#20 – Maha Shivatri, die große Nacht Shivas oder auch: „How come you find yourself here?“

Eines habe ich euch von meiner Zeit in Bangalore noch unterschlagen… Eigentlich das Spannendste, das ich hier erlebt habe. Der 04. März 2019 war für die Hindus heuer ein besonderer Tag: Maha Shivatri, die große Nacht Shivas. Und für mich die Gelegenheit eine Erfahrung reicher zu werden.

Aber eines nach dem anderen…

Der ursprüngliche Grund für mich nach Bangalore zu kommen war, dass ich eine Palmblatt-Lesung (das muss ich ein andermal genauer erklären… das würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen…) bei Nadi Gruha in Anspruch nehmen wollte. Was ich nicht wusste: Die Wartezeit beträgt drei bis vier Monate. Mein Bus war allerdings schon gebucht und ich hatte vor Nadi Gruha trotz allem einen Besuch abzustatten und zu sehen, ob sich da nicht etwas machen lässt…

An meinem zweiten Tag in Bangalore gehe ich morgens also zu Fuß zur angegebenen Adresse und finde… Vieles. Aber nicht das Gebäude, in dem Nadi Gruha zu finden sein sollte. Glücklicherweise habe ich eine Telefonnummer. Eine nette Dame am Telefon sagt, dass sie gerade alles für ein Fest vorbereiten und sie bis Donnerstag keine Zeit haben. Ich jammere, dass ich doch nur bis Mittwoch in der Stadt bin, worauf sie mich einlädt noch am selben Tag um 18 Uhr vorbeizukommen. Ich denke mal zur Terminvereinbarung…

Gesagt, getan. Nach der Besichtigung des Palace vertreibe ich mir bis 17 Uhr die Zeit bei Starbucks mit einem Schoko-Cookie und Caramel Frappuccino und lasse mich danach von einem Uber wieder zur unauffindbaren Adresse fahren. Die nette Dame am Telefon meinte Morgens ich sollte sie mit dem Rikscha-Fahrer sprechen lassen, wenn ich wieder nicht hinfinden würde. Leider spricht der Fahrer kein Deutsch – also drücke ich ihm einfach das Telefon in die Hand. Glücklicherweise lässt er einfach sein Schicksal übersich ergehen, kennt sich dann aus und bringt mich zum richtigen Ort.

Ich gehe langsam das Stiegenhaus hinauf und sehe, dass anscheinend noch mehrere Menschen auf dem Weg zu Nadi Gruha sind. „Wenn er so bekannt ist, werden da wohl viele einen Termin haben oder vereinbaren wollen.“, denke ich mir.

Wider finde ich mich zwei Minuten später in einem kleinen Raum mit eingerichtetem Tempel, vor dem einige Hinduistische Priester in ihre weiße Gewänder gehüllt auf dem Boden sitzen und chanten (singen/beten). Die nette Frau vom Telefon hat einen unglaublich schönen Sari an, begrüßt mich herzlich und bittet mich dahinter auf einem großen Teppich Platz zu nehmen. „Gegen 20 Uhr gibt es noch …“ Ich verstehe es nicht, aber gehe davon aus, dass sie Essen meint. Ich nehme Platz und beobachte das Treiben. Ich habe keine Ahnung was da genau passiert, aber ich lasse mich supergespannt darauf ein. Allerdings ist es erst kurz nach 18 Uhr und ich fürchte es könnten zwei sehr lange Stunden sein…

Mit den vergangenen Minuten (und Stunden) füllt sich der Raum und es kommen sowohl viel mehr Priester als auch viel mehr andere Besucher. Eine junge Frau mit zwei Kindern sitzt neben mir und ich sage ihr wie schön ich ihren Sari finde (der war wirklich WUNDERSCHÖN!). Es ist der Hochzeitssari ihrer Mutter erklärt sie mir. Und dann fragt sie mich: „How come you find yourself here? It’s not common to see somebody else here.“, und lächelt mich an. Sie möchte wissen wie es dazu kommt, dass hier bin – es ist nicht üblich, dass andere Menschen teilnehmen. Ich erkläre ihr meine ursprüngliche Absicht einer Terminvereinbarung und frage sie was denn hier genau passiert und werde aufgeklärt.

Später lese ich auch nochmal im Internet nach und kombiniere mein bisheriges Wissen zum Hinduismus mit viel Neuem. Was es zu wissen gibt ist endlos, nicht immer eindeutig/gleich, aber hier ein paar Fakten in aller Kürze – wie ich es aus einigen Artikeln verstanden habe:

Das Fest, das hier gefeiert wird, wird „Maha Shivatri“ genannt und findet zu Ehren Shivas statt – einmal pro Jahr in der vierten Nacht des Neumonds des Monats Phalgun/Maagha (hinduistischer Kalender; bei uns Februar/März). Heuer ist es der 04, März.

Shivatri bedeutet „die große Nacht Shivas“ (maha = groß; ratri = Nacht). Es gibt anscheinend mehrere Legenden und Geschichten dazu. Unter anderem wird auch die Hochzeit von Shiva und Parvati in dieser Nacht gefeiert, sowie die Bewahrung des Universums vor der Zerstörung.

Shiva ist eine der Hauptgötter des Hinduismus und sein Name bedeutet „der Gütige“ oder „der Segen“. Neben Bahma (Schöpfer) und Vishnu (Bewahrer) steht Shiva als Zerstörer innerhalb dieser „Trimurti“ (die hinduistische Trinität). Er steht aber unter anderem auch für Erhaltung, Schöpfung und Neubeginn. Zu Shivatri wird er als Erlöser angebetet. Ihm zu Ehren wird heute vier Mal für jeweils zwei bis drei Stunden gebetet und gefeiert. Viele Hindus fasten und meditieren. In dem Raum, in dem ich mich befinde, sitzen vorne hinduistische Priester (im weißen Gewand) und dahinter jede Menge weitere Hindus, die für die große Nacht Shivas gekommen sind. Während des unaufhörlichen Chantens (Singen/Beten) der Priester wird Wasser gemischt mit Milch und Joghurt über ein Linga (Symbol der Gottheit Shiva) gegossen. Die Gäste bringen Blumen und Obst, die sie Shiva opfern, mit. Die Feier geht bis tief in die Nacht hinein.

Die junge Frau erklärt mir also geduldig einiges. Ich habe das Gefühl sie freut sich mit mir ihr Wissen um ihre Religion zu teilen und ich bin ihr dankbar, dass ich nun endlich verstehe was hier vor sich geht und fühle mich sehr Willkommen – obwohl ich nicht dazugehöre. Überraschenderweise vergeht die Zeit aber doch recht schnell. Ich darf auch Fotos machen, was mir tatsächlich sehr unangenehm ist (in Tempeln etc. sind Fotografieren strengstens verboten) – daher schieße ich ganz schnell und möglichst unauffällig ein paar mit dem Handy).

Gegen 20 Uhr stehen langsam einige Personen auf – die Priester chanten unaufhörlich weiter. Ich entscheide mich auch dazu mich langsam zurückzuziehen und möchte ich mich von der netten Dame, die mich am Telefon eingeladen hat, verabschieden. Sie bittet eine weitere Frau mich noch zum Essen mitzunehmen. Einen Stock höher bekomme ich einen großen Teller und von allen Speisen eine Kostprobe. Obwohl es (eh klar) für mich superscharf ist, möchte ich nicht unhöflich sein und esse fast alles zusammen. Die Leute schauen mich zwar verdutzt, aber lächelnd an und möchten wissen was ich hier mache, woher ich komme und wohin ich gehe. Alle sind sehr neugierig und unglaublich herzlich. Zum Abschied bekomme ich wie alle anderen noch eine Banane und mache mich auf den Weg zurück ins Hotel.

Termin für die Palmblatt-Lesung habe ich zwar keinen, aber ich bin eine ungeplante wundervolle Erfahrung reicher geworden. Und wer weiß was noch passiert und wo und wann mein Palmblatt auf mich wartet…

Quellen:
https://wiki.yoga-vidya.de/Shivaratri
https://en.wikipedia.org/wiki/Maha_Shivaratri
https://www.beliefnet.com/faiths/hinduism/what-is-maha-shivaratri.aspx

10 Kommentare zu „#20 – Maha Shivatri, die große Nacht Shivas oder auch: „How come you find yourself here?“

  1. Vielleicht kannst Du nach der Rückkehr in Wien Vorträge machen? Ich bin sicher, dass viele Interesse hätten Dir zuzuhören! Auf Kreuzfahrtschiffen gibt es u.a. Lektoren, die interessierte Gäste über z.B. fremde Kulturen, bei den Reisen nach Indien, informieren.

    Weiterhin viel Erfolg und liebe Grüße
    Helmuth

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Anja,

    ich bin sprachlos! Echt. Ich finde das so, so, so toll was du alles erlebst, auf was du dich einlässt und was du auch zulässt.
    Diese Offenheit und Neugierde – da kann ich mir wahrhaftig was abschauen!

    Bin wahnsinnig stolz auf dich weil ich ganz genau weiß, es war mal mein Plan, auch so abenteuerlich unterwegs zu sein. Aber das lesen deiner Berichte reicht mir. Eingekuschelt im Bett zwischen zwei schlafenden Prinzessinnen … für mich ist lesen deines Blogs schon Abenteuer genug. Dafür danke ich dir so!
    Die beste Lektüre meines Lebens!

    Großes Bussi! Hier ist die letzten Tage so ein blöder Wind gewesen. Wird hoffentlich bald amal besser.

    PS: ich weiß nicht genau warum ich dir immer wieder vom Wetter hier in Wien erzähle. Vielleicht weil es mir das (gute) Wetter sehr wichtig ist und ich mir denke, es könnte dich vl. auch interessieren. 😉

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