#02 – Vom (Nicht-)Schämen

„You have never heard about Agra?!?!“

… So oder so ähnlich klingt es, wenn der Inder an der Rezeption freundlich erstaunt darüber ist, wie wenig vorbereitet man nach Indien kommen kann.

Aber zurück zum Anfang. Zwischen der Namensfindung für den Blog und heute ist einiges passiert. Vom einen oder anderen werde ich noch nachträglich schreiben. Ich denke da beispielsweise an mein Erlebnis vom Rucksack-Packen. Oder dem ersten „Eigentlich-will-ich-da-überhaupt-nicht-hin-und-von-hier-gar-nicht-weg-ich-heul-jetzt-einfach-los-Moment“.

Der erste Blogeintrag aus Indien soll allerdings meiner Erheiterung (und wohl auch die des Rezeptionisten) über mich selbst gelten. Und meinen allerersten Eindrücken von einem für mich völlig fremden Land.

Ich komme also um 10:20 Uhr in Delhi an. Lange Wege. Langes Warten beim Visum. Gemütlicher Geldwechsel. Rucksack am Förderband finden und vom Plastik befreien. Dafür lange auf ein Messer warten. Am Flughafen scheint es, als wären Inder ein recht entspanntes Volk. … Bis ich glaube meine Kamera beim Geldwechsel liegen gelassen zu haben und in die verkehrte Richtung nochmal durch die Sicherheitskontrolle rase. Jene Kamera, die die ganze Zeit um meinen Hals hängt. Das sehen die Securities nicht mehr so entspannt, haben aber wiederum gar keine Eile mich nochmal hineinzulassen. „Please wait here…“ – „But… But my camera. I lost it inside.“ – „Please wait here.“… Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich finde dann also mit all meinen Gepäckstücken den richtigen Ausgang und meinen Fahrer (dem Himmel sei Dank, dass ich mir das am Tag des Abflugs noch organisiert habe – es geht nichts über Spontanität…) und es geht in die Stadt. Schon nehme ich das mit der Entspannung zurück. Ich habe schon einiges über das Autofahren in Delhi gehört. Sich so plötzlich mittendrin wieder zu finden ist dann doch sehr speziell. Die Fahrbahn hat drei Fahrstreifen in jede Richtung. Es fahren trotzdem mindestens fünf Fahrzeuge nebeneinander. Nichtmal mein kleiner Marco Polo-Reiseführer würde dazwischen passen. Blinker werden nicht genutzt. Stattdessen die Hupe. Und zwar ständig. Ich bin hundemüde und immer wieder fallen meine Augen zu. Der Lärm von der Straße hält mich aber dann doch irgendwie diese Stunde Fahrt wach.

Wie wir uns so durch die Straßen schlängeln entdecke ich direkt neben superschicken Gebäuden sehr kaputte Wohnungen. Auf sehr saubere Grünstreifen folgen sehr schmutzige Gassen. Feine Anzüge mischen sich mit abgerissenen Shirts und zerzausten Haaren. Der Fahrer ist wirklich nett und erklärt mir das eine oder andere Gebäude. Lenkt mich ab, als die Kinder an der roten Ampel an die Scheibe klopfen und um Geld bitten. Und fragt mich, ob es auf den Straßen auch so „busy“ ist, da wo ich herkomme. „Nein, nicht ganz so busy.“, sage ich.

Im Hotel angekommen freue ich mich über zwei lächelnde Gesichter an der Rezeption. Ich zeige meinen Pass her und muss ein paar Dinge ausfüllen. Das lächelnde Gesicht fragt mich wie lange ich in Indien bleibe.
„I don’t know.“
„Oh. And about?“
„Three months…?“
„Ok. And how long do you stay in Delhi?“
„Three days I think.“
„Is not fix?“
„No…“ – „Ok. And what is your next destination?“
„Goa.“
„You don’t have a flight to Goa actually?“
„No…“
„Ok. And what would you like to see in Delhi?“
„I don’t know at the moment.“
„Maybe you also want to go to Agra?“
„Maybe…?!“
„You know Agra, don’t you?“
„Ähm. No…“
„Taj Majal? No? You have never heard about Agra?!?!“
„Ähm. No. Sorry. Taj Mahal yes. But Agra not.“
„Wow. We already had guests from Austria and Germay and… But they all knew Agra.“
„Ähm… Yes I need to read and learn a lot about India…“ (big smile, red cheeks)
„Ok. So come back to me later and I will give you a map and tell you a little bit about the places to see.“

Ich muss sagen: Irgendwie habe ich mich in dem Moment wirklich dafür geschämt so GAR nicht vorbereitet zu sein. In ein fremdes Land zu kommen und nicht mal zu wissen was es hier wo zu sehen gibt. Ich, die Durchgeplante.

Und zugleich darf ich sagen: Irgendwie schäme ich mich überhaupt nicht dafür. Ich habe schließlich alle Zeit der Welt. Ich, die Nicht-mehr-Durchgeplante. … Also zumindest bis ich in 10 Tagen in Goa sein muss. Und weder Delhi noch der Rest von Indien laufen mir bis dahin davon.

Ich sitze jetzt also in meinem Zimmer, lausche dem Hupen auf der Straße, durchstöbere meine beiden Reiseführer und das Internet, esse Erdnüsse aus dem Flugzeug und Schoki aus meinem viel zu geringen Vorrat. Und erfreue mich an meiner neu erworbenen Ungeplantheit, ohne die ich ja jetzt nichts zu planen hätte.

21 Kommentare zu „#02 – Vom (Nicht-)Schämen

  1. Ich liebe es wie du schreibst. Und ich muss sagen, ich bin schon ein klein wenig neidisch. Mega Beitrag, und bitte schnell wieder einen neuen. Das macht süchtig 😀
    Denk an Dich.

    Gefällt 1 Person

  2. Viel (oder zu viel) planen im Leben hast du vielleicht von mir. Aber das Leben hat immer wieder Überraschungen für uns bereit. Auch du warst nach 8 Jahren eine nicht geplante Glücksüberraschung. Das Beste ,was uns passieren konnte.
    Der Abschied gestern war schon schwierig, aber wir wissen, dass du wieder kommst.
    Ich wünsche dir eine unvergessliche Zeit. Das du zur Ruhe kommst, zu dir findest und deine Wünsche an die kommenden Wochen in Erfüllung gehen.
    Die letzten Jahre haben viel Kraft gekostet und ich bewundere dich dafür, mit wieviel Konsequenz du deine Projekte durchgezogen hast.
    Jetzt sind vor allem viele neue Eindrücke an der Tagesordnung und ich freu mich, wenn du uns daran teilhaben lässt, mit deiner super Art zu schreiben.
    Ich freu mich schon auf den nächsten Beitrag!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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  3. Liebe Anja,

    ich danke, danke, danke dir so sehr, dass du diesen Blog ins Leben gerufen hast!
    Endlich jemand, den ich „verfolgen“ und dazu noch stolz behaupten kann, dass ich dich kenne und noch besser, dass wir sogar Freundinnen sind!

    Und abgesehen davon, wie sehr ich mich freue, von dir zu lesen, bin ich sehr froh, dass du gut in Delhi angekommen bist.
    Ich finde, dass deine Vorbereitungen auf diese Stadt offensichtlich ganz genau zum Temperament der EinwohnerInnen dort passt. Also hast du alles richtig gemacht und ich kann dich nur darin bestärken, weiterhin die Dinge so gelassen wie möglich zu sehen.
    Speed kills.

    In diesem Sinne wünsche ich dir eine gute restliche Nacht (wenn du das liest, eher einen guten Morgen!) und freue mich schon sehr auf den nächsten Eintrag von dir!

    Gruß und Kuss,
    Belli.

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  4. Liebe Anja,
    Ich freue mich, an deinen Erfahrungen teilhaben zu können! Ich wünsche dir alles Gute, tolle Erlebnisse und eine sichere Reise!
    Alles Liebe Uli

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  5. Guten Morgen Anja:) Da es ja schon Frühstückszeit ist, wünsche ich dir ein interessantes erstes Frühstück in Indien:) Bei uns hat es -7 Grad:) Alles ist angefroren:) Ero war nur ganz kurz im Garten:)
    Anja ich wünsch dir einen schönen Tag:)

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    1. Danke liebe Erika! Heute schüttet es bei uns. Der Mann an der Rezeption sagte, dass es jetzt angenehm und kalt ist. Habe ihm von den -7 Grad in Wien erzählt. 🙂 Schönen Tag!

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  6. Liebe Anja,
    Agra ist wirklich sehenswert, aber niemand kann alle schönen Plätze auf der Welt kennen.
    … und das Taj Mahal ist regelmäßig so überlaufen, dass ich mich im Vergleich dazu sogar beim Trevi-Brunnen in Rom einsam gefühlt habe.
    🙂
    Genieße deine Reise, sammle viele neue Eindrücke und pass auf dich auf.
    Herzliche Grüße
    Inge

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