#62 – 10 Tage Vipassana / Handyfasten, Schweigen und zehn Stunden täglich meditieren / Tag 1

Um 04:00 Uhr läuten mein Wecker und der offizielle Gong. Um 04:30 Uhr soll ich in der Meditationshalle sitzen und meditieren. Draußen ist es – mit Verlaub – arschkalt. Aus irgendeiner Intuition habe ich in Wien bei 30 Grad Wollsocken und eine Wollweste eingepackt. In diese eingemummelt, auf meinem eigenen Meditationskissen, weiteren Pölstern und einer Decke vom Zentrum sitze ich jetzt also in dieser großen Halle mit 129 anderen Menschen und versuche mit auf meine Atmung zu konzentrieren. Zwei Stunden können wirklich lange sein sag ich euch. Und das sind erst die ersten zwei. Von mindestens zehn heute.

Erlösungs-Gong

Um 06:30 Uhr ertönt wieder ein Gong. Erlösung. Inzwischen ist draußen die Sonne aufgegangen. Es gibt Frühstück. Verschiedene Brotsorten, Marmeladen, Gemüse, Joghurt, Obst, Porridge, eingelegtes warmes Trockenobst, … Die Auswahl ist riesig und es schmeckt köstlich. Mit gesenktem Kopf bediene ich mich und wähle einen Fensterplatz. So komme ich wenigstens nicht in Verlegenheit jemandem in die Augen zu schauen. Stattdessen blicke ich auf ein Schild im Garten: Noble Silence. Edle Stille. Meine Gedanken kreisen. Immer wieder kullern Tränen. Nach wie vor ohne zu wissen warum. Angst? Verzweiflung? Entzugserscheinungen? Sehr untypisch für mich bin ich nach einem Teller Porridge satt.

Erlösung adé

In der freien Stunde bis zur Gruppenmeditation um 8 Uhr liege ich im Bett und starre auf die Decke. Tag 1. Alles klar. Geben wir dem Ding eine Chance. Ich nicke ein bis mich der nächste Gong zur Gruppenmeditation ruft. Erlösung adé.

In der Gruppenmeditation bekommen wir über Lautsprecher erstmals eine Anleitung zur Meditation. Die Assistenten-Meditations-Lehrer (eine Frau und ein Mann) vorne im Raum sind da um uns zu beobachten und einmal am Tag in der Sprechstunde für Fragen zur Verfügung zu stehen. Jeglicher theoretischer Input kommt vom Tonband auf Englisch und anschließend auf Deutsch.

Für die ersten Tage steht Anapana-Meditation auf dem Programm. Sprich: Konzentration auf den eigenen Atem. Jegliche Mantren, Zählen, Gedanken,… sollen vermieden werden. Ausschließlich auf meinen Atem soll ich mich konzentrieren. Wie er über die Nasenlöcher, die inneren Nasenwände in den Körper fließt und zurück. Ich gebe mir alle Mühe. Immer wieder machen sich meine Gedanken auf die Reise. Irgendwohin. Jedenfalls weit weg von meinem Atem.

Nach der Gruppenmeditation wird bis 11 Uhr alleine meditiert, dann gibt’s Mittagessen. Wieder köstlichst! Aber erneut bin ich, mit starrem Blick auf die Felder und das „Noble Silence“-Schild, nach einem Teller satt.

Wie von der Tarantel gestochen

Nicht, dass ich in den letzten Monaten so regelmäßig Sport gemacht hätte. Und nicht, dass ich auch gerne mal faul bin. Aber wenn ich Bewegungsverbot auferlegt bekomme, hört der Spaß auf. Das einzige, das ich machen darf ist Spazierengehen. Dazu stehen ein kleines (SEHR kleines) Stück Wald und eine Wiese zur Verfügung. Über die durch ein blaues Band gekennzeichneten Kursgrenzen darf man sich nicht hinausbewegen. Da sich das Waldstück neben dem Parkplatz befindet und ich so Blickkontakt mit meinem Auto halten kann, kommt das nicht in Frage. Die größte Runde über die Wiese sind 200 Schritte. Zehn Runden gehe ich in 30 Minuten. Mein Verdauungsspaziergang um 11:30 Uhr. Während alle anderen langsam dahinschlendern, in Gedanken versunken das Gras auf den nackten Füßen spüren und sich die Sonne ins Gesicht strahlen lassen renne ich wie von der Tarantel gestochen meine Runden. Danach gönne ich mir 15 Minuten Sitzen und dann eine erfrischende Dusche.

Am Rande des Wahnsinns

Der Nachmittag vergeht mit abwechselnden Einzel- und Gruppenmeditationen eher schleppend. Stunde für Stunde. Minute für Minute frage ich mich: Wie bitte soll ich das zehn Tage aushalten?! Abgesehen davon dass mir jetzt schon die Knie wehtun – mit diesem Gedankenkarussell renne ich irgendwann Amok… Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht wie lange zehn Tage tatsächlich sein können.

Um 17 Uhr gibt’s Tee und Obst (ja – das ist das Abendessen…) und um 19 Uhr hören wir einen Theorievortrag über Tonband zu den Hintergründen der Technik. Die Vorträge sind gut verständlich übersetzt und sogar etwas Witz (in dieser doch eher tristen Stimmung…) ist eingebaut.

Anschließend wird nochmal kurz zusammen meditiert und dann hören wir die erlösenden Worte: „Take rest. Gehen Sie zu Bett.“

Um 21 Uhr liege ich im Bett und kann nicht fassen, dass der erste Tag vorbei ist. Der erste Tage ist um. Der erste von zehn. Also noch neun Tage von dieser Sorte. WIE bitte soll ich DAS überstehen?! Ich bin jetzt schon am Rande des Wahnsinns…


Hier geht’s zu den anderen Teilen der Serie:
#61 – 10 Tage Vipassana: Handyfasten, Schweigen und zehn Stunden täglich meditieren / Tag 0
#63 – 10 Tage Vipassana / Handyfasten, Schweigen und zehn Stunden täglich meditieren / Tag 2-9
#64 – 10 Tage Vipassana / Handyfasten, Schweigen und zehn Stunden täglich meditieren / Tag 10-11 + Fazit

8 Kommentare zu „#62 – 10 Tage Vipassana / Handyfasten, Schweigen und zehn Stunden täglich meditieren / Tag 1

  1. Liebe Anja!
    Ich habe bemerkt, dass ich beim Lesen total angespannt war, deine Stimmung dort gespürt habe und….. wie bei einem Krimi auf die Fortsetzung warte.

    Gut, dass ich keinen Kontakt zu dir hatte und so nicht wusste, wie es dir wirklich geht. Mütter wollen immer, dass es ihren Kindern gut geht und wenn das nicht so ist, wollen sie etwas machen können, das die Situation verbessert. Wie hätte ich das geschafft???? ………..
    Mit dem Herzen bei dir.

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Mama,
      ja – ich glaube auch, dass das gut war, dass wir keinen Kontakt hatten. Hätte meine Stimmung wohl nicht verheimlichen können (wie immer hättest du es sofort bemerkt…) und will ja nicht, dass du dir Sorgen machst! Andererseits wäre es mir vielleicht auch nicht so gegangen?! Wobei es bestimmt gut so war und ich ja sehr viel dabei gelernt habe.
      Fortsetzung ist schon online – der letzte Teil kommt morgen. 🙂
      Dickes Bussi aus Sansibar, Socke

      Liken

  2. Ich hab oft in diesen Tagen an dich gedacht und mir gedacht, wie geht es dir wohl? Schön das du geschafft hast, was du dir vorgenommen hast. Es tauchen viele Fragen bei mir auf z.B. meditieren muss was schönes sein das sollte ich auch probieren, aber ich glaub nicht 10 Tage:):) oder ein Wahnsinn was es alles gibt:) Toll das du es gemacht hast! Ich glaub das würd ich nie schaffen:) ganz liebe Grüße Erika

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Erika,
      sicher habe ich auch ganz viel Kraft geschöpft indem ihr an mich gedacht habt. Vielen Dank dafür! 🙂
      Wenn du magst kannst du mir deine Fragen schicken und vielleicht ergibt sich ein eigener Artikel dazu…? Oder wir plaudern in Ruhe, wenn ich zurück bin.
      Ganz liebe Grüße aus Sansibar, Anja

      P.S.: Ich bin überzeugt, dass du es schaffen würdest. Wie alles im Leben, kann man es schaffen, wenn man es wirklich möchte. 🙂

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.