#31 – Reisebericht Thiruvananthapuram / Trivandrum – Von meinem nicht vorhandenen Orientierungssinn und der Herrlichkeit der Stille

Derzeit bin ich in Varkala/Kerala für 18 Tage zum Volunteering in einem Ayurvedic Resort. Da ich an nur fünf von sieben Tagen arbeiten muss, beschließe ich einen Tagesausflug nach Thiruvananthapuram – besser bekannt und aussprechlicher als Trivandrum – zu machen.

Einige Tage zuvor hat eine andere Volunteer diesen Trip gewagt und war begeistert. Wie sie nehme ich auch um 06:00 Uhr den Bus von der Haltestelle gleich hinter dem Resort. Der Bus fährt eine Stunde länger als der Zug, aber das stört mich nicht und ich nutze die 1,5 Stunden um mit dem Wind im Gesicht langsam aufzuwachen.

In Trivandrum angekommen erspähe ich gleich gegenüber der Busstation das anscheinend sehr bekannte „Indian Coffee House“ (sieht witzig aus, weil es – wie bei uns manche Parkgaragen im Kreis gebaut ist). Da ich Angst vor erneut scharfem Essen habe beschränke ich mich auf einen Buttertoast und einen Milk-Chai.

Gestärkt mache ich mich auf den Weg zum Padmanabhaswamy-Tempel. Laut Reiseführer darf man ihn als Tourist nicht betreten, aber alleine die Hindus auf dem Weg in den Tempel zu beobachten finde ich schön. (Zurück im Resort erfahre ich, dass man beim Westeingang offenbar als Tourist doch Zutritt gewährt bekommt… – für all jene, die es dorthin verschlägt)

Gleich daneben befindet sich der Maharaja Swathi Thirunal Palace (Eintritt für beide Museen 200 Rs). Ich warte bis er 30 Minuten später um 09:00 Uhr öffnet und dann nochmal sicher 45 Minuten auf eine englischsprachigen Touristenguide. Währenddessen freut sich der Museumsdirektor offenbar zur Abwechslung eine nicht-indische Touristin begrüßen zu dürfen und beginnt mich im Garten herumzuführen. Wir stellen fest, dass seine Frau ganz in der Nähe des Ayurvedic Resorts in Varkala wohnt. Fotos dürfen leider nur im Garten gemacht werden.

30 Minuten später beginnt die Tour. Die Guide scheucht uns durch den Palast und es bleibt wenig Zeit sich die Dinge genau anzusehen – sehr schade! Ein anderer junger Mann ist ebenso genervt davon und wir tauschen vielsagende Blicke aus… Er ist so nett und nimmt sich Zeit mir zu dem einen oder anderen Raum/ausgestellten Gegenstand etwas zu erzählen. Im weiteren Gespräch erfahre ich, dass er Buchhalter ist, aber seine Leidenschaft die Geschichte ist und er es deshalb hobbymäßig studiert. Für mich ein Segen! Soweit es die Zeit erlaubt bis wir schon ins nächste Zimmer laufen müssen erzählt er mir zu dem einen oder anderen Gegenstand etwas. Wir gehen dann auch gemeinsam ins dazugehörige zweite Museum im selben Komplex und ich erfahre dort von ihm viel über die ausgestellten Bilder und den Hinduismus. Etwas frustriert stelle ich fest, dass ich noch nicht ganz durchblicke – so viele Götter, Inkarnationen, verschiedene Richtungen, Rituale. Er tröstet mich und bestätigt, dass es tatsächlich sehr komplex ist – teilweise auch für die Hindus selbst. 😉 Am Ausgang verabschieden wir uns und gehen unserer Wege. Ich kann ihm gar nicht zum Ausdruck bringen wie sehr ich es schätze, dass er sich die Zeit genommen hat und ich so viel erfahren durfte! Einfach weil es ihm Spaß macht und er gerne sein Wissen teilt.

Auf den nächsten Programmpunkt freue ich mich: Chalai Market. Ich liebe Märkte! Ich schlendere so durch die Straßen (u.a. Chalai Market Road) und überall sind Shops. Nachdem mich plötzlich merke, dass mich mein nicht vorhandener Orientierungssinn im Kreis führt und ich den richtigen Markt noch nicht gesehen habe, aber auch keine Idee habe wo er ist werde ich ungeduldig. Es wird immer heißer, es ist laut und ich bin müde. Also beschließe ich aufzugeben…

Trotz mangelnder Motivation beschließe ich das Napier Museum zu besuchen. Mein Reiseführer sagt, es liegt in einem Park und soll sehr nett sein. Da ich mir unbedingt die Beine vertreten möchte und ich ja massenhaft Zeit habe, mache ich mich langsamen Schrittes für 30 Minuten auf den Weg. Dieser führt unter anderem vorbei an einem Stadion und einer katholischen Kirche (habe ich bisher wenige gesehen bzw. besucht).

Außerdem freue ich mich wieder über indische Straßen-Wandmalereien. Die sind in den Städten immer wieder zu sehen – im Beitrag über Mysore habe ich auch einige hochgeladen – und lenken ein bisschen von der Hektik, dem Trubel, Lärm und Staub ab.

Außerdem habe ich inzwischen auf der Reise eine neue Vorliebe entdeckt. Neben Türen und Fenstern fotografiere ich neuerdings auch gerne alle möglichen Schilder. 🙂

Das Napier-Museum ist ganz nett – es finden sich Statuen von den hinduistischen und christlichen Gottheiten, alte Münzen und Bilder. Ganz nett zum Stöbern und Durchschlendern.

Kurz überlege ich, ob den Zoo nebenan besuche, entscheide mich dann aber dagegen. In Mysore habe ich ja schon einen Tiergarten gesehen und vermutlich würde ich nicht viel Neues entdecken. Stattdessen gönne ich mir eine Pause im Schatten in der Wiese und schließe ein paar Minuten meine Augen…

Auf dem Rückweg gönne ich mir meine erste Pizza bei Domino’s. Das Lokal ist klimatisiert – wie herrlich! Und die Pizza ist auch gar nicht so schlecht. 😉

Eine Arbeitskollegin antwortet zu dieser Zeit auf meine Istagram-Story und schlägt vor die Allianz Technology (Tochterfirma meines Arbeitgebers) zu besuchen. Da aber Sonntag ist, ich keine Ansprechperson habe, wirklich schmuddeliges Gewand trage und ziemlich kaputt bin entscheide ich mich doch dagegen und lasse mir offen eventuell noch einen Tag nach Trivandrum zu fahren. Lustig und nett wäre das schon!

Da sich meine Lustlosigkeit auch nicht für einen Kinobesuch (sollte man in Indien unbedingt mal gemacht haben…) begeistern kann, beschließe ich mich auf den Heimweg zu machen. Zum Glück. Denn – mein noch immer nicht vorhandener Orientierungssinn – führt mich trotz Google Maps weiiiiiit am Bahnhof vorbei… Irgendwann lande ich dann doch dort, kaufe mir ein Ticket und versuche den richtigen Zug und Bahnsteig zu finden. Dazu mache ich es mir einfach und frage bei der Bahnhofsleitung (war das erste Büro, dass ich finden konnte…) nach. Der Mann ist wirklich zuvorkommend, telefoniert extra für mich und schickt mich zu Gleis vier. Ich beeile mich um den Zug nicht zu verpassen, laufe die Stufen hinunter… und bleibe kurz wie angewurzelt stehen. In den Zug quetschen sich gerade viel mehr Inder als jemals reinpassen können. Sie hängen bei den Türen heraus, drücken und drängen. „Ähm… Ich denke ich nehme den nächsten.“, ist mein erster Gedanke. Schnell lasse ich meinen Blick über die anderen Waggons huschen. Und siehe da: Der allerletzte sieht sehr leer aus. Wieder schnelle Schritte und hineingesprungen. Ich freue mich: Der Waggon ist voll mit Frauen, die in Reih und Glied sitzen. Ich stelle mich darauf ein die Fahrt zu stehen bis mich von ganz hinten eine junge Dame herbeiwinkt und mir alle Platz machen, damit ich auch sitzen kann. Schon wieder erwärmt sich mein Herz – nicht nur aufgrund der Hitze. Sie fragen mich bis wohin ich fahre und als wir da sind, weisen sie mindestens fünf Mal drauf hin, dass ich hier aussteigen muss. … Als wüssten sie, dass ich manchmal etwas schusselig bin. 😉

Apropos schusselig. Auch den 25 Minuten-Weg ins Resort beschließe ich zu Fuß auf mich zu nehmen. Um mir die Zeit zu vertreiben mache ich ein Live-Video auf Instagram und berichte von meinem Zugerlebnis… und laufe in die falsche Richtung. Aus einem 30-Minuten-Weg werden also locker 50 Minuten. Mein nicht vorhandener Orientierungssinn lässt wieder grüßen. Das Schöne ist aber, dass ich dabei den Sonnenuntergang und die herrliche Stille genießen kann. Ich schlendere über die sandigen Straßen, vorbei an Wohnhäusern, treffe indische Familien deren Kinder mit mir Fotos machen wollen oder einfach nicht aufhören können mir „Hallooooo“ nachzurufen und beobachte eine Gruppe beim Fußballspielen. Links und rechts nur grün. Vogelgezwitscher. Ansonsten Stille. Was gibt es Schöneres nach einem Tag in einer hektischen, lauten, heißen indischen Großstadt…

Alles in allem war der Tag nicht ganz so erfolgreich (wenn man bedenkt, dass ich den Tempel nicht betreten und den Markt nicht gefunden habe). Die Stadt hat mich nicht besonders vom Hocker gerissen – vor allem wenn ich beispielsweise an Mysore o.Ä. denke – aber es war mal wieder gut sich die Beine zu vertreten und ein bisschen Abwechslung gehabt zu haben.

4 Kommentare zu „#31 – Reisebericht Thiruvananthapuram / Trivandrum – Von meinem nicht vorhandenen Orientierungssinn und der Herrlichkeit der Stille

  1. Liebe Anja,

    ich bewundere dich so. Echt!
    Wir waren jetzt ein paar Tage in Salzburg. Urlaub mit Kindern sozusagen. An dieser Stelle möchte ich aber klar stellen, dass das mit Urlaub nix zu tun hat. Eher Tapetenwechsel mit Kindern. Davor und danach eine lange Fahrt. Ich hasse Auto fahren seit ich Kinder habe.
    Dazwischen Breie warm machen lassen, die dann nicht gegessen werden. Muttermilch bedeutet Heimat. Davon braucht man offenbar dann ganz viel, wenn man weg von daheim ist. So sieht das die kleine Madame.
    Die große Madame ernährt sich ausschließlich von Fritattensuppe und Pommes. Beides macht die Mama nämlich sonst nie.

    Naja. Warum erzähl ich das. Vermutlich aus dem gleichen Grund, warum ich dir oft vom Wetter hier berichte. Weil es dich vielleicht interessieren könnte …?!

    Um auf den Punkt zu kommen (und das hat nix mit den Umständen der Reise zu tun) – der werte Freund fährt die Strecke Wels – Salzburg seit ca. dreißig Jahren. Mindestens einmal im Jahr. Verfahren. Hoppsi.
    Wir waren nicht das erste Mal in Salzburg. Circa schon das zehnte Mal. Gemeinsam. Jeden Tag mindestens fünf mal Google Maps geöffnet. Macht nichts.

    So viel zum Orientierungssinn. Das verbindet uns!

    Bussi.

    Gefällt 1 Person

    1. Na Belli, da hast du aber nachgeholt beim Lesen was? … Und eher noch beim Kommentieren. Komm ja gar nicht nach. 😉

      Muss echt schmunzeln und bin froh, dass nicht nur mir das Verlaufen und Verfahren passiert. Liebe Grüße an den werten Freund an dieser Stelle. 🙂

      Ich liebe es wie du schreibst. Hättest du nicht tausend Dinge um die Ohren würde ich dir einen Mama-Blog ans Herz legen.

      Freue mich sehr, dass ihr mit den Kids rausgekommen seid. Und werde das gleich mal als Anstoß nutzen dir eine Nachricht zu schicken.

      Bussis

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