#24 – Lost and Found in Bangkok – eine Ode an die Hilfsbereitschaft (Gastbeitrag Karin)

Was macht aus eurer Sicht eine gelungene Reise aus?
Sind es die Sehenswuerdigkeiten… ist es das lokale Essen… oder eine tolle Unterkunft? Ja, natuerlich gehoert all das zum Gesamteindruck, den man im Gepaeck wieder mit nach Hause nimmt. Aus meiner Sicht sind es jedoch vor allem die besonderen Erlebnisse und die Begegnungen mit den Menschen, die eine Reise unvergesslich machen.

Und so wird mir persoenlich von allen Dingen, die ich in Bangkok sehen und erleben durfte, die folgende Geschichte sicher speziell in Erinnerung bleiben:

An meinem ersten Tag in der thailaendischen Hauptstadt begebe ich mich ganz klassisch auf Tempel-Erkundung. Unter anderem besuche ich jene Staette, in der man den wirklich sehr beeindruckenden liegenden Buddha sehen kann (Wat Pho – falls es jemand genau wissen moechte).

Bevor ich das Innere des Tempels betrete, beschliesse ich noch Geld beim ATM (Bankomat) abzuheben, der sich direkt am Gelaende befindet. Vorbildlich zaehle ich meine Scheine nach, gebe sie in mein Touri-Bauchtascherl und entferne mich von der Geldmaschine. In ein paar Meter Entfernung besticht mich ein komisches Gefuehl… und mein Verdacht bestaetigt sich… meine Bankomatkarte ist nicht da wo sie sein sollte!!!

Schnell zurueck zum ATM. Karte weder im Schlitz noch am Boden davor. Erneuter Check meines Bauchtascherls… es besteht kein Zweifel – die Karte ist weg. Im best case habe ich sie stecken lassen und sie wurde eingezogen, im worst case habe ich sie stecken lassen und sie wurde gestohlen…

Nun kommt mir eine meiner Super-Kraefte zugute. Naemlich jene, in solchen Situationen absolut ruhig und gelassen zu bleiben und einen Schritt nach dem anderen zu machen. Ich pruefe als erstes ob es eine Notfall-Nummer auf dem ATM gibt. Check. Da ich nicht im Besitz einer thailaendischen SIM-Karte bin, muss ich mir fuer die Loesung meines Problems Hilfe suchen.

Die beiden ersten Menschen, die ich anspreche verstehen leider kein Englisch. Ich wende mich an eine Dame, die als Verkaeuferin im Tempel arbeitet. Auch sie spricht kein Englisch, versteht anhand meiner Erklaerungen mit Hand und Fuss aber offenbar was passiert ist und begleitet mich zur Teufelsmaschine.

Ein paar Sekunden spaeter stoesst ein Guide zu uns, der ein paar grundlegende Sprachkenntnisse hat und somit kurzerhand als Dolmetscher agiert. Die nette Dame, die somit nun ueber den Vorfall umfassend im Bilde ist, greift ohne zu zoegern zu ihrem Smartphone und waehlt die angegebene Notfalls-Nummer. Wie bestellt und nicht abgeholt, stehe ich daneben waehrend sie eine gefuehlte Ewigkeit damit beschaeftigt ist, der Person in der Hotline alle noetigen Informationen zu geben. Irgendwann drueckt sie mir kommentarlos ihr Telefon in die Hand. Zu meiner Freude spricht die Person fliessend Englisch. Weniger Freude hingegen empfinde ich, als mir offenbart wird, dass es mindestens 2 Werktage dauert, bis der Bankomat geoeffnet werden kann.

Das geht nicht. PUNKT. Zum einen habe ich 2 Tage spaeter meinen Flug nach Kambodscha. Zum anderen muss ich meine Karte sperren fuer den Fall, dass sie doch nicht im Bauch des ATM ist. Ich betone also mehrmals, dass ich bereits am folgenden Tag einen Flug habe. Nach kurzer Diskussion verspricht man mir, umgehend einen Antrag zu stellen, sodass die Chancen gut stehen, dass ich meine Karte am naechsten Nachmittag in der Bankfiliale abholen kann. Damit bin ich vorerst zufrieden.

Als ich um die Adresse der Zweigstelle bitte, erklaert man mir, dass es offenbar keine konkrete Adresse gibt. Ich solle das Telefon wieder der Verkaeuferin geben, die die ganze Zeit neben mir wartet. Nachdem die beiden erneut ein kurzes Gespraech fuhren erklaert mit der Hotline-Mensch, dass mich die nette Dame zur Bank bringen wird, damit ich am naechsten Tag den Weg kenne. Im genau richtigen Moment taucht der Kollege wieder auf, der zum Glueck der englischen Sprache maechtig ist. Er erklaert mir, dass die Filiale nicht allzuweit entfernt ist, die Dame mich jedoch mit ihrem Roller hinbringen wird, da es zu Fuss doch einige Zeit in Anspruch nehmen wuerde. Und schon macht sich die kleine Thailaenderin auf den Weg zum Ausgang, spricht die ganze Zeit mit mir waehrend ich nur mit einem Laecheln antworten kann.

Am kleinen Parkplatz angekommen, organisiert sie mir sogar noch einen Helm. Die Tatsache, dass es ein Kinderhelm mit Comic-Motiven ist, amuesiert sie so sehr, dass sie eine Minute lang drueber kichert. Wir duesen rund 10 Minuten durch die Strassen von Bangkok, ich versuche mir den Weg gut einzupraegen, schliesslich muss ich ihn dann alleine und zu Fuss wieder finden. Die Dame zeigt mir die Bank, wir wenden und fahren den Weg zum Tempel retour. Ich bedanke mich gefuehlte 100 Mal bei ihr, was gefuehlte 200 mal zu wenig ist. Leider habe ich den Gedanken ihr ein Trinkgeld zu geben zu spaet, schon verschwindet sie unter den vielen Tempel-Besuchern.

Ich setze mich kurz um das Geschehene zu verarbeiten. Wie unfassbar nett und hilfsbereit ist das alles? Hand aufs Herz: wer von uns wuerde seine Arbeit unterbrechen um einen wildfremden, offenbar etwas schusseligen Menschen, durch eine Grossstadt zu fahren…?!

Nach dem Besuch des Tempels beschliesse ich, gleich nochmal zu Fuss zur Bank zu gehen. 1. damit ich den Weg dann garantiert kenne 2. weil mir der Gedanke kommt, dass mir ein „echter“ Mensch vielleicht noch schneller und verlasslicher helfen kann als eine doch anonyme Hotline-Stimme. Gesagt getan. Bei der Filiale angekommen muss ich leider erneut die Erfahrung machen, dass Englisch unter den Thailaendern offenbar nicht weit verbreitet ist. Jedoch mache ich ebenfalls erneut die Erfahrung, dass diese Menschen eine viel wichtigere Faehigkeit haben: absolute Hilfsbereitschaft. Der Mitarbeiter der Bank holt sein Smartphone und uebersetzt das jeweils Gesprochene mit einer App. Er ruft nochmals bei einer Hotline an, mit dem Ergebnis, dass ich um 13 Uhr am folgenden Tag in die Bank kommen solle.

Nach all der Aufregung und Anspannung setze ich mich in ein Café an der Ecke, wohl das suesseste Laedchen in ganz Bangkok mit einem exzellentem Iced Latte und einem super leckeren Scone (ok ich habe gleich zwei gegessen). Tja, ohne den Bankomat-Karten-Vorfall waere ich wohl niemals in diese Strasse gekommen.

An der Stelle moechte ich mich von ganzem Herzen bei diesen Menschen bedanken, die mich so unglaublich unterstuetzt haben. Leider werden sie diesen Beitrag vermutlich nie lesen, aber vielleicht spueren sie meine Worte irgendwie. 🙂

Ich selbst habe mir auf jeden Fall vorgenommen, mich an diese Geschichte zu erinnern, sollte mich einmal jemand um Hilfe und Unterstuetzung bitten (v.a. in Situationen in denen es mir gerade eigentlich nicht passt hilfsbereit zu sein!)

Ach ja, da war ja noch etwas… was ist aus meiner Karte geworden?
Nachdem sie eine einsame Nacht in einem thailaendischen ATM verbringen musste, darf sie nun wieder in meinem Bauchtascherl verweilen. 🙂 Und weil ich nochmal in der Gegend war haben wir unser Wiedersehen gleich mit Iced Latte und Scone im suessen Café gefeiert … 

P.S. Sollte sich jemand ueber die Abwesenheit von Umlauten gewundert haben > ich schreibe diesen Beitrag von einem PC in einem Hostel in Kambodscha > andere Laender – andere Tastaturen…

5 Kommentare zu „#24 – Lost and Found in Bangkok – eine Ode an die Hilfsbereitschaft (Gastbeitrag Karin)

  1. Liebe Anja,
    auch ich habe oft in Fernost erfahren dürfen wie freundlich und hilfsbereit die Menschen sind. Das Miteinander ist viel einfacher und unkomplizierter. In China kann es manchmal auch etwas anders sein:-))
    Liebe Grüße und weiterhin gute Reise
    Helmuth

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Helmuth,
      tatsächlich? Hast du in China gegenteilige Erfahrungen gemacht? Wenn du mal wieder in Wien bist (und ich auch gerade) würde ich mich über ein Treffen und einen persönlichen Austausch freuen. 🙂
      Liebe Grüße
      Anja

      Gefällt mir

  2. Liebe Karin !
    Ufff das ist eine aufregende Geschichte. Ich bekomme Herzklopfen beim Lesen. Bewunderung, dass du in deiner Situation ruhig bleiben konntest und es ist schön zu lesen, dass es soviel Hilfsbereitschaft gibt.
    Weiter eine schöne Reise mit vielen tollen Momenten und Begegnungen.
    Liebe Grüße, Ingrid

    Gefällt 1 Person

  3. Reisen, wo alles wie am Schnürchen läuft, sind nett, aber langweilig. Erlebnisse wie dieses bleiben lange in Erinnerung und Gott sei Dank ist das Abenteuer gut ausgegangen!
    Weiterhin eine schöne Zeit und bitte den Glauben an das Gute im Menschen nicht verlieren. Manchmal kann man es gar nicht fassen, wozu wildfremde Menschen bereit sind …

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.