#06 – Mit dem Nachtzug durch Indien

Wenn ich daran denke wie der Großteil der Menschen reagiert hat, als ich gesagt habe, dass ich alleine nach Indien reisen werde, bleibt jenen bei dem Titel dieses Blogbeitrags vielleicht erstmal die Luft im Halse stecken.

Zugegebenermaßen… Nachdem was man so über Indien hört – als der Hotelmanager mir meine Tour vorgelegt hat und erklärt hat, dass ich mit dem Nachtzug von Agra nach Varanasi fahren werde – mir ist auch kurz das Herz stehen geblieben.

Nachdem mich aber sowohl der Hotelmanager, als auch mein vertrauensvoller Fahrer, Chandan, einige Blogbeiträge im Internet und die Facebook-Gruppe alleinreisender Frauen überzeugt haben, dass es sicher ist, hab ich mir gedacht ich mach’s halt einfach.

Ich bin also von Delhi nach Jaipur und dann nach Agra mit demselben Fahrer unterwegs. Nach der ersten Nacht in Agra und am Tag der Zugfahrt – besser spät als nie – bekomme ich endlich mein Zugticket vom Hotelmanager per Mail zugeschickt. Chandan – hilfsbereit und eigeninitativ wie er ist – checkt es und stellt fest: „Warteliste“. Da rutscht mir doch gleich mal das Herz in die Hose. „Ähm – was bitte soll das heißen?!“, frage ich ihn. „Keine Sorge. Meistens wird das noch in eine Bestätigung umgewandelt. Vor allem für Touristen. Schauen wir später nochmal.“, ist Chandan belustigt. Na wenigstens einer lacht.

Die Abreise rückt immer näher und zum Glück: Als wir das Ticket zu Mittag checken ist es bestätigt und um 18 Uhr bringt Chandan mich zum Bahnhof. Zum mindestens zweiten Mal – er ist eben echt bemüht – erklärt er mir den Ablauf: „Ich organisiere jetzt jemanden, der dich für ein bisschen Trinkgeld zum Warteraum bringt. Dort holt er dich ab bevor der Zug einfährt und bringt dich zu deinem Platz. Am Bahnhof in Varanasi wartet der Fahrer mit einem Schild auf dem dein Name steht, auf dich auf dem Bahnsteig – direkt da wo du aussteigst. Alles klar?“ – „Alles klar!“

Chandan winkt einen „Träger“/ „Helfer“ (habe leider habe ich vergessen wie sie sich nennen) per Lichthupe heran. Es ist ja schon dunkel. Ich frage Chandan was er denn als finanzielle Gegenleistung haben möchte. 300 Rs (Rupien) machen wir aus. Das sind umgerechnet ca. EUR 4. … Für alle, die jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen – ja, auch ich bin heute schlauer. Kosten würde es im Normalfall ca. 30 Rs. In dem Moment war es mir aber ehrlich gesagt egal (abgesehen davon, dass ich es nicht besser wusste) und ich war einfach froh die Sicherheit zu haben auf dem richtigen Platz zu landen.

Der Mann nimmt meinen Rucksack und hirscht in den Bahnhof. Ich hinterher. Ich habe absolut keine Angst und bin innerlich ruhig. Spannenderweise. Ich lerne mich also auch selbst neu kennen. Ich spüre nur so eine leichte aufgeregte Neugierde, ob denn wirklich alles klappt und wie es denn wirklich sein wird. Ob sich die vielen Gerüchte bestätigen werden und ich eine schlaflose Nacht habe? Oder alles halb so schlimm ist? Oder nichtmal halb so schlimm?

Nach rund zwei Stunden im Warteraum rauscht er herein und schnappt meinen Rucksack. Wir hetzen den Bahnsteig entlang und kommen zu zwei Deutschen, die auch von ihm Hilfe angefordert haben. Die Hoffnung, dass wir in der Nähe liegen und ich nicht alleine mit der neuen Erfahrung bin, stirbt aber schnell – sie sind einem anderen Waggon zugeteilt.

Der Zug fährt ein. Viele Menschen schnappen ihr Gepäck. Beginnen zu rennen. Rufen sich Dinge zu. Springen auf den Zug auf. Hektik. Ich weiß gar nicht wo ich zuerst hinschauen soll. Der Zug bleibt stehen. Der Mann bringt die beiden Deutschen zu ihren Plätzen. Ich warte nervös am Bahnsteig. Wieviel Zeit haben wir eigentlich? Er kommt zurück, schnappt wieder meinen Rucksack und hüpft mit mir in den Zug. Wir finden schnell meinen Platz und er legt meinen Rucksack ab. Wir rufen Chandan an und ich bestätige, dass ich gut gelandet bin. Als es dann zur Zahlung kommt, will der Mann 400 Rs. Ich bin überrascht: „Wir haben 300 Rs ausgemacht!“ – „Aber es hat doch alles geklappt…!“ – „Na und? 300 Rs waren vereinbart.“ Ich gebe ihm 500 Rs – er gibt mir 100 Rs zurück. „300 Rs!“, bleibe ich hartnäckig. Er gibt mir noch 30 Rs. „300 Rs.“, sage ich nochmal und sehr bestimmt. Er sieht mich mitleidig an und versucht mir ein schlechtes Gewissen zu machen. „300!“, wiederhole ich zum letzten Mal und er tauscht die 30 Rs gegen 100 Rs. Na endlich…

Ich schaue mich um und stelle mich bei meinen Abteilungsgenossen vor. Die beiden haben natürlich den Zahlungsvorgang gehört und schmunzeln – es gibt ja hier nur Vorhänge. Es sind ein Engländer, so um die 50, ebenfalls Rucksacktourist, und ein Inder, wenn ich es richtig verstanden habe für die UNO tätig..? Die beiden sind sehr nett und klären mich bezüglich der Handhabe auf:
Die Abteile sind durch Vorhänge getrennt. In jedem Abteil sind vier Betten – zwei oben und zwei unten. Auf der anderen Seite des Gangs ist jeweils ein Bett oben und eines unten. Für jedes Bett sind zwei Leintücher, ein kleines (etwas zerfledertes) Handtuch, eine Decke und ein Polster vorbereitet. Man stopft das große Gepäck unter das untere Bett, legt das Leintuch auf, nimmt sein „Handgepäck“ am besten zum Kopf und hat auch ein kleines Leselicht.

Ich richte mich also ein und bin wieder glücklich meinen dünnen Schlafsack, eine dünne Decke und meinen eigenen Polster dabei zu haben. Es ist zwar alles sauber, aber nichts geht über eigene Schlafutensilien. Wir plaudern noch ein wenig über dies und das und dann drehen wir das Licht ab und schlafen.

Und ja – ich schlafe wirklich. Verhältnismäßig sogar ziemlich gut. Ich wache zwar ein paar Mal auf, aber meistens, weil der Zug Lärm macht oder mir irgendetwas weh tut vom harten zusammengekrümelten liegen. Ich checke kurz, ob noch alles da ist und schlafe weiter.

Langsam wachen alle auf und jemand geht mit Chai, Kaffee und Frühstück durch. Da mein Magen etwas beleidigt ist entscheide ich mich nur meine kleine Reserve-Banane zu essen.

Um 20:35 Uhr ist der Zug in Agra losgefahren, um 10:30 Uhr sollten wir in Varanasi ankommen. Von Verspätungen habe ich schon gehört, also überrascht es mich nicht als der Inder uns in der Früh wissen lässt, dass wir 45 Minuten später landen. Die nächsten Stunden lese ich in meinen Yoga-Unterlagen, um nicht ganz unvorbereitet im Kurs anzukommen und dann bereite ich alles zum Aussteigen vor. Der Besuch auf dem WC ist einer der anderen Art. Es stinkt und ist schmutzig. Ich rede mir gut zu und beeile mich rasch wieder zu meinem Platz zu kommen, wo ich mir gleich mal die Hände desinfiziere.

Kurz vor dem Bahnhof kommen wir zum Halten. … Und bewegen uns nicht mehr. Für sicher eine Stunde. Da mir ja aber nichts davon rennt, bin ich immer noch entspannt und nutze die Zeit mit meinen Abteilungsgenossen mich über das Thema Trinkgeld und Kosten in Indien zu unterhalten. Nach diesem Gespräch merke ich zwar, dass ich unnötigerweise um einiges ärmer bin als noch sieben Tage zuvor – aber nun auch um einiges schlauer. … Das ist allerdings einen eigenen Blogbeitrag wert.

Wir sitzen also und warten. Langsam steigen die Menschen aus und gehen zu Fuß über die Bahngleise. Erst die „Local People“, die es eilig haben. Dann auch zunehmend Touristen. Nachdem wir um 14 Uhr (zur Erinnerung – der Zug sollte um 10:30 Uhr ankommen) immer noch nichts tut, schnappen wir auch unser Gepäck und gehen ca. einen Kilometer zu Fuß. Am Bahnhof verabschieden wir uns und ich mache mich auf den Weg zum Bahnsteig, wo ich meinen Fahrer treffen sollte. Als ich dort ankomme, fährt auch der Zug ein. Ich muss schmunzeln… Ich ärgere mich nicht, sondern bin froh um eine Erfahrung reicher zu sein und etwas Lustiges erlebt zu haben.

Fazit:
Ich hatte ein Ticket für die Klasse 2AC. In dieser Klasse fahren hauptsächlich Familien und Touristen, da das Ticket für indische Verhältnisse nicht billig ist. Ich kann bestätigen, dass ich mich zu keinem Zeitpunkt unsicher oder unwohl gefühlt habe. Ich bin auch davon überzeugt, dass ich den Waggon und den Sitzplatz selbst gefunden hätte – die Hilfe war trotzdem super, da der Zug ewig lang war. Die Bettwäsche war sauber und die Zugfahrt zwar rumpelig, aber total ok. Eine Zugverspätung ist in Indien ganz normal. Alles in allem also absolut nicht bedenklich – auch nicht für alleinreisende Frauen.

15 Kommentare zu „#06 – Mit dem Nachtzug durch Indien

  1. Liebe Anja,
    Ich folge deinen Erzählungen mit großer Freude. Nimm es locker mit dem Geld. Viele wohlhabende Europäer erzählen voll Stolz, wie erfolgreich sie die armen Leute in Ländern wie Indien herunterverhandelt haben.
    Ich verhandle absichtlich nicht ganz so hart und sehe es als meine Aufgabe, von meinen vergnüglichen Reisen auch andere profitieren zu lassen.
    Bleib cool, Inge

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  2. Endlich angekommen in Goa!!! Ich freu mich dass es dir gut geht und cool dass du das alles so gut meisterst! Deine Blogbeiträge sind sehr inspirierend und freue mich auf die nächsten! Viel Spass bei deinem ersten Tag in der Yogaschule!! 😘😘 viele Bussis!

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  3. Das Mutterherz ist froh, dass du gut in Goa angekommen bist, alles so gut gemeistert hast und sogar schon eine Seelenverwandte getroffen hast.
    Übrigens ist jeder Euro , den du in deine Sicherheit angelegt hast , ein gut angelegter Euro.
    Einen guten Start morgen und eine wunderschöne „opening ceremony“ .

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  4. Liebe Anja,

    ich hab mal davon geträumt, Abenteurerin zu sein. Ja. Ich spreche hiermit in der Vergangenheit.
    Mein lieber Freund. Na. Das könnt ich nicht. Hut ab, du bist ein Wahnsinn!
    Soooo tüchtig!

    Hab einen guten ersten Tag in Goa und viel Freude bei den ersten Lehreinheiten!

    Bussi.

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  5. Liebe Anja,
    ich bin hingerissen, wie du alle Hürden meisterst und über die Möglichkeit, dieses Land auf deine Art zu entdecken! Weiterhin alles Gute, wir begleiten dich in Gedanken. Das heißt, du bist nie alleine!
    Alles Liebe, Uli und Walter

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