#29 – Von Wurzeln und Flügeln / Zeit für ein Dankeschön… an meine Eltern

Vor kurzem habe ich eine Mail bekommen, die mich sehr zum Nachdenken gebracht hat. Gestern hatte ich dann ein sehr langes, gutes Gespräch mit einer Mutter, eines Sohnes, der (ich wollte jetzt fast in meinem Alter ist schreiben… haha) Anfang der 20er ist. Wir haben uns darüber unterhalten, wie stark Mütter es fühlen, wenn etwas tatsächlich nicht mit dem Kind stimmt (auch über kilometerweite Entfernungen) und dem Unterschied der ganz „normalen“ Sorgen. Nach all den Eindrücken wusste ich: Es ist dringend Zeit mich wieder zu bedanken. Diesmal bei meinen Eltern – weshalb der Beitrag auch an sie gerichtet ist…

Ich weiß nicht wie es ist Mutter zu sein. Schon gar nicht wie es ist Vater zu sein. Letzteres wird mir wohl auch für immer verwehrt bleiben. Ersteres erlebe ich hoffentlich noch. 😉 Ich bin deshalb vorsichtig darin Aussagen über das Elternsein zu treffen oder über Menschen mit Kindern und deren Erziehung zu urteilen. Von euch habe ich aber auf jeden Fall eines dazu mitbekommen: Nämlich, dass man immer Mutter oder Vater bleibt. Und das Kind immer das Kind. Man will es behüten und beschützen. Man will Gesundheit, Glück, Liebe und Erfolg für dieses Kind. Und deshalb stelle ich es mir schwer vor das Kind irgendwann loszulassen. Das bringt nämlich auch ein Stück weit mit sich die Kontrolle aus der Hand zu geben (meine Spezialität…) und es der manchmal unsicheren, gefährlichen Welt auszusetzen. Wo es vielleicht nicht immer Gesundheit, Glück. Liebe und Erfolg erfährt, sondern auch Krankheit, Pech, Hass und Unglück (und jede abgeschwächte Abstufung davon, um es nicht ganz so dramatisch zu machen).

Jetzt ist es also manchmal schon nicht einfach mit anzusehen wie das Kind in der Heimat alleine umherzieht und seine – möglicherweise unangenehmen Erfahrungen macht. … Und dann gibt’s so Kinder wie mich. Die beschließen kurzerhand ein paar Monate nach Indien zu reisen. Alleine als junge Frau mit einem Rucksack am Rücken und ohne konkreten Plan. Wo doch alle sagen, dass Indien so ein heikles Pflaster ist. So schmutzig, so grauslich, so schrecklich und so gefährlich. Die Männer sollen die Frauen so schlimm angraben und behandeln und überall soll es stinken und unhygienisch sein. Naja – ich nehme euch nicht übel, dass ihr keinen Luftsprung gemacht habt, als ich euch mein Vorhaben offenbart habe.

Und doch habt ihr mich von Beginn an unterstützt. Mir das Gefühl gegeben es ist alles gut wie es ist und wenn ich auf mein Herz vertraue, wird es das Richtige sein. Ihr habt mich in meinen Vorbereitungen unterstützt, Dinge besorgt, geholfen den Rucksack zu packen, im tiefsten Schneetreiben meinen Umzug gestemmt, mir bei der Auswahl der richtigen Unterkünfte geholfen, meine Sorgen und Bedenken angehört, mitgefiebert, eine Abschiedsfeier organisiert, … und mir zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gegeben, dass ich ein schlechtes Gewissen haben müsste, weil ich euch große Sorgen bereite. Und auch jetzt wo ich unterwegs bin ist es nicht anders. Zu jeder Zeit darf ich mich melden, mein Herz ausschütten, um Rat fragen.

Ich stelle mir vor und kann verstehen, dass ihr etliche Momente habt, in denen ihr schwitzt. In denen ihr euch sorgt. Euch Gedanken macht. Denn nicht genug damit, dass ich alleine in Indien unterwegs bin. Nachdem ich mich nun schon etwas eingelebt habe, bin ich nicht immer nur dem Taxi unterwegs. Ich entscheide mich auch dazu mit dem Nachtbus, Nachtzug, Zug in der öffentlichen Klasse, öffentlichem Bus usw. zu fahren. Wo die halbe Welt die Augen aufreißt und entsetzt: „Du meine Güte! So gefährlich! Als Frau alleine in Indien im öffentlichen Verkehrsmitteln!“ ruft. Da darf man schon mal irritiert sein. Und da ich es aber als total angenehm und normal empfinde, mache ich das jetzt regelmäßig. Wenn ich mich mal wieder von einer in die andere Stadt aufmache und selbst nicht ganz genau weiß wie ich dahin komme, während ich mich in Ruhe am Bahnhof durchfrage und 20 Stunden im Zug unterwegs bin, hofft ihr zu Hause, dass wohl alles gut geht.

Oder ich leihe mir einen Scooter und bin zum ersten Mal in meinem Leben mit so einem Teil unterwegs. Der indische Straßenverkehr (inkl. Linksverkehr) bietet dafür vielleicht nicht die idealen Voraussetzungen (wobei Goa ohnehin eine positive Ausnahme ist…). Und dann habe ich mit dem Teil auch noch einen Sturz.

Ich weiß auch, dass ihr mit mir leidet und euch sorgt, wenn es mir nicht gut geht. Ich euch ins Telefon heule, weil gerade mal wieder alles zu viel ist. Weil es schmutzig ist, da wo ich wohne. Oder weil ich starke Bauchschmerzen habe.

Wie ich bin, habe ich deshalb schon ab und zu ein schlechtes Gewissen. Ihr gebt mir aber das Gefühl, dass es einfach normal ist sich ein wenig zu sorgen und ich mir darüber nicht weiter Gedanken machen muss. Ihr vertraut mir, habt mir (fast =P) nie versucht etwas ein- oder auszureden. Ihr hört mir zu. Ihr weint mit mir wenn ich Heimweh habe. Lacht mit mir, wenn ich mal wieder ungeschickt war. Freut euch mit mir, wenn ich ein besonderes Erlebnis hatte. Leidet mit mir, wenn ich Schmerzen habe. Seid mit mir nervös vor neuen Abenteuern. Und erleichtert, wenn alles gut ging.

So mancher denkt sich jetzt vielleicht: „Ok, sie ist aber auch fast (10 days to go!) dreißig. Sie ist ja kein Baby mehr.“ Aber das ist exakt das was ich oben beschrieben habe… Ich werde immer euer Kind sein. Und das wird sich auch mit vierzig nicht geändert haben. An dieser Stelle möchte ich u.a. wieder auf das Buch verweisen, das ich schon einmal empfohlen habe („Drei Fragen: Wer bin ich? Wohin gehe ich? Und mit wem? – Jorge Bucay). Der Autor beschriebt, dass die Eltern zu einem bestimmten Zeitpunkt die Kinder loslassen und ihre eigenen Erfahrungen machen lassen müssen (ganz kurz zusammengefasst…). Welche auch immer das sein mögen. Und genau das tut ihr gerade.

Ich glaube ich habe diesen Spruch von einer Karte, die du mir, Mama, vor ewigen Zeiten in mein Poesiealbum geklebt hast und ich finde ihn mehr als passend: Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel (J. W. von Goethe).

Was ich zur Zeit als Wurzeln bezeichnen würde, ist das Gefühl, dass ich mich jederzeit mit egal welchem Thema bei euch melden darf. Es ist keine Zeit zu früh oder zu spät. Und gibt keinen unpassenden Tag oder Moment. Und wann immer ich auch nach Hause komme – ich werde mit offenen Armen und viel Liebe von euch empfangen.

Die Flügeln hingegen sind das Vertrauen, das ihr mir schenkt, dass ich auf mich aufpasse. Dass ihr mir nicht das Gefühl gebt ich müsste ein schlechtes Gewissen haben, weil ihr euch sorgt. Das Gefühl ich kann, darf und soll meine eigenen Erfahrungen machen und muss auch alleine Entscheidungen treffen (auch wenn ich das weder gerne tue noch glaube zu können – aber hey: es klappt!). Der Mut die Welt zu entdecken so weit und so lange ich das möchte. Neues zu probieren und über mich hinauszuwachsen.

Das ist mit Sicherheit nicht immer einfach. Aber das macht ihr hervorragend. Und dafür bewundere ich euch.

… An dieser Stelle bleibt mir nur noch DANKE zu sagen.

P.S.: Und weil es mir so am Herzen liegt, aber eigentlich nicht in den oberen Text passt… Ich möchte mich an dieser Stelle auch dafür bedanken, dass ihr mich – vor allem in den letzten Jahren – so sehr unterstützt habt. Das berufsbegleitende Studium hätte ich vermutlich nicht so „angenehm“ durchziehen können, wenn ihr nicht gewesen wärt. Pakete von der Post holen oder hinbringen, einkaufen, kochen, Wäsche waschen, mein Taxi sein,… und nebenbei meine Sorgen anhören, Launen aushalten, Rat geben, trösten, mitfiebern, stolz sein. Das ist nicht selbstverständlich (auch wenn ihr das ab und zu sagt), kostet viel Kraft und Zeit und ich habe euch schon oft gesagt, dass ich nicht weiß wie ich euch das zurückgeben kann. Der Beitrag ist jedenfalls ein Versuch meinen Dank auszudrücken.

14 Kommentare zu „#29 – Von Wurzeln und Flügeln / Zeit für ein Dankeschön… an meine Eltern

  1. Ich sitze hier und vor Rührung kollern die Tränen. Danke meine liebe Tochter zu diesem Beitrag. Für mich ist es selbstverständlich, meinen Kindern , so weit es in meiner Macht und Möglichkeit steht, zu helfen und sie in jeder Lebenslage zu unterstützen.
    Ja, du hast Wurzeln bei uns und wirst sie immer haben und ja, wir geben dir Flügel und versuchen dir zu helfen, diese zu benützen.
    Dieses Jahr ist wichtig und schön für dich und wenn ich mir auch manchmal Gedanken mache, ob diese oder jene Bus- oder Zugfahrt gut geht und dass ich dir gerade in einem Heimwehmoment (das du mir nicht verrätst, aber ich es spüre) nicht helfen kann, fühlt es sich richtig und sehr gut an, wenn ich sehe, dass du entscheidungsfreudiger bist und selbstbewusster wirst. Du erlebst wunderbare Momente und Begegnungen, die dir immer in Erinnerung bleiben werden. Ich freue mich schon, wenn du uns davon erzählst.

    Deine Mama hat dich lieb!

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      1. So eine schöne Liebeserklärung – auch mir stehen die Tränen in den Augen! Der Spruch mit den Wurzeln und Flügeln berührt mich sehr! Alles Gute für die weitere Reise und vorab: Happy Birthday🎂🎁🎉🐞🍸🍭🌹

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  2. Liebe Anja,
    was für ein toller und unglaublich liebevoller Beitrag! Da merkt man einfach, dass Ihr ein wunderbares Team seid und hier alles richtig läuft!
    Ich muss jetzt aber unbedingt auch mal sagen, welche Hochachtung und Bewunderung ich für Deine Eltern habe – vom ersten Blogbeitrag an! Da ich ja eigentlich auch eher „auf der anderen Seite“ (also Eltern-Seite) stehe, kann ich nur bekräftigen, dass wir Eltern keinesfalls wollen, dass Ihr Kinder ein schlechtes Gewissen habt, wenn wir uns sorgen (Ihr sollt es nur akzeptieren 😊). Und der größte Dank aus meiner Sicht ist, wenn Ihr weiterhin Euer Leben mit uns teilt und immer gerne zurückkommt.
    Mein Jüngster startet kommende Woche in ein ähnliches Vorhaben wie Du – ich hoffe, er meistert das so bravourös wie Du, und ich kann ihn so einzigartig unterstützen wie Deine Eltern Dich!
    Ganz liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für deine lieben Worte Gisela! ☺️
      Wünsche deinem Sohn auf diesem Weg eine tolle Reise und eine unglaubliche Zeit! 🙏🏼 Und kenne dich nicht besonders gut, aber wie ich dich kennengelernt habe bin ich überzeugt davon, dass du ihn großartig unterstützen wirst.
      Vielleicht wollt ihr ja einen Austausch unter Eltern machen, wenn wir mal wieder verrückt sind und ihr die Hände über dem Kopf zusammenklatscht. 😅
      Ganz liebe Grüße

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      1. Danke Dir!! Ja, das ist eine gute Idee — bin überzeugt, von Deinen Eltern kann ich einiges lernen 🙂
        Genieß Du Deine Zeit weiter so .. beim Lesen Deiner Blogs habe ich oft das Gefühl, direkt dabei zu sein – schön ist das!! 🙂

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  3. Liebe Anja, wunderschön geschrieben der Beitrag für Deine Eltern – sind auch ganz toll 🙂 Mutti kenne ich ja ! Genieße es weiterhin, pass auf Dich auf und ich freue mich weiter von Dir zu lesen….Bussi Doris

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  4. Sooooo ein süßer Beitrag ❤️ Ein Hoch auf deine Eltern 🥂 und den Spruch find ich sowieso genial!!

    Ich hab bereits beide Seiten kennen gelernt (also nicht die Eltern- und die Kind-Seite) da meine Eltern – wie deine – sehr gut mit solchen Situationen umgehen können, eher zurückhaltend sind wenn es um Sorgen geht, ausreichend Freiraum geben und mir trotzdem immer das Gefühl geben, dass ich ihnen wichtig bin, man jederzeit nach Hause kommen kann und gut aufgenommen wird. Die Eltern (oder sagen wir eher die Mama) meines Freundes ist da leider eher das genaue Gegenteil … sehr klammernd, sehr fordernd und äußerst besorgt wegen allem, was sie auch immer gern zum Ausdruck bringt. Da ich sowas von meinen Eltern nicht gewohnt bin, nervt mich das total und hoffe echt, dass ich diese Anwandlung nicht auch entwickle, sollte es jemals dazu kommen, dass ich Mama werde 😉

    Daher weiß ich, wie wertvoll es sein kann, wenn man solche Eltern – wie du sie hast – hat. Kannst dich sehr glücklich schätzen (was du in diesem Beitrag ja auch ausdrückst) und hoffentlich auch mal so weitergeben 👍🏻

    LG Bernie

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    1. Liebe Bernie,

      wie schön, dass du auch die Erfahrung gemacht hast!
      Dass es bei deinem Freund anders ist, bringt wiedermal zum Ausdruck, dass es alles andere als selbstverständlich ist und wir uns wirklich glücklich schätzen können. Wie du es eh auch schreibst.

      Und ja – ich hoffe auch ich kann es so bei meinen Kindern weiterführen wie ich es erfahren habe. Vor dem hab ich noch ein wenig Bammel… Wenn man noch keine Kinder hat, kann man immer leicht reden… 😉

      Ganz liebe Grüße
      Anja

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