#42 – Volunteering in Varkala Teil 1 von 2 / Erster Eindruck: Ich glaub ich muss hier weg…

Was für ein genialer Einfall mir da doch im März in Morjim am Strand gekommen ist, während ich da so in der Sonne bruzelnd gelegen bin und mir den Kopf zermatert habe wo ich denn als nächstes hinreisen könnte. Volunteering ist das Stichwort. Freie Kost und Logis gegen meine Arbeitsleistung und das noch dazu bei und mit Einheimischen. Die Möglichkeit etwas zu lernen und direkt am Leben der Locals teilzuhaben. Ajajaj… Dass ich da nicht früher drauf gekommen bin und es anscheinend nur mit Afrika verbunden hatte…

Den Gedanken kaum zu Ende gedacht sitze ich schon vorm Laptop und checke workaway.info aus. Nach laaaaaangem hin und her (Treffe ich eh nicht die falsche Entscheidung? Wäre es wo anders netter?) vereinbare ich mit einem Ayurvedic Retreat in Varkala/Kerala, dass ich am 31.03.2019 anreise und für einen Monat bleiben kann. Die Hotellerie ist ohnehin schon viel zu lange her und eventuell kann ich auch bei Yogastunden assistieren… Das klingt doch fein!

Nach einer 22-stündigen Zugfahrt komme ich abends an und nehme ein Taxi zum besagten Ort. Als ich vor dem Schild auf der Straße stehe, bin ich nicht sicher, ob der Fahrer und ich vom selben Retreat gesprochen haben, sieht es doch sehr heruntergekommen aus. „Jaja… Da bist du richtig. Da musst du hineingehen.“, sagt er und deutet in den dunklen Durchgang. „Nagut. Also dann auf ins Vergnügen…“, motiviere ich mich und mache mich auf den Weg durch den kleinen Dschungel.

Der Nachtwächter versteht nur schlecht Englisch, kennt sich aber aus als ich sage, dass ich Volunteer bin. Ein paar Minuten später kommt ein junger Mann mit langem gelockten Haar, ohne Schuhe sehr gemütlichen Schrittes auf mich zu und stellt sich vor: Abhi. Als ich seinen Namen höre klingelt es – der Chef des Hauses. Er erklärt mir, dass wir auf die andere junge Frau, mit der ich mir das Zimmer teile, warten müssen. Inzwischen unterhalten wir uns über das Retreat und meinen Lebenslauf. Irgendwann landen wir dann beim Thema Organisationsentwicklung und Change Management. So vergehen sicher zwei Stunden bis Gal, die andere Volunteer, kommt – die eigentlich die ganze Zeit in ihrem Zimmer war… 😉

Ich erfahre, dass wir ursprünglich in einem anderen Gebäude wohnen sollten, in dem derzeit aber kein Strom ist. Gal hat daher ein Zimmer mit Gartenblick bekommen, das zwar sehr nett, aber miniklein ist. Wir können es einrichten, dass ich ein eigenes Zimmer bekomme und ich bin irgendwie erleichtert nicht zu zweit auf so engem Raum und in einem Bett schlafen zu müssen. Wenngleich sie mir auch wirklich sympathisch ist und wir uns auf Anhieb toll verstehen!

Gal bleibt noch ein bisschen bei mir und gibt mir erste Eindrücke mit: Es ist derzeit „Off-Season“ – sprich: kaum Gäste. Sprich: Kaum Arbeit. Yogaunterricht gibt es keinen. Also auch keine Assistenz. Selbst schon Stunden geben? Oha – ich bin nicht sicher wo doch in Indien so viele erfahrene Yogis herumlaufen… Abgesehen davon: Wem, wenn keine Gäste. Unsere Aufgabe ist es an der Rezeption zu sitzen und gegebenenfalls Gäste einzuchecken. Gal ist die meiste Zeit mit ihrem e-Reader beschäftigt. Weil: keine Gäste. Wir werden zwei Schichten machen: Eine von 8-13 und eine von 13-18 Uhr. Das Essen, das wir zur Verfügung gestellt bekommen ist indisch (Nona – trotzdem hoffe ich auf „not spicy“) und lt. ihr sehr lecker. Morgen kommt noch eine Volunteer, dann sind wir zu dritt. Die Köchin versteht gar kein Englisch. Am Anfang scheint sie sehr unfreundlich zu sein, aber in Wahrheit ist sie sehr lieb. Auch die anderen machen manchmal den Eindruck sie mögen keine Volunteers, aber eigentlich sind alle sehr nett.

Uff… Ganz so berauschend klingt das nicht. Und drei Volunteers für keine Arbeit. Na das wird lustig. Außerdem habe ich schon die Woche davor in entsetzte Gesichter geblickt, als ich in Goa erzählt habe, dass ich nach Kerala fahren werde. EXTREM heiss soll es werden. Und die Regenzeit naht auch in großen Schritten. Meine Motivation sinkt.

Nagut… Dann mal eine heißersehnte Dusche nehmen und ab ins Bett. Als ich das Bad betrete schlägt mir unangenehmer Geruch (Toilette? Abgestandenes Wasser?) entgegen. Ums Waschbecken kleben Zahnpasta-Flecken, die Ameisen haben sich einen Weg durch den ganzen Raum gebahnt und in der Dusche finde ich Schmutz und Haare. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Wo bin ich hier gelandet…?! Trotz allem dusche ich mich schnell ab während ich versuche nirgends anzukommen und lege mich ins – zum Glück – saubere Bett.

Neuer Tag – neues Glück?

Am nächsten Morgen unterhalten sich Gal und die dritte Volunteer schon an der Rezeption. Wir frühstücken und teilen ein wer wann wie arbeitet. Ich habe gleich mal zwei Tage frei. Beim Frühstück und bei Tageslicht fällt mir auf, dass alles sehr abgewohnt ist und auf Sauberkeit offenbar wenig Wert gelegt wird. Alles ist irgendwie „schmuddelig“ und lieblos. Meine Laune sinkt weiterhin. Und zugleich sage ich mir, dass ich jetzt mal den ersten Arbeitstag abwarte und alles wirken lasse…

Nachmittags ziehen wir dann doch in das andere Gebäude um, da der Strom nun wieder geht. Die Hoffnung diesmal einen sauberen Ort vorzufinden ist gering. Das sogenannte „Whitehouse“ liegt im ganz hinteren Teil des Geländes. Man geht quasi durch den „Dschungel“ über einen sehr idyllischen aber holprigen Weg und muss aufpassen nicht in den Sumpf nebenan zu fallen (wer mich kennt, weiß dass mir das in der Tat zuzutrauen wäre…). Das Gebäude sieht von außen zwar nett, aber – wenig überraschend zum restlichen Teil des Retreats – total heruntergekommen aus. Es kugeln Betten und Stühle herum (auf dem Foto nicht zu sehen blöderweise – oder zum Glück =P), überall liegen Blätter und die hübschen Sonnenliegen sind bestückt mit Vogelmist – wie auch die Treppen in das Obergeschoss. Für Indien jetzt nicht ganz so außergewöhnlich, wenn man hier Gäste aus dem Westen empfangen will aber vielleicht nicht so passend? Ich versuche meine Hotellerie-Brille abzulegen…

Ich betrete das Zimmer. Sieht ok aus. Abgewohnt aber ok. Das Bett ist sauber. Es gibt ein Moskitonetz. Sehr gut! Dann gehe ich ins Badezimmer. Und sehe die Badewanne. Oha! Wer zum Geier zahlt für solch ein Zimmer?! Schockiert stelle ich fest: Ich glaub ich muss hier weg. Unmöglich hier einen Monat zu bleiben. Aber die Geburtstagspakete Mitte April werde ich abwarten. Das schaffe ich!

An diesem Tag ist mir dann das erste Mal so richtig alles zu viel und das Heimweh überrollt mich. Alles schmutzig. Alles abgewohnt. Regenzeit kommt. Keine Arbeit. Sogar die Geschäfte und Restaurants werden schließen. Wo soll ich hin? Was soll ich machen? Ich will hier nicht bleiben. … Die Tränen kullern und ich verbreite sowohl bei meinen Eltern als auch bei Stefan große Sorge. Was mir wiederum ein schlechtes Gewissen bereitet. Und trotzdem sind sie diejenigen, die mir gerade alleine durchs Zuhören am besten helfen können. Ich sammle mich und beschließe mein Zimmer zu putzen und bis Mitte April durchzuhalten. Außerdem mal alles ein paar Tage auf mich wirken zu lassen…

Licht am Horizont

Ein bisschen Ablenkung bekomme ich abends, als ich Abhi zum Einkaufen begleite. Wir werden alle zusammen kochen und Abhi bekommt Besuch. Außerdem klage ich über die Badewanne und darf in ein anderes Zimmer im Whitehouse umziehen.

Nach dem Abendessen, mitten in der Nacht, putze ich das Zimmer noch mehr als eine Stunde und versuche alles zu desinfizieren und mich häuslich einzurichten. Ein weiterer Schock überkommt mich, als eine riesige Spinne mir Gesellschaft leisten will. Wie angewurzelt klebe ich an der Eingangstüre (in dem Moment war mir ziemlich egal, dass ich ja eigentlich nirgends ankommen wollte). Mit meinen Birkenstock schaffe ich mir Abhilfe (alle Vegetarier und Tierliebhaber verzeihen mir bitte diesen Ausrutscher).

Nachdem mein Rucksack dann ausgepackt ist, mein eigener Polster am Bett liegt und Fotos aufgehängt sind fühlt es sich eine kleine Spur angenehmer an. Ab dann wird es von Tag zu Tag besser und ich kann auch die positiven Seiten sehen: Es ist unglaublich ruhig, alles grün, total idyllisch, nur 5 Minuten zum Strand. Das Zimmer ist sehr geräumig, ich habe das Gebäude die meiste Zeit ganz für mich, eine kleine Terrasse mit Blick ins Grüne, eine kleine Dachterrasse für Yoga,…

Dass es keine Arbeit gibt kommt mir sehr zugute: Ich habe Zeit zu recherchieren wohin mich mein Weg als nächstes führen soll. Ich suche mir andere Hosts heraus, plane eine Route durch Kerala. Im Nachhinein gesehen mache ich mich förmlich FERTIG mit der Planung. Ich bin so gestresst hier wegzukommen und so in Panik, dass ich zu keinem Zeitpunkt die Umgebung genieße. Kein einziges Mal bin ich in der ersten Woche am Strand. Ich verbringe die gesamte Zeit vorm Laptop. Auch das Bauchgefühl bleibt ein ganz komisches. Ich bin ja grundsätzlich nicht heikel und es ist alles geputzt. Viele andere Plätze in Indien – auch das Hostel in dem ich gleich danach war – sind ein bisschen schmuddelig. In letzterem habe ich mich aber durch und durch wohl und ab dem ersten Betreten zu Hause gefühlt. Bis zum letzten Tag kann ich es in Edengarden nicht benennen, aber „irgendwas hat’s da..“…. Trotzdem werfe ich zum Schluss erst Recht alle Pläne über den Haufen… Und bleibe sogar mehr als 3 Wochen. Mit vielen tollen Erlebnissen.

Fortsetzung folgt…

10 Kommentare zu „#42 – Volunteering in Varkala Teil 1 von 2 / Erster Eindruck: Ich glaub ich muss hier weg…

  1. Mein Mädchen!
    Du darfst auf keinen Fall ein schlechtes Gewissen haben. Wir in der Ferne sind für dich da ( soweit es in unserer Macht steht zu helfen) , du kannst dich darauf verlassen. Für Eltern ist das selbstverständlich. Und viel mehr als Zuhören, ( + gscheite Tipps von uns geben) können wir eh nicht.
    Aber auch negative Erlebnisse haben ihr Gutes. Zum Beispiel , daß du deine Stärke spüren kannst, wenn du gut aus der Situation heraus kommst. Dass du auch stolz sein kannst, durchgehalten zu haben, bis endlich die Visakarte und das Paket ( express ist in Indien langsamer als bei uns, was für eine Überraschung ) angekommen sind. Und dass du auch die positiven Seiten gesehen hast, wie nette Gespräche und entspannte Strandstunden.
    Dass dich auch Mal das Heimweh überkommt ist ganz natürlich.
    Ich wünsche dir noch ein schönes Monat und begleite dich weiterhin im Herzen.

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  2. Auch das ist eine Erfahrung mehr die dir keiner nehmen kann. Wie deine Mama schon sagt… Wir sind alle IMMER gern für dich da und du brauchst absolut kein schlechtes Gewissen dabei haben. Gerade du machst das gleiche ja auch umgekehrt, und das auch mehr als gerne. Irgendwie musste ich grad schmunzeln wenn man bedenkt das wir uns mal über den kleinen Pecker von deiner Badewanne unterhalten haben. Das ist im Nachhinein nichts gegen die Badewanne 😀
    Ich kanns nicht oft genug sagen… Ich bin so wahnsinnig stolz welch taffe Frau ich an meiner Seite hab….. ❤

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    1. Vielen Dank für die lieben Worte, mein Schatz!

      Du hast Recht – ab jetzt werden mir kleine Pecker noch mehr egal sein als bisher. Wenn ich sie überhaupt noch seh… =P

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  3. na bitte, Stefan und Deine Mama haben eh schon alles gesagt 🙂 halte durch und genieße die Zeit, ab und zu einen „Hänger“ haben ist normal und steht Dir zu 🙂 Du machst das toll und hast die Bewunderer auf Deiner Seite. Wer würde sich so eine Reise alleine zutrauen ??? Pass nur weiterhin auf auf Dich , Bussi D

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  4. Liebe Anja,

    puh. Wieder mal ein Eintrag, wo ich mir (jetzt dann wohl endgültig) eingestehen muss, dass das mit der Abenteurerin in mir wohl nie was werden kann.

    Diese Spinne … ich finde keine Worte dafür. Dass du das Problem hast „lösen“ können (ich habe das vorigen Sommer am Attersee mit genau der gleichen Mordwaffe gemacht, allerdings war das Opfer um einiges zarter!) finde ich wahnsinnig bewundernswert! Ich wäre vermutlich an Ort und Stelle tot umgefallen. Herzinfarkt. Oder zumindest Schockstarre und dann: lauf oder stirb.

    Und die Badewanne. Da musste ich bei Stefans Kommentar schmunzeln. Auch ich werde sicher nimmer auf einen Pecker achten. 😀

    Liebe Anja, pass gut auf dich auf!
    Großes Bussi. Hier auch Regenzeit – für die nächsten fünf Tage zumindest. :-/

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    1. Liebe Belli,
      ich hätte mir das vorher auch nicht vorstellen können… Aber man wächst rein und das würdest du auch, wenn du so eine Reise machen würdest. So wie du jetzt in deine Mutterrolle reinwächst vielleicht..?!
      Freue mich riesig auf unser Frühstück im Juni!
      Bussis

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