour ein und hat sogar eine Flasche Wein aus dem Dorf holen lassen. So lieb ich die Geste finde – ich bleibe beim Tee und finde bald meinen Weg ins Zelt und Träumeland. Der Summit Day ist geschafft. Ich war heute am Uhuru Peak auf 5.895m. Kaum zu fassen… Noch immer realisiere ich es nicht wirklich.

Tag 8 – Back to the roots

Ein letztes Mal wache ich in diesem Zelt auf. Ich kann nicht fassen, dass wir heute Mittag wieder im Hotel sein werden. Bevor es losgeht, wird allerdings noch eine Runde gesungen und getanzt. Omari stellt uns – better late than never – das ganze Team vor, wir sprechen ein paar Dankesworte und dann wird losgelegt.

Jambo, Jambo bwana,
Habari gani,
Mzuri sana.
Wageni, Wakaribishwa,
Kilimanjaro Hakuna Matata.

Hello! Hello sir!
How are you? Very well!
Guests, you are welcome!
Kilimanjaro? No trouble!

Die perfekte Verabschiedung!

Die letzte Wanderung führt uns fast drei Stunden wieder durch den Dschungel über ziemlich rutschigen Waldboden (ich falle aber überraschenderweise nicht!), bis wir am Mweka Gate ankommen und auschecken.

Auf dem einstündigen Rückweg per Auto versuche ich erneut zu fassen wie schnell die Tage nun vergangen sind, dass wir vor etwas mehr als 24 Stunden noch dort ganz oben waren und jetzt alles vorbei ist. Aber das dauert wohl noch etwas… Erst als ich diese Zeilen tippe und die Fotos hochlade beginnt es zu sickern und die eine oder andere Träne vor Rührung macht sich in meinen Augen bemerkbar.

Im Auto ist vom Realisieren allerdings noch gar keine Rede. Erstmal freue ich mich auf eine ausgiebige Dusche, ein weiches, trockenes Bett und auf die ersten Telefonate mit meinen Liebsten Zuhause.


Es gibt zwar genug Routenbeschreibungen und Packlisten, aber der Vollständigkeit halber hier auch meine:


Hier geht’s zu den anderen Teilen der Serie:
#65 – Mein Weg auf den Kilimanjaro / Tag 1-3
#66 – Mein Weg auf den Kilimanjaro / Tag 4-6

23 Kommentare zu „#67 – Mein Weg auf den Kilimanjaro / Tag 7-8 Summit Day / inkl. Routenbeschreibung und Packliste

  1. ich wusste es und möchte der erste sein hier im Blog der seine Achtung und seine Glückwünsche zum Ausdruck bringt ! Also ich ziehe nicht nur zweimal den Hut sondern so oft du es möchtest !!!!
    Ein einmaliges Erlebnis was dich dein ganzen Leben begleiten wird da bin ich mir mehr als sicher !!!!
    Traumhaft zu lesen und die Fotos sprechen Bände !!!
    Alles gute wünsche ich dir und vielleicht gibt es ja mal ähnliche Beiträge hier im Blog zu lesen !!!! VG Manni

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  2. Liebe Anja,
    es ist großartig, wie du alle deine Vorhaben meisterst.
    Danke,dass du uns an deinem spannenden Leben teilhaben lässt.
    Im Gedanken sind wir oft bei dir – wir wünschen dir weiterhin eine gute Zeit.
    Sei herzlich umarmt,Traudi und Herbert

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  3. Liebe Anja!
    Wow – der Bericht so sooo packend und ich bewundere dich unsagbar – wieviel Kraft du in dir hattest um dieses Abenteuer bestehen zu können. Ich freue mich schon sehr auf viele, viele weitere wunderschöne Fotos wenn du zurück bist! Pass auf dich auf und klopf dir auf deine Schultern … damit du es bald realisiert – was du geschafft hast!! Dein ganzes Leben wird dich dieses Erlebnis begleiten – das finde ich wunderschön!!!
    GLG – freu mich sehr auf dich!! Elfi

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  4. Liebe Anja,

    ich kann jetzt nicht mehr tiefer in meiner Matratze versinken und mich auch nicht noch mehr einkuscheln. Dafür hat sich jetzt Gänsehaut breit gemacht und das Gefühl von … unglaublichem Stolz!
    Es ist wirklich unfassbar, was du da geschafft hast. Was für ein Durchhaltevermögen du da an den Tag (oder eher an die Nacht) gelegt hast.
    Es ist wirklich unglaublich. Die Fotos sind aber die Beweise. Und deine so packende Art zu schreiben wohl auch …

    Bei der Packliste musste ich lachen.
    Haarshampoo – nicht gebraucht. Very good! Da hättest du Idi 230g erspart. 😉 Oder hast du’s im Laufe der Reise sowieso mal weggepfeffert?

    Das mit dem Durchfall ist mir ja ein Rätsel. Kommt das echt von der Höhe? Oder war was mit dem Essen? Dann hätten aber vermutlich die Kollegen auch reagiert?!
    Also Durchfall ist bei mir ein absolutes KO-Kriterium. Wenn ich Durchfall hab, bin ich weg. Das ist eines der schlimmsten Dinge für mich.

    Und nicht nur wegen dem Durchfall. Wegen jedem einzelnen Schritt, den du gesetzt, jeder Schweißperle, die dir hinunter geronnen ist und jeder Träne, die du vergossen hast, bewundere ich dich – AUS TIEFSTEM HERZEN!

    Ich drücke und umarme dich und bussle dich tausende Male. Du meine starke, tapfere ANJA!

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    1. Liebe Belli,
      Haarshampoo habe ich tatsächlich behalten. 😉
      Durchfall kam von den Medikamenten gegen die Höhenkrankheit. Aber alles besser als Übelkeit. Oder so… 😉
      Vielen Dank für deine lieben Zeilen!
      Denk an dich und drück dich zurück

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  5. Meine tapfere Wandersocke !
    Ich liege im Bett und lese deinen packenden Bericht und die Emotionen überrumpeln mich , Tränen rinnen über meine Wangen. Ich bin stolz auf dich, mit wieviel Willen du den Aufstieg geschafft hast. Ich wäre gerne dabei gewesen , um dich ganz oben in die Arme zu nehmen und dir zu gratulieren. ( was natürlich für mich nichtmal im Traum möglich wäre) Du kannst so unglaublich stolz auf DICH sein, dieses Ziel erreicht zu haben. Das wird dich dein Leben lang begleiten.
    Ich freue mich, wenn du uns im Winter davon erzählst und die Fotos zeigst.
    Sei ganz fest gedrückt und entspann dich jetzt am Meer.
    Bussi Mama

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    1. Dass du weinst wollte ich natürlich nicht erreichen, liebe Mama! Freue mich aber, dass du stolz bist und in Gedanken habe ich mich da oben umarmt gefühlt.
      Am Stolz arbeite ich noch, aber bekomme ich auch noch hin. 😉
      Dickes Bussi aus Sansibar

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  6. Liebe Anja,
    ich kann nur sagen „meine Hochachtung“, das muss man erst mal schaffen!!!!! für mich unvorstellbar!!! Gratuliere das du durchgehalten hast! Danke für diesen Bericht und die wunderschönen Bilder. Ich wünsche dir weiterhin Gesundheit und das du alles erleben kannst was du dir vorgenommen hast. Ganz liebe Grüße Erika

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  7. MEEEEGALEIWAND!! Echt super und vor allem bewundernswert, dass du das gschafft hast. Bin richtig neidisch – also nicht auf die Nebenwirkungen eines solchen Abenteuers – aber auf das Abenteuer selbst – WOW 🙂 LG

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