#63 – 10 Tage Vipassana / Handyfasten, Schweigen und zehn Stunden täglich meditieren / Tag 2-9

Da ich ja kein Tagebuch führen darf, kann ich heute nur noch schwer nachvollziehen was genau ich an jedem einzelnen Tag gedacht und gefühlt habe. Aber eines vergesse ich nicht: Die Tage sind lang. Die Verzweiflung ist groß. Und die Überlegungen das ganze einfach sein zu lassen durchaus sehr präsent. Das Handyfasten und Schweigen stellen sich dabei als quasi nichtige Probleme heraus.

Tagein, tagaus folge ich dem Stundenplan. Langsam aber sicher stellt sich Routine ein. Nach dem Frühstück behalte ich das Nickerchen bis kurz vor 8 Uhr bei. Auch den Spaziergang (alias Spazier-Run) um 11:30 Uhr nach dem Mittagessen lasse ich an keinem einzigen Tag aus. Danach Duschen. Und dann – statt Meditieren am Zimmer (pssssst….) – erneut ein Nickerchen.

Die Vorträge am Abend sind sehr interessant, ab und zu werfen sie Fragen auf, öfter jedoch bringen sie mehr und mehr Verständnis für das was ich hier tue.

Die Sprechstunde nehme ich zwei Mal in Anspruch und stelle ein paar kurze Fragen zur Technik und den Vorträgen. Das ist die einzige Zeit in der ich in diesen zehn Tagen spreche. Die Meditationslehrerin spricht mir Zuversicht und Geduld zu.

So vergeht Stunde für Stunde. Tag für Tag.

Von Anapana zu Vipassana

Nach den ersten Tagen der Anapana-Meditation (wir erinnern uns: Konzentration auf den Atem) sind wir bereit zu Vipassana zu wechseln. Es geht dabei darum den eigenen Körper zu „scannen“ und die Empfindungen zu beobachten. Wir beginnen auf der Kopfhaut, gehen über die Stirn, das Gesicht, die Schultern, Arme, Hände, Brust, Bauch, …. Wenn wir bei den Zehen angelangt sind geht es wieder zurück. Die Empfindungen können von Kribbeln, jucken bis hin zu Druck oder Schmerz reichen. Das Allerwichtigste dabei: Diesen Empfindungen gleichmütig gegenüberstehen. Sie so zu beobachten wie sie da sind und weiterzugehen. Sich nicht zu wünschen, dass sie kommen, gehen, bleiben, verschwinden. Gar nicht so leicht zu erklären. Gar nicht so leicht zu verstehen. Und gar nicht so leicht umzusetzen.

Manchmal klappt es ganz gut. Manchmal gar nicht. An manchen Stellen spüre ich immer dasselbe. An anderen NICHTS. Anfangs gebe ich mich damit zufrieden. Gleichmut ist das Zauberwort. Je mehr Stunden und Tage vergehen desto nervöser und ungeduldiger werde ich. Schlecht. Denn das hat mit Gleichmut schon gar nichts mehr zu tun. Aber alles Teil der Übung. Doch das war noch lange nicht alles…

Die Sache mit dem wilden Geist

Dazu kommt dieser wilde ungezähmte Geist. In manchen Stunden habe ich ihn ganz gut unter Kontrolle, komme gut von Körperstelle zu Körperstelle. In anderen Stunden schweift er ab. Und in wieder anderen möchte ich weinen und schreien, weil er wie ein nervöser Affe wild umherspringt. Ich schaffe es kaum von der Kopfhaut zur Stirn. Dabei beginne ich mich dann in einzelne Themen hineinzusteigern. Themen aus der Vergangenheit – teilweise vergessen geglaubte – poppen wieder auf. Oder ich mache mir Gedanken über die Zukunft. Vom Hundertste komme ich ins Tausendste. Alles wird bis ins Detail gedanklich zerlegt. Alles scheint immer schlimmer, furchtbarer, aussichtsloser zu werden. Ich stelle alles in Frage. Diese zehn Tage. Mich. Mein Leben. Das sind die Momente, in denen ich einfach aus der Meditationshalle rennen, über den Zaun springen und davonfahren will. Aber ich bleibe sitzen. Lasse Tränen über meine Wangen laufen. Versuche mich wieder auf meinen Atem zu konzentrieren und mich zu beruhigen. Ich rufe mir die Stimme vom Tonband ins Gedächtnis: „Unsere Gedanken drehen sich immer um die Vergangenheit oder die Zukunft. Das Ziel ist im Hier und Jetzt zu sein. Alles im Leben kommt und geht. Entsteht und vergeht. Jedes gute Gefühl. Jede Freude. Aber auch jedes unangenehme Gefühl. Jeder Schmerz. Das ist das Gesetz der Natur. Das Gesetz der Veränderung.“

Und tatsächlich: Das Jucken auf der Nase vergeht von alleine. Der Schmerz im Rücken hört irgendwann auf. Und auch diese Meditationsstunde mit diesen furchtbaren Gedanken geht vorbei. In der nächsten bin ich wieder vollkommen entspannt, als wäre nie etwas gewesen. Ich empfinde sogar sowas wie Stolz, dass ich so lange durchhalte. Wieder eine Stunde geschafft habe. Werde ich schon verrückt? Bin ich schizophren?

Die Sache mit dem Heimweh

Was meinen Geist mindestens genauso beschäftigt ist Heimweh. Weder in Indien noch auf sonst einer Reise kann ich mich nicht erinnern es so intensiv gespürt zu haben. Die ersten Tage bin ich hauptsächlich damit beschäftigt, mich selbst davor zurückzuhalten nicht meine Tasche zu schnappen, über den Zaun zu springen und davonzubrausen. Es sind wirklich tiefe Schmerzen, die ich da in meinem Innersten spüre. Alles krampft sich zusammen. „ICH WILL NACH HAUSE. ICH WILL HIER NICHT SEIN. ICH MUSS HIER WEG. ICH HALTE DAS NICHT AUS.“ Ich sehne mich, so stark wie noch nie zuvor, ins Stefans Arme auf die Couch im Wohnzimmer. Nach Vertrautheit, Halt und Wärme. Nach jemandem, der mir sagt das alles gut wird. Leider ist da niemand. Außer ich selbst. Und leider kann ich auch niemanden anrufen. Mit niemandem darüber sprechen. Bei Selbstgesprächen versuche ich mich selbst zu beruhigen und nehme mich gedanklich in den Arm: „Die Zeit wird vorbeigehen. Heute sind es nur noch 9 Tage. Morgen nur noch 8. Das macht dich im Kopf stärker. Du schaffst das. Du hast schon viel Schlimmeres ausgehalten. Gib nicht auf.“ Versuche mich abzulenken, indem ich die Stunden berechne, die noch übrig sind. Genauestens plane wie der Abreisetag ablaufen wird. Und was ich täglich anziehe (hab ja nicht so viel zur Verfügung und muss immer anders kombinieren, damit es nicht so auffällt). Tatsächlich wird das Heimweh nach ein paar Tagen weniger. Vielleicht, weil ich weiß, dass die Abreise wieder ein paar Tage näher gerückt ist. Vielleicht aber auch, weil ich das Gefühl habe stärker zu werden.

Die Sache mit dem Schweigen & Handyfasten

Gegen diesen wilden Geist und das Heimweh sind das Schweigen und Handyfasten kaum der Rede wert. In Wahrheit genieße ich es sehr, vor allem beim Essen, ganz für mich zu sein, keinen Smalltalk führen zu müssen. Wie heißt du? Wie alt bist du? Woher kommst du? Wie kamst du zu Vipassana? Wie geht’s dir? Wie findest du es? … Einfach mal ganz für sich sein. Gar nicht so übel. Gerade jetzt wo ich mich wie ein Häufchen Elend fühle.

Was aber dann doch fehlt, ist das Reden mit dem Partner, besten Freund oder den Eltern über diesen fürchterlich lästigen Geist und die tausenden Gedanken. In diesen Momenten denke ich an mein Handy und möchte sie anrufen. Das ist aber auch der einzige Moment. Ansonsten fehlt mir das Ding inklusive Instagram, Facebook & Co. gar nicht.

Die Sache mit dem Sitzen

Zu den zuvor erwähnten seelischen – ich nenne es jetzt mal „Herausforderungen“ – kommt dann dieses verdammte Sitzen. Wer mal auf dem Tagesplan nachgerechnet hat, hat vielleicht bemerkt, dass wir am Tag mehr als zehn Stunden meditieren sollten. Ich habe es gewagt einen Morgen die Meditation um 04:30 Uhr zu skippen und wie meine Zimmergenossinnen liegen zu bleiben. Das schlechte Gewissen hat mich fast aufgefressen. Ab dem folgenden Tag halte ich mich wieder an den Plan. Außer um 13 Uhr. Da gönne ich mir den Nachmittagsschlaf.

Jedenfalls… Wenn man zehn Stunden täglich auf dem Boden sitzt – und dafür muss man nicht jenseits der 50er sein – tun einem zwangsläufig mal die Knie weh und die Vorstellung stellt sich ein, am Ende des Kurses mit flachem Po heimzufahren. Gegen Letzteres lässt sich leider nichts machen. Gegen Ersteres bestelle ich mir nach den ersten Tagen einen Stuhl und wechsle zwischen diesem und diversen Sitzpositionen am Boden. Irgendwie schaffe ich es auch in den Gruppensitzungen eine ganze Stunde (!) ruhig zu sitzen ohne mich zu bewegen. Es gibt also durchaus mehrere Erfolgserlebnisse! Hurray!

… Und so vergeht die Zeit. Als Tag 9 gekommen ist, kann ich es nicht fassen. Ich habe es fast geschafft. An Tag 10 wird wieder irgendetwas anders sein laut Tagesplan. Aber was weiß ich auch noch nicht.


Hier geht’s zu den anderen Teilen der Serie:
#61 – 10 Tage Vipassana: Handyfasten, Schweigen und zehn Stunden täglich meditieren / Tag 0
#62 – 10 Tage Vipassana / Handyfasten, Schweigen und zehn Stunden täglich meditieren / Tag 1
#64 – 10 Tage Vipassana / Handyfasten, Schweigen und zehn Stunden täglich meditieren / Tag 10-11 + Fazit

4 Kommentare zu „#63 – 10 Tage Vipassana / Handyfasten, Schweigen und zehn Stunden täglich meditieren / Tag 2-9

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