#10 – Verstand vs. Bauchgefühl

Ich weiß… Derzeit folgt ein Beitrag dem nächsten ziemlich rasch. Trotz des Zeitmangels habe ich das Bedürfnis so vieles loszuwerden. Und da mich aktuell tagein tagaus eine und dieselbe Frage quält, will ich versuchen meine Gedanken mit euch zu teilen.

Gleich zu Beginn muss ich euch etwas beichten. Ich hatte heute einen Geistesblitz. Vor einigen Tagen habe ich über die Meditation geschrieben. Und habe behauptet ich lebe gerade meinen Traum. Möglicherweise war das ein Irrtum…?!

Die letzten Jahre war es im Grunde immer so, dass ich von einem Meilenstein zum nächsten gelebt habe, was per se nicht schlecht ist. Ich hatte schließlich immer ein Ziel. Allerdings habe ich mir eingeredet, dass erst dann „alles besser“ wird. Spannenderweise habe ich immer und immer wieder einen neuen Meilenstein gefunden, sodass es nie zu dem „alles besser“-Zustand kam und ich verlernt habe den Moment zu genießen:
„Nach dem Bachelorstudium ist alles besser.“ – warum ich dann mit dem Master begonnen habe bleibt an dieser Stelle offen.
„Nach der Abgabe der Masterarbeit ist alles besser.“ – zwar ein großer Brocken war weg, aber da war ja noch die Prüfung.
„Nach der Masterprüfung ist alles besser.“ – statt des Lernstresses habe ich mir dann den Kalender mit privaten Terminen zugepflastert.
„Wenn ich dann Mitte Dezember schon frei habe, ist alles besser.“ – Weihnachten ist immer ein Stress, da kommt man nicht dran vorbei.
„Nach Weihnachten ist alles besser.“ – als nächstes stand der Auszug aus der Wohnung auf dem Programm.
„Wenn ich den Auszug erledigt habe ist alles besser.“ – leider war für die Reise vieles noch nicht vorbereitet und die ToDo-Liste ewig lang.
„Wenn ich endlich in Indien bin ist alles besser.“

Die wohl wichtigste Frage an dieser Stelle: Was bedeutet eigentlich „besser“?!

Nicht das mein Leben schrecklich oder unschön war. Ich war gesund, hatte einen guten Job mit einer tollen Chefin und vielen Entwicklungsmöglichkeiten, eine total süße Wohnung, eine unglaublich unterstützende liebevolle Familie und ebensolche Freunde (ohne all diese Menschen hätte ich diese fünf Jahre Studium möglicherweise nicht bewältigen können), steckte in einer guten Ausbildung, hatte immer noch Kraft für Sport und war darin auch gar nicht so übel. Zum Schluss hatte ich sogar den richtigen Mann an meiner Seite gefunden. Was mir einfach trotzdem nicht passte: Ich war immer im Stress und fühlte mich nicht glücklich. Nirgends konnte ich einhundert Prozent geben (als wäre das überhaupt möglich…) und am allerwenigsten hatte ich Zeit einfach nur zu sein. Ganz für mich alleine. Nichts zu müssen. Einfach nur zu können und dürfen, wenn ich denn wollte. Zumindest für eine begrenzte Zeit. Und dadurch zur Ruhe zu kommen, was für mich gleichbedeutend war das Gefühl zu haben „glücklich“ zu sein. … Sogar auf meiner Tageszähler-App hatte ich die Zeit bis zum Sabbatical „on my way to happiness“ genannt und auch der Blog sollte ursprünglich so heißen. Als könnte ich in der Zeit bis dahin nicht glücklich sein…?

Ja – mir ist total bewusst – das ist jammern auf allerhöchstem Niveau. Und ich habe gerade lange überlegt, ob ich solche Gedanken überhaupt teilen kann. Da ja aber ausgerechnet diese Ehrlichkeit den Blog ausmacht, nehme ich mir jetzt mal kein (Palmen-)blatt vor den Mund.

Das Ziel war also ein Jahr Auszeit zu nehmen, in dem ich einfach nur bin und nichts muss. Ausschlafen kann, keinen Wecker stellen muss. Laufen gehen kann, nicht trainieren muss. Lesen kann, nicht lernen muss. Helfen kann, nicht arbeiten muss. Reden kann, nichts erzählen muss. Schlafen kann, nicht Kraft tanken muss. Weiterreisen kann, nicht an einem Platz bleiben muss.

„Weißt du Anja… Ich bin mir sicher, in Indien wirst du dir wieder etwas finden. Aber ich wünschen dir, dass es dir dann besser geht.“, so oder so ähnlich hat das kurz vor dem Aufbruch jemand zu mir gesagt. „In Indien ist das was anderes. Da fällt ja schon so viel weg, das ich müssen könnte wie arbeiten, Wäsche waschen, soziale Kontakte pflegen,.. Das klappt dort sicher.“, habe ich geantwortet.

Heute sitze ich dann in der Pause da und überdenke zum hundertunddreiunddreißigsten Mal die Frage: „Soll ich nach der 200-Stunden Yogalehrerausbildung noch die 300-Stunden-Ausbildung dranhängen und hier bleiben oder weiterreisen?“

Im Zuge meines innerlichen Faktensammelns wurde mir dann gestern bewusst – und hier schließt sich endlich der Kreis, denn wem es bis hierher noch nicht aufgefallen ist: Ich habe es doch tatsächlich geschafft mir auch im weit entfernten Indien – jenseits alltäglicher Verpflichtungen – eine nichtalltägliche umzuhängen. Jeden Tag muss ich um 06:30 Uhr zum Nasenspülen bereit stehen und ziehe mir die Decke über den Kopf, wenn der Wecker läutet. Ich muss hungrig in der Yogastunde schwitzen, obwohl meine Knie schon schmerzen und mich der Muskelkater quält. In den Pausen versuche ich die Asanas (Yogapositionen) auf Sanskrit zu lernen oder mir einzuprägen wie ich ein Mantra und Atemübungen anleiten kann und fürchte mich jetzt schon vor der ersten Unterrichtseinheit, die ich machen muss – noch dazu auf Englisch. Wo ich doch selbst gerade erst lerne was beim Sonnengruß alles zu beachten ist und wie er detailgenau richtig ausgeführt wird. Zwischendurch habe ich tausend Ideen zu Blogbeiträgen, muss sie ja aber auch irgendwann abtippen und mit Fotos onlinestellen.

So sehr ich es also hier genieße, gerne Neues lerne, Yoga mache und mich vegetarisch ernähre – meinen großen Wunsch nach „nicht müssen“ lebe ich gerade nicht. Und das mit dem Momente genießen hat auch nur die ersten Tage geklappt – zur Zeit lasse ich diese Entscheidung meine Laune beherrschen.

Nun gut… Man nehme also an ich würde die zweite Ausbildung nicht machen und würde mir stattdessen einfach einen netten Ort suchen, mich auf den Strand legen, essen und trinken, lesen, schreiben, Yoga machen oder auf was auch immer ich sonst Lust habe. Was für eine sensationelle Idee. Allerdings: alleine wenn ich diese Zeilen tippe bilden sich Schweißperlen auf meiner Stirn. Wie jetzt? Nichts machen? Nur entspannen? Ohne Aufgabe? Ohne Plan? Das ist doch Zeitverschwendung! Wenn ich in dieser Zeit zwanzig Städte besichtigen, eine Ausbildung machen, mein bisher erlerntes Wissen festigen oder ganz ernsthaft an meiner Yogapraxis arbeiten könnte.

Da darf man sich schonmal auf den Kopf greifen… Ich sehne mich also unglaublich danach einfach mal nichts tun zu müssen. Und ich würde es nach wie vor als einen großen Traum bezeichnen. Einen Traum der so unglaublich nahe ist. Zugleich habe ich scheinbar so eine irre Angst oder wahnsinnigen Respekt davor, dass es mir schwer fällt mich darauf einzulassen und das Gefühl bekomme die weiterführende Ausbildung sollte ich unbedingt machen.

Ist es jetzt also der Verstand oder das Bauchgefühl, die hier die Entscheidung großteils beeinflussen? Herz oder Kopf? Ab einem gewissen Punkt sind die beiden wirklich schwer auseinander zu halten. Mindestens genau so schwer wie das Verlangen und die Angst vor unverplanter Zeit.

Bei der Gelegenheit bitte ich euch keine Empfehlungen oder Meinungen kund zu tun für was ich mich entscheiden sollte (sonst hab ich wieder den Salat des Beeinflussenlassens…). 😉

Wo es mich schlussendlich hintreibt, werdet ihr wohl im Laufe der Blogbeiträge erfahren. Bisher bin ich selbst noch gespannt was ihr zu lesen bekommen werdet.

11 Kommentare zu „#10 – Verstand vs. Bauchgefühl

  1. Das mit dem „nach xy wird es besser“ könnte von mir sein. Ich lebe seit Jahren nach diesem Motto aber so wirklich besser wird nichts.
    Ich ertappe mich ab und zu auch dabei mir gar nicht zu erlauben, dass irgendetwas besser wird, weil da ist doch noch so viel zu tun… wie könnte man da locker lassen?
    Aber ich denke wenn ich mal so weit wäre würde ich den 300er Kurs noch dranhängen 😉 Wenn schon – denn schon. Und zum Ausruhen (dann ja vielleicht auf einem auf ganz neuem hohen Niveau) wäre dann nach dem Kurs ja auch noch Zeit… soweit meine theoretischen Gedanken dazu. Aber in der Theorie redet es sich bekanntlich leicht….

    Liebe Grüße aus Wien!

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    1. Vielen lieben Dank für die Gedanken!
      Dasselbe denke ich auch. Ich mache es jetzt mal davon abhängig, ob ich überhaupt schon bereit bin weiter zu machen. Es bleibt also weiterhin spannend… 😉
      Ich hoffe das eine oder andere Mal schaffen Sie es dennoch auch mal locker zu lassen. Ich schicke dafür positive vibes nach Wien. Ommmm…

      Liken

  2. Und was ich noch sagen wollte: alleine dass du dir so bewusst darüber Gedanken machst, bringt dich ein Riesen Stück weiter. Wir sollten uns alle darüber Gedanken machen aber in unserer hektischen Welt haben wir offensichtlich keine Zeit dafür! Danke das du uns daran teilhaben lässt und auch unser Bewusstsein damit ein klein wenig stärkst!

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  3. Liebe Anja,
    Ich versuche es selbst gerade mit dem “nichts müssen“. Ich lasse mich durch die Tage treiben, treffe Freunde, mache ein bisschen Sport. Bin schon sehr gespannt, wie lange ich das durchhalte ..😉
    Und es ist unglaublich, wie wenig man wirklich muss.
    Herzliche Grüße,
    Inge

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