#56 – Über den Wolken / Von der Relativität der Zeit und von Vorfreude

Ein Beitrag vom 31.05.2019 – aus dem Flugzeug irgendwo zwischen Dubai und Wien

So wie ein Ashram nicht gleich ein Ashram ist, sind 24 Stunden auch nicht gleich 24 Stunden. Vielleicht erinnert ihr euch noch dunkel an Weihnachten in eurer Kindheit oder ihr seht es in euren Familien. Die Nervosität beginnt im Grunde schon mit dem Öffnen des ersten Kästchens am Adventkalender. Am 24.12. selbst ist es aber dann nicht auszuhalten. Als mein großer Neffe noch klein war, hat er am Weg von der Kirche nach Hause gesagt: „Ich bin schon ganz hibbelig und kribbelig.“ (Zucker oder? Das werde ich wohl nie vergessen…) Wenn sich Weihnachten also so anfühlt, dann ist für mich heute Weihnachten. Denn es geht nach mehr als vier Monaten in Indien zurück nach Österreich.

Nicht, dass mir Indien nicht gefallen hätte. Nicht dass es nicht noch genug zu sehen gäbe. Und nicht, dass ich nicht noch geblieben wäre (vor allem im letzten Ashram). Aber ich bin derzeit (möglicherweise? offenbar?) so in meiner Mitte, dass ich gerade alles recht gelassen und positiv hinnehme. Indien läuft mir nicht davon und ich komme wieder. Der Heimflug ist gebucht. Also freue ich mich anstatt über einen Abschied zu trauern (Bin mal gespannt wie lange diese Leichtigkeit im Alltag anhält – hoffen wir das Beste!).

Jedenfalls… Am 24.12. muss man doch noch bis abends warten bis endlich das Christkind kommt. Erstmal Mittagessen. Dann rausputzen. Dann mit Oma zu Mama und Papa fahren. Dann im Zimmer warten und Kekse essen. Die Stunden und Minuten bis endlich das Glöckchen läutet scheinen unendlich. … So in etwa fühle ich mich heute. Die verbleibende Flugzeit beträgt noch 1h 24m. Und mir scheint das steht da seit Stunden. Ok, ok. Auf dem Flughafen in Dubai vor am Anschlussflug habe ich schon die Nerven verloren, weil ich geschnallt habe, dass ich noch neun (!) Stunden unterwegs sein werde, obwohl ich dachte es sind nur acht (meine Mama hat mich freundlicherweise darauf hingewiesen, dass ich nicht um 18:55 Uhr, sondern um 19:55 Uhr ankomme – als ich sie auf das umgekehrte hinweisen wollte). Aber jetzt – wo es doch nur noch weniger als zwei Stunden sind, gehen die sogar nochmal mit Getränken und Snacks durch. Bitte wir müssten ja schon bald den Sinkflug starten. Also bringt die Wagerl in Sicherheit und schnallt euch an.

Ich denke nach und starre aus dem Fester auf die Wolken und stelle fest: Wenn wir uns sehr wohl fühlen oder uns etwas gut gefällt „verfliegt die Zeit“ sprichwörtlich. Ob das ein Treffen mit Freunden ist, ein Urlaub, das Wochenende, ein guter Film, ein Mittagsschlaf. Zack die Stunde ist um (beim Mittagsschlaf meist unabsichtlich zwei). Wenn wir uns nicht wohl fühlen, etwas nicht mögen oder auf etwas heiß ersehntes Warten „schleicht die Zeit dahin“. Das kann ein unangenehmes Gespräch sein, eine Arbeit die wir nicht mögen, ein bestelltes Essen (worst case…) genauso gut wie das Wiedersehen mit den Liebsten (ok – das ist der worst case). Die Zeit, die einem beim einen fehlt, hat man beim anderen zu viel. Irgendwie doof.

Aber auch irgendwie nicht änderbar. Ich schaue also aus dem Fenster, während ich über meine soeben getippten Zeilen nachdenke und… zack! 1h 0m steht auf dem Display. Ich habe in dieser Zeit keine Formel entwickelt wie man dieses Ungleichgewicht mit der Zeit ausgleichen könnte. Trotzdem habe ich positive Gedanken dazu gefunden.

Think positive

Für ein paar Momente habe ich mir vorgestellt wie es denn wäre das tatsächlich auszugleichen. Wenn ich einfach die Stunden heute – also quasi einen Tag – im Ashram drangehängt hätte und heute dafür innerhalb von einer Stunde in Wien gelandet wäre. Ich komme zu einem gemeinsamen Ergebnis: Langweilig. Auch wenn ich mir vorstelle mich nicht so lange auf unseren gemeinsamen Urlaub freuen zu können, die Hütte zu Silvester, die einzelnen Wiedersehens-Termine jetzt mit meinen Freunden – alles würde ein wenig an Aufregung und Spannung verlieren. Und wenn ich mir vorstelle, dass meine Masterprüfung nur eine Minute gedauert hätte oder die schwierigeren Zeiten auf der Reise nicht gewesen wären oder sich manche Läufe nicht unendlich ziehen würden… Wie könnte ich dann danach so erleichtert sein, dass es vorbei ist und ich es geschafft habe?

Wenn es für das eine kein Ende gäbe wie könnten wir es schätzen, dass es ist oder wahr? Und wenn es für das andere keine Wartezeit gäbe, wie könnten wir uns darauf freuen? Vorfreude – auch wenn sie manchmal echt hibbelig und kribbelig macht – ist doch wohl eine der schönsten Freuden?! Und das sollten wir unbedingt genießen!

Fotostrecke: Eine ungeduldige Anja irgendwo zwischen Dubai und Wien und eine Zeit, die nicht vergehen will

Ankunft in Wien

… das Warten und die Vorfreude haben sich ausgezahlt. Meine ganze Familie war da! Ich habe viele Rosen – von meinem Schatz vier, für jeden Monat eine – Zeichnungen, Luftballons und sogar ein Willkommens-Plakat bekommen. Was für ein Empfang am Flughafen Wien…

12 Kommentare zu „#56 – Über den Wolken / Von der Relativität der Zeit und von Vorfreude

  1. Ja, ich denke, Du hattest eine gute, eine schöne Zeit! (Ich kann ja lesen… 😉 )
    Schön dass Du wieder heil und am Stück zurück bist. Und der Empfang war so wunderbar (wenn man den Fotos glauben darf.)

    Liebe Grüße, Werner 🙂

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  2. Liebe Anja – freu mich sehr – dass du eine so tolle, faszinierende, lehrreiche Zeit hattest in Indien …. freu mich schon jetzt auf weitere Berichte …. speziell von der Palmblattbibliothek 🙂 …. ! Genieß die Zeit zu Hause … und ich hoffe sehr – du führst den BLOG weiter .. ich finde eine wunderschöne Möglichkeit bei deinen Erlebnissen ein klein wenig dabei sein zu können!!! Dafür ein großes DANKESCHÖN!!!

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Elfi,
      ja – ich denke den Blog werdet ihr so schnell nicht los. 😉 Freue mich, wenn weiterhin mitliest. – Und daher liegt der Dank ganz auf meiner Seite! 🙂
      Detailbericht zum Palmblatt folgt persönlich! 🙂
      Bis ganz bald!

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    1. Liebe Helga,
      vielen Dank, es ist schön wieder da zu sein!
      Ich freue mich riesig zu lesen, dass du mich auch begleitet hast! 🙂
      Bis ganz bald und liebe Grüße
      Anja

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