#05 – Elefantenhaut ist was Anderes

Kurz vor meiner Abreise nach Indien war ich mit meinem Freund im Tiergarten. Wir haben die letzten gemeinsamen Tage, so sehr es uns möglich war, neben allen Gedanken und Gefühlen die nächsten Monate betreffend, sehr genossen. Wir hatten Glück und im Elefantenhaus war gerade Fütterung – für die Besucher und Besucherinnen gab es dann auch einige Infos übers Mikrofon: „Elefanten haben eine besonders dicke Haut. Deshalb nennt man sie Dickhäuter, es kommt also nicht von Ungefähr.“, haben wir da erfahren.

„Bin ich auch ein Dickhäuter?“, hab ich mich gefragt. „Also wenn es Temperaturen und mein körperliches Wohlbefinden in der Kälte betrifft – definitiv Nein. Mir ist quasi immer kalt. Aber ansonsten halt ich schon was aus. Alleine für die fünf Jahre Studium neben dem Vollzeitjob war es notwendig sich eine Elefantenhaut zuzulegen. Oder im besten Falle gleich eine mitzubringen.“

Und da sitze ich jetzt. In Agra/Indien, auf der Terrasse eines Restaurants in der Sonne. Lausche den Motoren und dem Hupen. Schlürfe Chai. Und frage mich wo diese dicke Haut geblieben ist.

Nicht nur weil ich mir – mal wieder – den Arsch (Verzeihung!) in den frühen Morgenstunden bei sieben Grad abgefroren habe (man will ja der Empfehlung vieler Reiseführer folgen und vor Sonnenaufgang beim Taj Mahal sein). Sondern weil ich gerade gar nicht viel aushalte.

Ertappe ich mich doch tatsächlich gestern dabei eine Mail zu meinem Blog zu bekommen und bin so berührt, dass die Tränen kullern. Später im Hotel setz ich mich auf’s Bett und wieder kullern sie. Ich telefoniere mit meinem Freund und danach rinnen sie schon wieder. „Na jetzt reiß dich aber mal zusammen. Elefantenhaut ist was Anderes.“, ist mein erster Gedanke. Das habe ich mir die letzten Jahre gut antrainiert.

Aber was man sich antrainiert, kann man sich auch wieder abtrainieren. Oder man kann zumindest vorübergehend einfach mal cheaten. Denn ich muss mich nicht zusammenreißen. Wen kümmert’s denn gerade, ob Tränen fließen? Und wenn’s gut tut – lass sie laufen. Und sie laufen. Rinnen. Hemmungslos. Und ich merke wie es mich erleichtert. Mit jeder Träne fällt etwas ab. So viel schlechte Energie, Sorgen, unangenehme Gedanken, was auch immer gerade zu viel ist… macht sich auf seinen Weg. Wohin auch immer. Jedenfalls raus aus meinem Körper und Geist. Eigentlich ziemlich praktisch wie ich finde. Der Gedanke gefällt mir.

Da ich ja aber erst am Anfang diesen Denkens bin, gestehe ich mir zu mich ein wenig vor mir selbst für die Tränen zu rechtfertigen oder zumindest eine Erklärung dafür zu finden.

Ich genieße das Alleinreisen. Ich komme mit vielen fremden Menschen ins Gespräch, mache einfach wonach mir gerade der Sinn steht, wage einfach mal etwas, bin mutig und neugierig, gehe aus meiner Komfortzone, habe sogar einen Blog ins Leben gerufen, habe Zeit mich mit mir selbst zu beschäftigen, setze mich wo nieder, bleibe sitzen und genieße die Stille,…

Und mindestens genauso anstrengend ist es für mich alleine zu reisen. Zumindest noch. Vielleicht kann man das lernen? So viele Eindrücke, ein neues Land, eine neue Kultur, so viele fremde Menschen, so viel das man vermisst, Menschen, die einem so sehr fehlen, niemand mit dem man das Erlebte vor Ort teilen kann und sich darüber austauschen, so viele Entscheidungen die alleine getroffen werden müssen, so viel Ungewissheit, auf die man sich einlässt. Und das auch noch ungeplant. Das darf mir schon mal zu viel werden. Das lasse ich als Erklärung mal gelten.

Hinter den schönen Fotos und dem lächelnden Gesicht auf den Displays steckt also ebenso viel Freude wie Angst, ebenso viel Neugier wie Ungewissheit, ebenso viel Spaß alleine wie Vermissen und ebenso viel Überzeugung wie Zweifel. Und das ist gut so. Denn das macht diese Reise aus. Mir war von Beginn an bewusst, dass es solche Tage geben wird. Und sie sind wichtiger Bestandteil. Genau so wie die Momente in denen ich nicht aufhören kann zu lachen, weil mir ein Affe beinahe ein paar meiner wenigen Haare klaut.

Eine dicke Elefantenhaut habe ich definitiv und sie ist in vielen Situationen hilfreich und wichtig und zugleich darf ich manchmal auch einfach eine ganz empfindliche Haut haben. So wie eben jetzt gerade.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen guten Start in die neue Woche und eine Elefantenhaut in Momenten, in denen ihr sie brauchen könnt und den Mut sie in allen anderen abzulegen.

Ein Text mit ganz viel Ungeschminktheit, Ehrlichkeit und vielen Tränen. Zum Ausgleich als Beitragsbild mein Lieblingsfoto mit meinem Lieblingstier. 🙂 Life is good.

11 Kommentare zu „#05 – Elefantenhaut ist was Anderes

  1. Liebe Anja!
    Ich setzte mich gerade zum Computer, um unsere nächste Reise zu planen. Da sehe ich , dass ein neuer Bericht von dir eingetroffen ist. Hurra!!!!!!……..
    Nun sitze ich hier und weine wie du manchmal in der Ferne.

    Mehr möchte ich hier nicht dazu sagen.

    Hab dich lieb!!! Deine Mama

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  2. Liebe Anja,

    diese Zeilen rühren mich sehr und du sprichst mir aus der Seele.

    Mir geht es sehr oft sehr ähnlich auf meiner Reise des Mutter-Seins und überhaupt dem ganzen „neuen Leben“ als Jungfamilie.
    Hin und her gerissen zwischen Freude und Hochgefühl, Ängsten und Sorgen, großer Liebe und auch Streit …

    All das verändert uns, macht uns manchmal schwach und im Endeffekt aber stark.
    Die Elefantenhaut auf Dauer gehört also nur den Tieren selbst. Und das ist vielleicht auch gut so …

    Auch ich drück dich ganz, ganz fest! Denk sehr viel an dich und spüre grad ein bisschen die Sonnenstrahlen auf meiner Haut, von denen du uns berichtet hast. Danke!

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  3. Liebe Anja, ich fühle mit Dir was Du empfindest. Ein Wechselbad der Gefühle. Am liebsten würde ich Dich jetzt in meine Arme nehmen. Aber Du bist stark und ich bin stolz auf Dich und glücklich so eine Tochter zu haben. Was kann sich ein Vater mehr wünschen.

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  4. Liebe Anja, deine Zeilen berühren mich. Ja eine Elefantenhaut kenn ich , im Hospiz erlebe ich sehr viel und es ist wichtig meist eine Elefantenhaut zu haben da ich meine Arbeit gut für die schwerstkranken Menschen machen möchte.
    Gestern nach meinen Dienst hab ich deinen Blogg gelesen und mir wurde ganz warm ums Herz. Gestern war für mich wieder so ein besonderer Tag an dem ich eine ganz dünne Haut hatte und du hast recht, auch das ist manchmal wichtig. Diese Frau betreue ich schon einige Wochen und Sie war schwerkrank, gestern hatte ich wieder viel Zeit den ganzen Tag für die Pflege, das Wohlfühlen und ich machte ihr am Vormittag und am Nachmittag eine Klangmassage bei der sie ganz entspannt war und lächelte. Am Nachmittag ist Sie friedlich während der Klangmassage eingeschlafen. In diesen Momenten ist meine Haut ganz dünn und ich bin so dankbar das ich ihr Gutes hab tun können.

    Danke Anja für deinen Beitrag und du hast recht, es ist schön den Mut zu haben die Elefantenhaut abzulegen:) Ich wünsche dir alles alles Gute:)

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    1. Liebe Erika!
      Vielen Dank für deine lieben und ehrlichen Worte und die schöne Geschichte von deinem gestrigen Tag.
      Ich bewundere dich sehr für den Job, den du machst.
      Alles Liebe
      Anja

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  5. Liebe Anja!!
    Klar darfst du dir jetzt nal zugestehen – die Elefantenhaut abzulegen. Glaub schwierig ist immer zu entscheiden in welchen Situationen das gut ist und in welchen nicht. Bin sicher du findest eine gute Balance!! Freu mich auf deinen nächsten Bericht! Umarm dich – viel Spasz und geniesz die Zeit!!! Glg Elfi

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