#55 – Sivananda Yoga Ashram Madurai / Vom Handyfasten und dem perfekten Abschluss der Reise

Ich frage mich wie viel Zeit ich täglich am Handy verbringe. Falsch. Ich frage mich nicht. Ich bin erschüttert. Der Nachwuchs meines Bruders beschwert sich darüber schon seit Jahren. Mir klingen ihre Worte im Ohr: „Du immer mit deinem Handy…!“ (Zumindest bis der Große sein eigenes bekommen hat…) Seit ich in Indien bin hat sich daran nicht viel verändert. Listen schreiben. Gedanken notieren. Sachen googeln. Schauen was die Freude in der Heimat treiben. Familie auf dem Laufenden halten. Familie mit Fotos versorgen. Schauen wie spät es gerade daheim ist und sich vorstellen was der Partner gerade treibt. Die Verbindung zur nächsten Destination raussuchen. Fotografieren. Filmen. Auf die Uhr schauen. Tonaufnahmen machen. … Und auch einfach nur auf Facebook und Instagram scrollen ohne danach genau zu wissen was ich gesehen habe. Ein Tag ohne Handy? In meiner Vorstellung ein Ding der Unmöglichkeit. … Dann reise ich ins Sivanada Yoga Ashram nach Madurai. Irgendwo im Nirgendwo. Und plötzlich habe ich das Bedürfnis danach. Mach’s einfach. Und melde mich für vier Tage ab.

In the middle of nowhere

Irgendwo im nirgendwo angekommen checke ich die Lage. Ich teile mir ein Zimmer mit einer Australierin und einer Amerikanerin. Das Zimmer ist sehr sauber und geräumig. Wir schlafen zum Preis des Schlafsaals in einem Dreibett-Zimmer, weil die kommenden Tage 90 Yogis zur Yogalehrerausbildung anreisen werden. Es ist erdrückend heiß, aber das ist es sowieso schon die ganze Zeit. Die Anlage ist total grün, ruhig und idyllisch. Gefällt mir. Die beste Gelegenheit sich eine Social-Media-Auszeit zu gönnen.

„Jetzt sehen wir uns eh bald. Wenn du das machen willst, unterstütze ich das.“, sagt mein Schatz daheim zu meiner Idee. Überrascht über die Leichtigkeit in seiner Stimme und froh über seinen Zuspruch ziehe ich es also durch. Zugegebenermaßen – ich nutze die Uhr, sehr selten auch die Notizen, Foto-/Video-/Audioaufnahmen und ganz selten das Internet. Für vier Tage verabschiede ich mich allerdings von Facebook, Instagram, Mails und auch WhatsApp. Das ist zumindest ein kleiner Anfang.

Und soll ich euch was sagen…? An meinem Abreisetag aus dem Ashram habe ich nichtmal das Bedürfnis alles wieder zu aktivieren. (Auch wenn ich gleich eine Insta-Story rausschieße… haha) Zu keinem Zeitpunkt (ja echt…) in diesen vier Tagen habe ich das Bedürfnis Instagram oder Facebook zu öffnen. Da ich mich auch mehr oder weniger „abgemeldet“ habe und meine Familie für Notfälle meine indische Handynummer hat, verliert auch WhatsApp an Bedeutung. Die meiste Zeit bleibt mein österreichisches Handy abgedreht und das indische Handy verwende ich als Uhr (auf meine Einpackliste für die nächste Reise kommt eine Uhr!).

Ein straffer Zeitplan

Allerdings: Vermutlich fällt es mir auch so leicht, weil der Zeitplan im Ashram echt straff ist und man angehalten ist an allen Aktivitäten teilzunehmen. Anonymität ist hier definitiv nicht gegeben – sind wir schließlich nur sechs Personen, die auf „Yoga Vacation“ zu sind. Da fällt es schon auf, wenn ein Meditationspolster oder eine Yogamatte fehlt. Daher laufe ich von einem Programmpunkt zu nächsten und muss in vier Tagen mein Handy kein einziges Mal laden.

05:30 Weckruf
06:00 Satsang (Meditation & Gesang)
07:30 Tee
08:00 Yoga (eigentlich 90 Min. aber meistens mehr)
10:00 Brunch
10:45 Karma Yoga
14:00 Vorlesung (Theorie zu Yoga Philosophie)
16:00 Yoga
18:00 Abendessen
20:00 Satsang

Für mein Karma kehre ich die große Meditationshalle, den Tempel oder helfe bei der Essensausgabe. Satsang am Abend tausche ich meistens gegen eigene Meditation im Tempel. Ansonsten: Ja – jeden Tag nehme ich an allen Programmpunkten teil. „Vacation“ könnte in diesem Fall daher fehlgedeutet werden. Es hilft ausschließlich bei der Unterscheidung von den Teilnehmern des Yogalehrerkurses (deren Stundenplan möchtet ihr nicht kennen…) und uns.

Ashram ist nicht gleich Ashram

Wie ihr vielleicht schon bemerkt habt – es gibt erhebliche Unterschiede zu Ammas Ashram. Angefangen bei der Größe der Anlage (und damit verbundenen Persönlichkeit) und Anzahl von Bewohnern, mit dem schlussendlich – so denke ich – vieles von den folgenden Punkten zusammenhängt. Nämlich beispielsweise vor allem der Persönlichkeit und Herzlichkeit unter allen. Täglich erkundigt sich jemand wie es mir geht und ob man mir etwas Gutes tun kann. Der Fokus liegt deutlich auf Yoga (zweimal pro Tag und Theorie-Vorlesungen) und es wird sehr viel Wert drauf gelegt, dass man an allen Tagespunkten teilnimmt. Was außerdem anders ist, ist dass man das Ashram – außer an Freitagen – nicht verlassen darf (was mir erst am letzten Tag bewusst wird, als ich meinen Exit-Pass erhalte) und alle Mahlzeiten gemeinsam in einem Raum am Boden sitzend eingenommen werden, es gibt auch nur zwei Mahlzeiten am Tag. Infrastruktur gibt es bei Sivananda eigentlich keine… In einer kleinen Boutique kann man an Stunden am Tag Bücher, Kleidung und notwendige Kosmetikartikel kaufen. Was mir außerdem sehr gut gefällt ist, dass zwar Swami Sivananda und Swami Devananda als Gurus in den Gebeten und Gesängen vorkommen, einige Bilder von ihnen in der Anlage zu finden sind, aber aus meiner Sicht der Fokus stark darauf gerichtet ist sein eigener Gott zu sein und an sich selbst für sich selbst zu arbeiten – nicht für irgendjemand anderen. Und auch nicht dazu jemandem sein Leben „zu opfern“.

Was ich eigentlich damit sagen will ist: Durch all diese Dinge werden äußere Einflüsse stark reduziert und der Fokus auf sein Inneres gerückt. Die zwei Yogaeinheiten und lange Tage machen außerdem müde. Das hilft natürlich ungemein beim Nicht-Vermissen des Handys. Und mit jedem Tag, an dem mir bewusster wurde wie sehr ich es genieße, nicht vermisse, bei mir selbst bin, ich mir selbst genüge fällt es mir leichter. Was für ein schönes Gefühl. Was für ein Erfolg. Was für ein perfekter Abschluss dieser Reise!

Auf den Geschmack gekommen?

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist – probiert es aus! Ich weiß schon: Im normalen Alltag ist das nicht ganz so einfach, weil man vielleicht auch beruflich daran gebunden ist (aber nicht an alle Apps…! =P). Vielleicht steht ja bald mal ein Urlaub an oder ihr könnt euch motivieren euch ein Wochenende lang auszuklinken.

Hilfreich ist jedenfalls die Familie und Freunde informieren – das schafft Verbindlichkeit und bereitet niemandem unnötig Sorgen. Außerdem klein anzufangen – wer nicht gleich auf’s Ganz gehen möchte, kann sich ja wie gesagt mal für einen Tag/Wochenende trennen. Oder mal nur von ein paar ausgewählten Apps. Was auch nützlich ist, ist seine Gefühle zu notieren – vor allem die positiven, damit man einen Ansporn hat weiterzumachen/es nochmal zu machen, auch wenn’s mal einen härteren Tag geben sollte.

Last but not least: Falls es jemand probiert – ich freue mich auf eure Erfahrungsberichte. 😉

Und very last but not least:

Das Fotoalbum

Das Zimmer

Die Anlage

Tea Area, Dining & Durga Hall
Hier finden die Teepausen, der Brunch und das Abendessen statt.

Vishnu-Hall
Hier findet morgens und abends Satzung (Meditation und Gesang) und der Yoga-Unterricht für die Teilnehmer der Yogalehrerausbildung statt

Siva Hall
Hier hatten wir, die Yoga Vacation-Teilnehmer, Yoga-Unterricht

Kali Tempel

Homa für Ganesha im Kali Tempel
In einer Zeremonie wird Ganesha angebetet und verehrt, damit sie alle Hindernisse und Schwierigkeiten von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Yogalehrerausbildung freihält bzw. sie unterstützt sie zu überstehen. Wir dürfen auch teilnehmen.

12 Kommentare zu „#55 – Sivananda Yoga Ashram Madurai / Vom Handyfasten und dem perfekten Abschluss der Reise

  1. Sehr gut, wie du das ohne Handy geschafft hast. Würde deiner Mama auch gut tun.

    Schön, dass du noch einen wunderbaren Abschluss deiner Reise hattest und so viele intensive Eindrücke mitnehmen konntest.

    Und super, dass du gut zurück bist !!!!!!!!!!!

    Gefällt 1 Person

  2. Hi Anja!

    Ich hab das sogenannte „Digital Detox“ in Schottland gemacht … 8 Tage lang während der Wanderung hab ich das Handy nur zum Fotografieren und zum „Tagebuch“ schreiben genutzt.

    Mir ist es dabei wie dir gegangen, hab die sozialen Medien und auch Whats App gar nicht vermisst .. die einzigen Apps, die ich gebraucht hätte, wären die Wetter-App und Google-Maps gewesen (die hat dann mein Freund auf seinem Handy verwendet, um die Wetterlage des nächsten Tages zu checken bzw. um sich zurecht zu finden). Dabei ist mir dann natürlich aufgefallen, wie oft eigentlich mein Freund am Handy gehängt ist, sobald er WiFi zur Verfügung hatte, war tlw. echt nervig.

    Ich sehe das auf jeden Fall als gutes Zeichen, wenn man Insta (auf FB bin ich nicht) nicht vermisst und deswegen auch nicht nervös ist. Es ist echt ned schlimm, mal ein paar Tage auszusetzen.

    LG Bernie

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Bernie!
      Kul, dass du das durchgezogen hast während dein Freund nebenbei am Handy war – das ist ja doch eine kleine „Strafverschärfung“. Und noch kuler, dass du es auch nicht vermisst hast. Ein wichtiges Learning finde ich.

      War inzw. auch 10 Tage meditieren und musste mein Handy abgeben. Seit dem bin ich VIEL weniger auf sozialen Medien unterwegs und schau auch weniger drauf. (Beitrag folgt iiiirgendwann…. 🤪) Hat sich bei dir im Umgang mit dem Handy nachhaltig etwas verändert?

      Lg Anja

      Liken

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