#03 – Vom Entscheidungen treffen und sich selbst vertrauen

„Zu viele Köche verderben den Brei.“

Ein altbekanntes Sprichwort, etwas abgedroschen vielleicht… Aber da kann schon auch was dran sein.

Ich bin absoluter Fan davon viele Meinungen einzuholen, weil ich grauenvoll im Entscheiden bin. Die umfangreichere Reiseversicherung oder die abgespecktere? Die Haare braun lassen oder wieder schwarz färben? Zum Ausgehen lieber dieses Kleid oder jene Hose? Ich befrage meine Familie und meine Freunde oder Experten. Und wenn ich ganz verrückt drauf bin, werte ich die Antworten sogar aus. Das wirklich Kuriose an der Sache ist, dass ich mich schon dabei ertappt habe, dass ich gewisse Antworten lieber höre als andere. Ist das zu fassen? Da könnte man ja direkt meinen, ich hätte selbst schon entschieden – oder zumindest eine Meinung dazu. Es fehlt also nur noch der Mut auch zu meiner Entscheidung zu stehen und es durchzuzuziehen. Auch wenn das vielleicht nicht jeder gut findet. Und auch wenn ich dann vielleicht auf die Nase falle.

Das Tückische daran viele Menschen zu befragen ist nämlich, dass das in jede Richtung ausschlagen kann.
– Alle sagen dasselbe und das ist zufällig auch das was ich möchte – wie praktisch!
– Alle sagen dasselbe, aber das will ich eigentlich gar nicht – irgendwie doof. Was nun?
– Jeder sagt etwas anderes oder es ist „unentschieden“ – zurück zum Start.

Und zu Letzterem habe ich erst gestern eine Erfahrung gemacht:
Ich habe in Delhi ein Hotel für 3 Nächte gebucht. Ohne Plan was es zu sehen gibt (das hatten wir ja bereits im letzten Beitrag) oder wo es danach hingehen soll. Der Hotelmanager freut sich. Denn er vermittelt zufällig auch Touren. Ich buche also einen Fahrer bei ihm, der mich zwei Tage lang zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Delhi bringt. Mir kommt das sehr gelegen, weil ich mich vorerst mit der Kultur und dem Land anfreunden will, bevor ich alleine durch die touristenleeren Straßen (ja wirklich, noch keinen einzigen gesehen!) renne, um den richtigen Bus und die richtige Straße zu finden. Dazu komme ich in den nächsten drei Monaten bestimmt noch.

Wie dem auch sei – zu meiner Buchung in Delhi bekomme ich ein Angebot für eine Tour: Jaipur – Agra – Varanasi inkl. Fahrer, Hotels und einem Nachtzug-Ticket. Der gute Mann möchte dafür gleich einen Patzen Geld haben. Mein Bauchgefühl schreit. Ich sage, dass ich derzeit nicht so viel dabei habe und mache eine Anzahlung. (Bitte fragt mich nicht, warum ich nicht einfach um Bedenkzeit gebeten habe…) Jedenfalls bin ich unglaublich verunsichert. Einerseits ist es viel Geld, vor allem für indische Verhältnisse und man soll hier ja handeln habe ich gehört. Andererseits greift sich der Großteil in Österreich auf den Kopf, wenn man von Zugfahren in Indien spricht. Und der Fahrer von Tag eins spricht absolut kein Englisch. Was, wenn der neue Fahrer auch nichts versteht? Jetzt muss ich also Entscheidungen treffen: Tour mit einem Fahrer, der vielleicht wieder nicht passt ja oder nein? Tour zu diesem Preis ja oder nein? Zugfahrt ja oder nein?

Während ich dann bis 3 Uhr Nachts wach im Bett liege und nicht weiß was ich tun soll, befrage ich einen Haufen Alleinreisende Mädls in einer Gruppe auf Facebook. Da es mitten in der Nacht ist, wird der Beitrag noch nicht freigeschalten. Die Antworten bleiben aus, die Spannung steigt.

Ich komme am nächsten Nachmittag total gut gelaunt ins Hotel – der zweite Tag in Delhi war herrlich! Ein anderer Fahrer mit super Englisch (der auch die Tour mit mir machen würde) hat mir viel Zeit bei den Sehenswürdigkeiten gelassen und mir geholfen ein Handy und eine SIM-Karte zu besorgen. Er und die zuständige Person aus der Yogaschule in Goa sowie einige Blogbeiträge im Internet versichern mir, dass die besagte Zugfahrt ungefährlich ist. Läuft bei mir… Somit wären die Fragen bezüglich Zug und Fahrer geklärt.

Dann öffne ich Facebook und finde etliche Kommentare unter meinem nun veröffentlichten Beitrag. Beim Überfliegen wandelt sich meine gute Laune in Panik. Viele Frauen gehen auf die Kosten meiner Tour ein und sind entsetzt wieviel ich dafür bezahlen soll. Es wird mir abgeraten zu buchen und gesagt, dass ich über den Tisch gezogen werde. Ich sollte besser alles selbst organisieren und komme mit Bus und Zug und ganz billigen Hotels locker um die Hälfte weg. Die Verzweiflung ist groß, die Tränen kullern. Ich fühle mich arm und alleine, bin überfordert und ratlos. Ich habe ja bereits eine Anzahlung gemacht und die Tour soll am nächsten Tag losgehen! Was habe ich da nur für einen Fehler gemacht?! Beste Anlaufstation und Dank WhatsApp allzeit bereit: Mama. Sie beruhigt mich und wir beschließen, dass ich nochmal kalkuliere und verhandle. Ich recherchiere die Kosten für Hotel, Fahrer und Zug und mache eine Kalkulation. Und tatsächlich… Ich komme auf den Betrag -20%. Außerdem besinne ich mich nochmal darauf was ich für mich selbst in Delhi beschlossen habe: Bis Goa gönne ich mir gerne einen Fahrer, bin dadurch sicher unterwegs und komme rasch voran. Nach der Yogalehrerausbildung habe ich schließlich noch ausreichend Zeit mich auf eigene Faust durch die hektischen Straßen zur richtigen Busstation zu kämpfen.

Der Beitrag auf Facebook wird auf stumm geschalten und die Kommentare in meinem Kopf beiseite geschoben. Dafür meinem Bauchgefühl und persönlichen Anliegen Platz gemacht. Mit vorher überlegten Argumenten und der Power Pose (im Mentoringprogramm in der Arbeit gelernt; unbedingt googeln und ausprobieren!) gewappnet, handle ich die fast 20% herunter und bin richtig stolz. Nicht nur billiger davon gekommen, sondern auch eine Entscheidung nach Bauchgefühl ganz gegen die Meinung anderer getroffen und die eigene Verhandlungskompetenz auf die Probe gestellt.

Inzwischen bin ich Jaipur gelandet. Die Fahrt war total angenehm und das Hotel ist SPITZE – alleine dafür hat sich der Preis schon gelohnt. Ich bin gespannt wie ich am Ende meiner Reise über die Situation denke. Wenn ich merke, dass es tatsächlich zu viel war, habe ich was fürs Leben gelernt. Wenn nicht… dann auch.
 
… Und wenn die nächste Entscheidung ansteht, versuche ich den Brei dann doch einfach mal alleine zu kochen und mir selbst zu vertrauen die „Richtige“ zu treffen. 🙂

11 Kommentare zu „#03 – Vom Entscheidungen treffen und sich selbst vertrauen

  1. Liebe Anja,

    ich denke Dein Bauchgefühl hat wahrscheinlich recht. Mißtrauen ist sehr wichtig!

    Hast Du es schon beim Reisedienst für Studenten versucht?

    https://www.statravel.de/rundreise-indien.htm
    https://www.statravel.at/erlebnisreisen-young-explorer.htm

    Ich persönlich würde diese teure, meiner Meinung nach nicht so ganz seriöse Tour, stornieren und hoffe Du bekommst die Anzahlung wieder? Ich bin gerade dabei einen Kontakt in Delhi zu generieren. Er ist ein guter Freund eines Lufthansa-Kollegen und wir kennen ihn beide schon sehr lange. Vielleicht bekomme ich die Info schnell? Er hat Geschäfte am Connaught Place in Delhi.

    Gibt es vielleicht ein indisches Reisebüro in der Nähe. Eine Möglichkeit das alles zu organisieren wäre bestimmt besser? Ein Hostel, wo viele junge Leute ihre Reise in Indien unternehmen, auch eine Möglichkeit Erfahrungen auszutauschen.

    Es gibt u.a. einen Nachzug mit 1. Klasse nach Agra. So viel ich weiß fährt der Zug aber sehr früh los und sollte unproblematisch sein. Mir war es zu früh und wir haben als Gruppe damals ein Auto mit Fahrer organisiert. Agra schafft man aber als Tagestour auch.

    Sobald ich einen Kontakt habe, melde ich mich sofort bei Dir und ich hoffe, es klappt auch?

    Paß auf Dich auf und nicht drängen lassen! In Indien hat man meist immer Zeit!

    Liebe Grüße nach Delhi

    Helmuth

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  2. Liebe Anja,

    gerade lese ich, dass Du schon in Jaipur bist, also war meine Antwort zu spät. Um so besser, wenn alles klappt und Du viel zu sehen bekommst und zufrieden bist!

    Nochmals liebe Grüße
    Helmuth

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  3. Habe mehr Selbstvertrauen, denn Deine Entscheidungen ist erfahrungsgemäß gut. Ich kenne Dich und auch aus kleinen Fehlern lernt man. Du bist gut und Du machst mich als Vater stolz. Ich habe vertrauen in Dich und Deine Entscheidungen. Liebe Grüße ins ferne Indien von zu Hause.

    Gefällt 1 Person

  4. Meine liebe Socke!
    Ich glaube , du hast genau die richtige Entscheidung getroffen. Manchmal braucht man dafür halt ein bisserl Zeit. Du hast einen Fahrer, dem du vertraust, du hast jetzt ein schönes Hotel und du bist auf der sicheren Seite.
    Deinen Bericht hast du wieder super geschrieben. ( Ich such schon mal einen Verlag für dein Buch 🙂 )
    Und so wie auf der Karte steht: Von jeder Reise kommt man ein wenig anders zurück- man hat viel Erfahrungen gesammelt, ist Selbstbewusster, hat einen breiteren Blickwinkel und vieles mehr…..
    Bussi deine Mama

    Wünsch dir morgen wieder einen wunderbaren Tag!!!!!

    Gefällt 1 Person

  5. Liebe Anja,

    gestern war ich meinen Papa besuchen und hab ihm den Link zu deinem Blog gegeben. Mit der Anmerkung, dass er sicherlich feststellen wird, dass wir zwei in vielen Dingen sehr ähnlich sind. 🙂

    So hätte ich mich also in deinem Fall genau so entschieden und finde es auch total gut, dass du dich anfangs etwas mehr „führen“ lässt.
    Und ich bin mir sicher, dass am Ende deiner Reise nicht das Geld, das du ausgegeben hast, in Erinnerung bleibt, sondern ausschließlich die Erlebnisse. Denn das ist das, was zählt.

    Und deine Power Pose möchte ich gerne mal kennen lernen und mit dir einstudieren. 😉

    Bussi aus dem saukalten Wien!
    Belli.

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  6. Guten Morgen liebe Anja:) Ich freu mich das das Hotel schön ist und danke für die schönen Bilder die ich manchmal sehe:) Anja ich möchte mich für ein Buch anmelden:) Unfassbar das man so schön schreiben kann!!! alles Gute weiterhin:)

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