#66 – Mein Weg auf den Kilimanjaro / Tag 4-6

Mit eiskalter Nasenspitze wache ich an Tag 4 auf und stelle beim Aufzippen des Zelts auf dem Weg zum Klo fest: alles ist gefroren. Doch gleich darauf eröffnet sich die gute Nachricht des Tages: Der Himmel ist klar, die Sonne scheint und das Tal mit Wolken bedeckt. Was für ein Ausblick! Außerdem: Die feuchte Wäsche, die ich in meinen Schlafsack genommen habe (#lifehack) ist fast trocken. Das könnte ein guter Tag werden!

Tag 4 – Tomorrow is another day

Wir starten heute früh, da wir einen langen Weg vor uns haben. Es geht auf 4.600m zum Lava Tower und dann wieder fast alles hinunter. So soll unser Körper die Möglichkeit haben sich an die Höhe zu gewöhnen. Das geht auch einige Zeit ganz gut, ich freue mich, dass die Sonne schein, bin topmotiviert und bastle unterwegs ein Steinmännchen.

Leider hält die gute Laune und das werte Befinden der Höhe aber nicht ewig stand. Schon bald machen sich die Höhenmeter bemerkbar – und zwar diesmal so richtig. Ich fühle mich, als hätte ich letzte Nacht einige Tequilashots zuviel gehabt: Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerzen, Schwäche. Auf 4.600m am Lava Tower angekommen, pausieren wir eine Stunde. Die anderen nutzen die Pause fürs Mittagessen – ich übergebe mich inzwischen und frage mich wie ich das jemals überleben soll noch mehr als 1.000m höher zu gehen.

Tatsächlich wird es kurzfristig etwas besser, als wir fast alle Höhenmeter wieder hinunter zu unserem Übernachtungsplatz Baranco Camp auf 3.900m gehen.

Da aber nur kurzfristig, wird mir für die letzte Stunde mein Rucksack abgenommen. Das erleichtert mich zwar körperlich, aber meine Seele ist damit auf seinem Tiefpunkt gelandet. Ich kann nicht fassen, dass ich mir helfen lassen muss. Dass jemand meinen Rucksack trägt. Dass ich es nicht alleine schaffe. Ein Thema für einen gesonderten Blogbeitrag.

Abgesehen von meinem angeknacksten Ego frage ich mich mittlerweile GANZ IM ERNST, ob ich es überhaupt nach oben schaffen kann und merke erstmals, dass ich mich absolut nicht auf diesen Berg und die Gegebenheiten vorbereitet habe. Ganz neue Gedanken tun sich damit für mich auf. Denn bisher – egal wie schlimm ein Lauf, ein Studium, eine Prüfung oder eine Lebensphase war –ich war davon überzeugt es irgendwie ins Ziel zu schaffen. Dann dauerts halt länger oder braucht es mehrere Anläufe… In diesem Fall bin ich alles andere als überzeugt.

Omari holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück und erklärt, dass die Anzeichen komplett normal sind und es mir morgen schon ganz anders sein kann. „Tomorrow is another day.“ Er ist sich sicher, dass wir es alle nach oben schaffen werden. Abgesehen davon hat man keinerlei Möglichkeit sich auf die Höhe in der Form vorzubereiten. Man weiß auch nicht wen es trifft und wen nicht. „It’s not your fault.“, sagt er. Es ist also nicht meine Schuld…

Jedenfalls entschließe ich mich aufgrund meines heutigen Zustands die Medikamente gegen die Höhenkrankheit zu nehmen. Mögen sie wirken und ich morgen meinen Rucksack wieder selbst tragen können.

Tag 5 – No pain, no gain

Nach einer ganz guten Nacht und einem viel besseren Morgen mit erneut ziemlich geiler Aussicht steht heute wieder eine kürzere Wanderung an. Akklimatisation ist das Stichwort. Als ich die berühmtberüchtigte „Baranco Wall“ sehe wird mir allerdings anders. Sieht mehr nach Klettersteig als nach Wanderung aus. Und nachdem ich in der Höhe so schön schnell aus der Puste komme, geht mir etwas der Reis.

Schlussendlich stellt sich das Stück aber als halb so schlimm und eigentlich ganz spannend heraus! Die Sonne scheint, ich kann meinen Rucksack wieder tragen, die Sachen trocken, die Laune bessert sich und die Motivation kehrt zurück. Aber kein Tag ohne neuem Leiden… So habe ich Dank der Medikamente zwar keine Kopfschmerzen und Übelkeit mehr – aber dafür Durchfall vom Allerfeinsten. Beim Wandern eeeeeetwas unpraktisch. Vor allem, wenn es so steil ist und kein Stein groß genug sein kann von oben meinen nackten Hintern zu verdecken. Mittlerweile kann ich aber feststellen, dass jegliche Komfortzonen mit den „das-würde-ich-nie-tun-das-ist-unmenschlich-da-schäme-ich-mich-Zonen“ förmlich verschwimmen… Auch dazu folgt eventuell ein eigener Beitrag. Und im Gegensatz zu gestern kann ich darüber tatsächlich nur lachen und verzeichne diesen Tag als SUPERGUT!

Nach keinen vier Stunden Wanderung im Karanga Camp auf 3.995m angekommen, versorge ich mal meine Lippen mit Fettcreme. Auch hier darf ich ein neues Leiden verzeichnen: Aufgrund von Kälte, Sonne und fehlendem Lippenbalsam sind sie inzwischen nicht mehr nur spröde, sondern blutig. Lächeln wird zur ultimativen Herausforderung. Aber hey… Die Sonne scheint! Ich kann meine Sachen zum Trocknen rauslegen und den restlichen Tag zum Krafttanken nutzen. Zum Schluss werden wir sogar noch mit einem wunderschönen Sonnenuntergang belohnt. Stay positive! No pain, no gain! Alles wird gut! Hakuna Matata!

Tag 6 – It’s getting serious

Die letzten drei Tage sind angebrochen. Und auch, wenn wir erst am 7. Tag am Gipfel sein werden – wir realisieren ziemlich bald, dass es bereits die folgende Nacht soweit sein wird. Und das sorgt dann doch etwas für Nervosität. Viele Fragen werden gestellt, tausend Gedanken schwirren in unseren Köpfen. Wie kalt wird es tatsächlich? Habe ich genug zum Anziehen mit? Oder wird es zu warm, wenn ich das alles anziehe? Wie lange werden wir wirklich gehen? Werde ich wieder mit der Höhe zu kämpfen haben oder bin ich jetzt gut akklimatisiert? Was wenn der Durchfall nicht aufhört? Was wenn ich unterwegs umdrehen muss? Was wenn…

Die Nacht von Tag 5 auf Tag 6 ist sagen wir… schwierig. Da die Höhe nicht nur mir zu schaffen macht, lässt die Geräuschkulisse eindeutig drauf schließen, dass sich Menschen übergeben. Neben meinem Zelt. Ich versuche mir mit Musik Abhilfe zu schaffen und bin morgens mehr oder weniger fit. Und extrem nervös. Heute Nacht ist es soweit. Wir werden uns auf den Weg zum Gipfel machen!

Erst aber will der Weg zum „Basislager“ bewältigt werden.

Wir sind ca. drei Stunden unterwegs, ich trage meinen Rucksack selbst und die körperlichen Beschwerden – bis auf den anhaltenden Durchfall – halten sich auch in Grenzen. Zwei von unserer Gruppe haben die halbe Nacht damit verbracht sich zu übergeben. Aber auch sie schaffen es ins Barafu Camp auf 4.673m. Ich bewundere sie wirklich!

Nach dem Mittagessen sollen wir so viel als möglich rasten, um Energie für die Nacht zu tanken. Ich werde leicht unrund als ich merke, dass es regnet und schneit, während ich in zwei Hosen, drei Oberteilen, mit Mütze und Handschuhen in meinem Zelt im Schlafsack liege. Ich bete zu allen Göttern, Universum was mir sonst noch so einfällt, dass es trocken ist, wenn wir in der Nacht losgehen.

Das Beten zahlt sich aus. Um 17 Uhr gibt es Abendessen und als ich mich aus dem Zelt quäle scheint tatsächlich die Sonne. Die Emotionen fahren Achterbahn und ein paar Freudentränen kann ich nicht unterdrücken. Irgendwie beginne ich mich auf die Gipfelbesteigung zu freuen…

Nach einem ausgiebigen Abendessen („Eat as much as you can.“ – Iss soviel zu kannst.) kuschel ich mich nochmal für ein paar Stunden in den Schlafsack. Meine Kleidung für die große Nacht liegt bereit und die Nervosität steigt. Ich schwanke zwischen „Werde ich zu viel anhaben?!“ und „Werde ich erfrieren?“, entschließe mich aber lieber mehr als weniger anzuziehen. Auch wenn die Chancen aus meiner Sicht immer noch 50:50 stehen es auf den Gipfel zu schaffen – ich bin guter Dinge, nachdem ich die heutige Wanderung so gut weggesteckt habe.


Hier geht’s zu den anderen Teilen der Serie:
#65 – Mein Weg auf den Kilimanjaro / Tag 1-3
#67 – Mein Weg auf den Kilimanjaro / Tag 7-8 Summit Day / inkl. Routenbeschreibung und Packliste

15 Kommentare zu „#66 – Mein Weg auf den Kilimanjaro / Tag 4-6

  1. Also ich bin einfach nur begeistert von diesem Beitrag und den Fotos dazu ! Ich bewundere das Durchhaltevermögen und den großen Mut sowas überhaupt durchzuziehen. Was hätte man für Alternativen ???? Ist ja nicht ganz so einfach wie bei einer Bergtour in den Alpen ect. Absteigen heimfahren und fertig ! Alles eine Sache von max. 1-2 Tagen . Hier sieht das schon anders aus !!!!
    Man hat sich dieses Ziel gesetzt und kommt mehrmals an seine eigene Grenzen ! Die Chance hier hochzukommen hast du einmal im Leben und da gehört der Schmerz einfach auch dazu sonst wäre es ja zu einfach und kein Abenteuer der besonderen Art.
    Also ich hoffe das du beim nächsten Mal auf dem Gipfel stehen wirst und ich bin überzeugt dass es geklappt hat !!!!

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      1. ja mindestens 100 ! Solch ein Beitrag und Abenteuer hätte es definitiv verdient ! Es liest sich spannend wie ein Buch und glaub mir ich weiß es selbst wie es sich an fühlt einen Berg immer vor Augen zu haben und der ist das Ziel ! Ich kann meine nicht mit deinen Höhenmeter vergleichen aber auch bei mir war die Anstrengung zum Teil enorm. Das Glücksgefühl hat aber am Gipfel alle Mühe vergessen lassen auch wenn es bei mir rund 3700 m Höhe waren aber in den Alpen ist das schon auch ganz ordentlich !

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  2. Liebe Anja,

    bist du wahnsinnig. Ich bin wieder 10cm tiefer in meine Matratze versunken. Und habe das Gefühl meiner geschmeidigen, mit Anifer Lippenbalsam (sehr empfehlenswert!) zugekleisterten Lippen genossen. Und die Wärme. Und trockene Kleidung. Und keine Übelkeit. Und kein Schwindel.

    Puh. Nein. Ich hätte das nicht geschafft.
    Spätestens beim Durchfall hätte ich aufgegeben. Du hast so ziemlich alles gehabt, was mich total kraftlos und erschöpft macht. Wie kann man da nur daneben einen so hohen Berg besteigen?!

    WAHNSINN! Ich BEWUNDERE dich!
    Du bist so stark! Wow wow wow!

    Ganz großes Bussi schick ich dir. Bin froh, dich jetzt in der Wärme zu wissen.

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