#61 – 10 Tage Vipassana: Handyfasten, Schweigen und zehn Stunden täglich meditieren / Tag 0

Gleich nach dem Ankommen und Registrieren muss ich mein Handy abgeben. Für die kommenden 10 Tage ist keinerlei Kommunikation erlaubt. Nicht nur nach außen. Auch zwischen den Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern. Nicht nur verbal. Auch Augenkontakt und jegliche andere Form der Kommunikation sollen vermieden werden. Es sind keine Bücher, Schreibutensilien und elektronischen Geräte erlaubt. Man kann nicht Fernsehen, nicht Musik hören, nichts aufschreiben. Man darf keinen Sport machen, nicht laufen, kein Yoga. Zwischen 04:30 Uhr und 21:00 Uhr wird täglich mindestens 10 Stunden meditiert. Ob ich dabei verrückt geworden bin? Beinahe…

Das Wort „Vipassana-Meditation“ hätte ich ja das erste Mal schon in meiner Yogalehrerausbildung gehört. Wirklich aufmerksam werde ich aber erst in Varkala/Kerala/Indien als mir Gal, eine andere Volunteer, davon erzählt.

Vipassana – Was ist das?

Vipassana ist eine der ältesten Meditationstechniken Indiens und bedeutet soviel wie die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind“. Vipassana wurde in Indien vor über 2500 Jahren von Gotama, dem Buddha, wiederentdeckt und von ihm als ein universelles Heilmittel gegen universelle Krankheiten, als eine Kunst zu leben gelehrt. Keiner bestimmten Religion zugehörig, strebt diese Technik, die vollständige Beseitigung geistiger Unreinheiten und letztendlich das Glück vollkommener Befreiung an.

Vipassana ist ein Weg der Selbstveränderung durch Selbstbeobachtung. Der Fokus liegt auf der tiefen Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist, die durch eine geschulte, auf die körperlichen Empfindungen gerichtete Achtsamkeit auf direktem Wege erfahren werden kann. Diese Empfindungen bestimmen das Leben des Körpers und beeinflussen so im ständigen Wechselspiel die Konditionierung des Geistes. Die auf eigene Beobachtung gründende, selbsterforschende Reise zu dem gemeinsamen Ursprung von Geist und Körper löst die geistigen Unreinheiten auf und führt zu einem ausgeglichenen Geist voller Liebe und Mitgefühl (vgl. https://www.dhamma.org/de/about/vipassana).

Indien vs. Europa

Wie ihr vielleicht auch, kann ich mir unter der Beschreibung im Internet noch nicht ganz so viel vorstellen. Relativ blauäugig möchte ich daher meinen ersten Kurs gleich in Indien machen und suche mir schon Meditationszentren heraus. Auf dhamma.org findet man mehr als 130 Zentren auf der ganzen Welt inkl. Kursterminen und Verfügbarkeiten.

Gal erzählt mir allerdings wie hart der erste Kurs sein kann. Kulturelle Unterschiede, eine riesige sprachliche Barriere, möglicherweise eine nicht ganz saubere Unterkunft und Essen das ich nicht vertrage, könnten die Situation erschweren. Nach ewigem Hin und Her (wir kennen mich bereits…) entscheide ich mich schweren Herzens den Kurs zu vertagen und in einem deutschsprachigen Land zu machen. Ich registriere mich mitten in der Nacht nach Öffnung der Anmeldemöglichkeit im März für Juli in Triebel/Deutschland, habe Glück und ergattere einen der sofort vergriffenen Plätze, die durch Zufallsprinzip vergeben werden. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht was da auf mich zukommen wird…

Tag 0 – Herzlich Willkommen im Dhamma Dvara

Die Wochen und Monate ziehen ins Land. Und am 08.07.2019 ist es dann soweit: Nach über fünf Stunden Fahrt lande ich gegen 16 Uhr irgendwo im nirgendwo. Auf den letzten Kilometern sehe ich weder eine Tankstelle noch einen Supermarkt. Rundherum nur Felder. Kühle Luft. Aber ich bin richtig, sagt mir das Schild am Tor. Gerade hatte es noch 30 Grad in Wien, jetzt 15 in Triebel. Ich schnappe meine Taschen und mache mich auf zur Registrierung. Bereits hier sind Männer und Frauen getrennt. Das wird auch für die kommenden zehn Tage so sein. Es gibt getrennte Schlaf- und Gehbereiche. In der Meditationshalle sitzen die Frauen rechts, die Männer links. So wenig Ablenkung wie möglich ist die Devise. Mit der Abgabe des Registrierungsbogens muss ich auch mein Handy abgeben. Die ersten Tränen kullern bereits jetzt. Ob das eine gute Idee ist?

Ich suche mein Zimmer und überziehe mein Bett. Die Unterkunft ist einfach und ähnelt einer Jugendherberge. Aber mehr als ein Bett und eine Ablagefläche braucht man schließlich auch nicht. Hab ich ja außer ein paar Kleidungsstücken eh nichts dabei. Das Gemeinschaftsbad teilen wir uns mit drei anderen Zimmern

Mit den anderen beiden Mädls in meinem Zimmer tausche ich Namen aus. Zu viel mehr kommen wir auch schon nicht. Denn um 18 Uhr gibt es Abendessen und den Einführungsvortrag. Ab jetzt gilt auch das Kommunikationsverbot. Weder sprechen, noch Blickkontakt für die kommenden zehn Tage. Mit einem Blick auf den Tagesablauf sehe ich, dass wir oft meditieren werden. Noch bin ich davon überzeugt, dass das Schweigen und Handyfasten meine größten Sorgen sein werden.

Um 21 Uhr liege ich im Bett und stelle meinen Wecker auf 04:00 Uhr an Tag 1. Der erste Tag von 10. Der Tag an dem ich merken werde, dass Schweigen und Handfasten nicht meine größten Sorgen bleiben werden…


Hier geht’s zu den anderen Teilen der Serie:
#62 – 10 Tage Vipassana / Handyfasten, Schweigen und zehn Stunden täglich meditieren / Tag 1
#63 – 10 Tage Vipassana / Handyfasten, Schweigen und zehn Stunden täglich meditieren / Tag 2-9
#64 – 10 Tage Vipassana / Handyfasten, Schweigen und zehn Stunden täglich meditieren / Tag 10-11 + Fazit

7 Kommentare zu „#61 – 10 Tage Vipassana: Handyfasten, Schweigen und zehn Stunden täglich meditieren / Tag 0

  1. Anja , dieses Jahr hat es echt in sich für dich!!! Also bei diesem Beitrag ist es echt eine Gaudi die Vorschriften bei der Abreise und bei der Reinigung zu lesen:) Wurde quasi der Zimmerboden 3x gereinigt? (Da ihr ja zu dritt im Zimmer wart:):)

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.